Sonderveröffentlichung

Wie sich Amalia Sedlmayr in den Sport zurückkämpft
Fieser Fisch

Drei Jahre trank Amalia Sedlmayr unbewusst vergiftetes Wasser. Die lange Leidenszeit schwächte den Körper, aber stählte ihren Willen. 2019 wurde aus einer ambitionierten Triathletin eine aufstrebende Ruderin – vielleicht bald eine paralympische.

Von Sebastian Burg

Wie sich Amalia Sedlmayr in den Sport zurückkämpft: Fieser Fisch
Tokio 2020 zu den Paralympics– und dass trotz einer chronischen Bleivergiftung. Dieses Ziel verfolgt Amalia Sedlmayr mit Hilfe Sportstiftung NRW. WestLotto drückt die Daumen für die Qualifikation. Foto: Sportstiftung NRW

Der fiese Fisch ist im Labor untergetaucht. Die Wasserkaraffe hat Amalia aussortiert. Drei Jahre hauste der bunte, daumengroße Übeltäter in seinem gläsernen Unterschlupf. Tag für Tag, Schluck für Schluck infiltrierte er heimlich sein Gift in die Sportlerin. Der Fisch zwang Amalia ans Limit – körperlich, mental, moralisch. Unterkriegen ließ sich die 28-Jährige jedoch nie.

Muskelschmerz

An einem Morgen im Dezember 2013 beginnt alles im Bad. Faktisch steht Amalia voll im Saft. Die Triathlon-Distanz bewältigt sie unter sieben Stunden. Die abendliche Joggingrunde taugt also nicht als Erklärung, weshalb ihr rechtes Bein plötzlich und schier von jeglicher Kraft verlassen einknickt. Amalia kann sich kaum aufrecht halten. Muskelschmerz. Er ist harmlos verglichen mit dem, was ihr bevorsteht. Nicht nur ihr Körper baut nach und nach ab. „Mein Kopf war Gemüse“, erzählt Amalia. „Ich wurde vergesslich, war schnell reizbar und hatte Schwierigkeiten mit der Sprache. Mein Wortschatz schrumpfte zusammen.“ Eigentlich spricht sie Portugiesisch, Spanisch und Englisch fließend. 2013 zog sie nach Heidelberg, um Übersetzungswissenschaften zu studieren. „Dolmetscher müssen im Kopf schnell schalten können“, weiß sie. Es fiel ihr leicht. Und jetzt das. Das eigene Ich wird Amalia zunehmend fremder. Wie konnte es soweit kommen?

Flohmarkt-Schnäppchen

Ein Fisch gehört ins Wasser, dachte sich die junge Frau, als sie vom Stadtfest „Heidelberger Herbst“ in ihre Studentenbude heimkehrt. Das soeben auf dem Flohmarkt erworbene Schnäppchen machte in der Wasserkaraffe dekorativ sogar etwas her. Amalia und der Deko-Fisch hatten eine Gemeinsamkeit: Wasser ist ihr Element. Im Alter von drei Jahren lernt Amalia das Schwimmen an der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit 17 erzählt ihr Onkel „Joli“ aus Brasilien von seinem neuen Hobby, Triathlon. Amalia ist begeistert. Jolis bester Freund ist Joachim Doeding. Der Top-Triathlet von São Paulo wird Amalias erster Trainer, der Triathlon ihre Leidenschaft.

Krämpfe

Als Amalia 2013 zur Patientin wird, gibt sie den Ärzten Rätsel auf. Sie durchläuft einen Marathon an Fehldiagnosen. Knochenmark, Leber und das zentrale Nervensystemerleiden schwerwiegende Schäden. Nach der vierten Reha 2015 kann sie zehn Meter am Rollator laufen und gilt als „austherapiert“. Ein schlechter Witz für eine Triathletin: „Sie hatten mich aufgegeben.“ Es geht rapide bergab. Niemand erkennt die Ursache. Amalia muss erneut ins Krankenhaus. Ein Assistenzarzt stellt fest, dass ein Test auf Schwermetalle im Blut noch aussteht. Es ist des Rätsels Lösung: Amalia hat seit drei Jahren eine schwere chronische Bleivergiftung. Blei reichert sich in den Knochen anstelle von Calcium an. Eine dauerhafte tägliche Dosis schädigt das Nervensystem und führt zu Lähmungen. „Aus Blei“, erklärt Mutter Esta Maria ihrer Tochter, „waren die kleinen Zylinder, die Angler an ihre Leinen heften, damit der Köder ins Meer sinkt.“ Angler, Fische, Wasser – in Amalias Kopf schließt sich ein Kreis. Die Entgiftungskur dauert bis heute an. Mit Tabletten wird das Blei langsam aus den Zellen gezogen.

Reha-Kampf

Das Internet wird zum Reha-Helfer. Auf ihren zwölf Quadratmetern in Heidelberg recherchiert Amalia Kraft- und Koordinationsübungen und trainiert in Eigenregie täglich eineinhalb Stunden. „Ich träumte vom Joggen am Neckar.“ Nach einem Jahr schafft sie es, ohne Pausen 300 Meter mit dem Rollator zu gehen. Um ihren Studienabschluss kämpft Amalia jedoch zwei Jahre vergebens. Sie bekommt Sprachtherapie: Bildermemory statt Bachelor. Amalia kramt alte Sprachlernbücher aus ihrer Schulzeit heraus und wälzt sie zum zweiten Mal. „Seit 2018 fühle ich mich wieder klar im Kopf“, sagt sie. Im vergangenen Herbst beginnt sie ein neues Studium an der Sporthochschule in Köln. Sie möchte jetzt Trainerin für Menschen mit Einschränkung werden, am liebsten im Schwimmsport. Denn: „In jungen Menschen steckt so viel Potenzial

WM-Luft

Eisern trainiert Amalia nun jeden Tag für ein neues Ziel. Sie hofft auf die Chance im nächsten Jahr an den Ruderwettkämpfen bei den Paralympics teilzunehmen. Wichtiger ist: Amalia ist wieder eine Athletin – mit einem vorangestellten „Para“ statt einem „Tri“. Statt im bewegt sich sie sich auf dem Wasser. Im Frühjahr betrat sie zum ersten Mal den Ruderkeller des RTHC Bayer Leverkusen. In der paralympischen Bootsklasse Mixed-Doppel-Zweier hat Amalia Ende August bereits WM-Luft geschnuppert. Mit Schlagmann Marcus Klemp erreichte sie in Linz den dritten Platz im B-Finale. Eine hartnäckige Erkältung und Gegenwind verhinderten die direkte Qualifikation für die Paralympics 2020. Im Mai werden bei der Para-Ruderregatta im italienischen Gavirate noch zwei Tokio-Tickets vergeben. „Die Chancen stehen ziemlich gut, da wir schon jetzt konkurrenzfähig sind und bei mir noch viel Luft nach oben ist“, sagt Amalia.

Basisförderung

BAföG und Kindergeld sind Amalias einzige Einkommen. „Mir fehlt es bereits an den Basics“, gibt Amalia zu verstehen. „Ich habe zu wenig Trainingskleidung und komme mit dem Waschen nicht hinterher.“ Abzüglich der Miete und scharf kalkulierter Lebenshaltungskosten erlaubt ihr Budget keinen weiteren Spielraum. „Damit würde kein Leistungsruderer annähernd auskommen“, erklärt Jürgen Brüggemann, Geschäftsführer der Sportstiftung NRW. „Solange Amalia Bedarf hat, sind wir deshalb mit unserer Basisförderung zur Stelle.

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