Publizistin Carolin Emcke im Interview
„Politischer Diskurs ist ein Debakel“

Die Pandemie müsste ein Zeichen sein, um endlich einen gerechten Ausgleich mit dem globalen Süden zu erreichen. Das findet die Publizistin Carolin Emcke. Im Interview spricht sie über Katastrophen der Corona-Kommunikation, das falsche Vorbild China und Karl Lauterbach, für den sie großen Respekt empfindet. Von Stefan Lüddemann
Dienstag, 04.05.2021, 10:25 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 04.05.2021, 10:25 Uhr
Carolin Emcke empfindet das genaue Hinsehen als beste Waffe gegen Hass.
Carolin Emcke empfindet das genaue Hinsehen als beste Waffe gegen Hass. Foto: dpa
Vor einem Jahr haben wir vielleicht noch geglaubt, dass die Zeit mit Corona schnell vorübergehen würde. Inzwischen reiht sich ein Lockdown an den nächsten. Wie erleben Sie diese Zeit? Carolin Emcke: Im ersten und zweiten Lockdown habe ich mein „Journal“ geschrieben. Die akute Situation unterscheidet sich davon, weil ich bemerke, dass meine Geduld aufgebraucht ist. Die Konferenz der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zeigt eine für mich beunruhigende Form der Realitätsverweigerung. Mediziner oder auch der Chef des Ifo-Instituts Clemens Wüst sind sich einig darüber, dass die Lage derzeit außer Kontrolle ist. Darauf hat ja jetzt auch die Kanzlerin reagiert und mit einer Erweiterung des Infektionsschutz-Gesetzes mehr Kompetenzen an den Bund gezogen. Zu Recht. Die Geduld und die Demut, die mir anfangs geboten schien, geht mir inzwischen ab. In Ihrem Buch „Journal. Tagebuch der Pandemie“ schreiben Sie von der „wechselseitigen Verwundbarkeit“ der Menschen und Ihrer Hoffnung, dass uns dieses Bewusstsein humaner machen möge. Hat sich diese Hoffnung für Sie erfüllt? Carolin Emcke: Das Gefühl der wechselseitigen Verwundbarkeit existiert noch. Aber die Konsequenzen, die sich daraus ergeben müssten, werden zunehmend geleugnet. Im letzten Jahr war von Solidarität und Fürsorge die Rede. Es war berührend, dass endlich diese Werte etwas galten. Im Moment ist alles schon wieder in nationale Regression geschrumpft. Alle betrachten nur noch die Lage im eigenen Land. Die Perspektive ist fahrlässig verengt.
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