Preußen-Fans
Leiden mit Leidenschaft

Münster -

Leiden sei der Normalzustand eines Fans, behauptet der Schriftsteller und Arsenal London-Supporter Nick Hornby. Der Preußen-Fan kann nur heftig nicken. Ein Essay über die Zuneigung, die der SC Preußen von seinen Anhänger so manches Mal einfordert.

Freitag, 29.04.2016, 11:00 Uhr aktualisiert: 01.05.2016, 16:45 Uhr
Der Stolz der Preußen: Diese Mannschaft spielte 1951 um die Deutsche Meisterschaft in Berlin gegen Kaiserslautern und unterlag mit 1:2.
Der Stolz der Preußen: Diese Mannschaft spielte 1951 um die Deutsche Meisterschaft in Berlin gegen Kaiserslautern und unterlag mit 1:2. Foto: Archiv

Dass eine Beziehung mit Preußen Münster eine schwierige Sache ist, weiß ich seit meinem ersten Besuch im Stadion an der Hammer Straße in der Saison 1971/72. Ein trüber Nachmittag, es regnete in Strömen. Preußen spielte gegen Wattenscheid 09 und quälte sich zu einem 1:0-Sieg (Torschütze: Jeworrek). Ich stand mit Freund Hubert und dessen Vater Theo auf der unüberdachten Gegengeraden. Umzingelt von Beamten und Akademikern, die sich mit Regenschirmen bewaffnet hatten und nicht nur den Schiedsrichter und die Wattenscheider wüst beschimpften, sondern alle und alles. Auch Torschütze Jeworrek bekam sein Fett ab – bis er endlich traf. Seit der Saison 1967/68 ging ich in die Dortmunder „Rote Erde“, aber Fanatismus aus dem Trenchcoat hatte ich noch nie erlebt. Im Preußenstadion lernte ich Flüche, die mir, einem Kind des Ruhrgebiets, bis dahin völlig unbekannt waren. Beispielsweise „barhäuptige Tempelhure“.

Preußen spielt heute in der 3. Bundesliga, was besser ist als der 11. Platz, mit dem man die Saison 1971/72 in der damals fünfgleisigen 2. Liga abschloss. Der Zuschauerschnitt ist heute sogar deutlich höher. 1971/72 betrug er nur 4400. 2005/06, als die Preußen ihren 100. Geburtstag feierten, war er auf 3500 gesunken. Seither hat sich der Zuschauerzuspruch mehr als verdoppelt. Es ist ja nicht so, dass sich in den letzten zehn Jahren nichts getan hätte. Das Problem ist die Vielzahl an Baustellen.

Zum Autor

Dietrich Schulze Marmeling, Fußballbuchautor aus Altenberge, verfasste gemeinsam mit Hubert Dahlkamp „100 Jahre Preußen Münster“, erschienen im Werkstatt-Verlag (2006).

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Sucht man nach einem Knackpunkt in der jüngeren Geschichte der Preußen, wird man in der Saison 1990/91 fündig. Der komplett überflüssige Abstieg aus der 2. Bundesliga schmerzt noch heute. Denn Anfang der 1990er wurden im deutschen Fußball die Weichen neu gestellt. In Preußens Abstiegssaison wurde der SC Freiburg in derselben Liga Neunter. Während Absteiger Münster mit knapp 9000 den dritthöchsten Zuschauerzuspruch verbuchte (nach den Erstligaaufsteigern Schalke 04 und MSV Duisburg), kamen zu den Spielen der Freiburger nur etwas über 4000.

Zwei Jahre später stieg der SC Freiburg in die 1. Bundesliga auf – mit dem Zuschauerschnitt der Preußen aus der Saison 1990/91. Seither sind die Freiburger immer unter den besten 25 Mannschaften Deutschlands. Ende der 1980er waren Preußens Voraussetzungen nicht schlechter als die des SC. Wie Münster war Freiburg eine Stadt der Beamten, Studenten und Kaufleute. Das Stadion des SC befand sich in keinem besseren Zustand als das der Preußen. Und die lokale Politik war dem SC auch nicht besser gesonnen als den Preußen. Aber im Unterschied zu Münster verfolgte man in Freiburg ein kohärentes und langfristig angelegtes sportliches Konzept, von dem heute noch die Freiburger Fußballschule zeugt.

Seit dem Abstieg von 1991 träumt der Preußen-Fan von der Rückkehr in die 2. Liga – mindestens. Jeder Preußen-Vorstand wurde an diesem Ziel gemessen. Für viele Preußen-Fans gibt es keine gesunde Mitte. Man schwankt permanent zwischen viel zu hohen Erwartungen und einem übertriebenen Schlechtreden der Verhältnisse.

Aber seit dem Abstieg von 1991 hat sich die Fußballlandschaft gewaltig verändert. Neue Player haben den Markt betreten (Leipzig, Ingolstadt), fast alle Drittligisten haben bessere (und einnahmeträchtigere) Spielstätten als die Preußen. Das Beste wäre wohl, das Thema 2. Bundesliga erst einmal aus den Köpfen zu streichen. Zumindest in seiner kurzfristigen Version. Unter den gegebenen finanziellen, infrastrukturellen und politischen Voraussetzungen werden die Preußen vermutlich auch in den nächsten Jahren in der Drittklassigkeit verharren. Was nicht schlimm ist, denn wir kicken in einer ordentlichen und attraktiven Liga. Wichtiger ist mir, dass eine Weiterentwicklung erkennbar ist, spielerisch wie konzeptionell, für die man nicht immer den aktuellen Tabellenplatz als Maßstab nehmen sollte. Man kann auch im Mittelfeld landen und hat trotzdem einen Schritt nach vorne gemacht.

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