DFB-Frauen
Klausurstress an der Algarve für Abwehrchefin Oberdorf

Bei der gelungenen WM-Revanche gegen Schweden zum Start in den Algarve-Cup war sie die beste Spielerin auf dem Platz. Mit ihren 18 Jahren ist Lena Oberdorf in der Nationalelf als Abwehrchefin gesetzt. Und muss nebenbei noch ganz andere Herausforderungen meistern.

Donnerstag, 05.03.2020, 16:08 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 16:10 Uhr
Lena Oberdorf ist die neue Abwehrchefin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft.
Lena Oberdorf ist die neue Abwehrchefin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Foto: Sebastian Gollnow

Faro (dpa) - Auf dem Trainingsplatz stand Deutschlands neue Abwehrchefin Lena Oberdorf am Donnerstagvormittag nicht.

Das lag aber weniger an der leichten Oberschenkelblessur, die sich die verheißungsvollste deutsche Fußball-Nationalspielerin beim siegreichen Start in den Algarve-Cup zugezogen hatte. Und auch nicht am ungewohnt regnerischen Schmuddelwetter im Süden Portugals.

Nein, die seit dem 19. Dezember volljährige Oberdorf musste im Teamhotel Hilton Conrad Algarve in Almancil eine Klausur schreiben. Vier Stunden und 15 Minuten hatte sie Zeit für die theoretische Abhandlung im Sport-LK zum Thema «Bewegungslehre und Motivation».

Noch geht die Bundesliga-Spielerin der SGS Essen zur Schule, demnächst stehen die Abitur-Prüfungen an. «So langsam gewöhnt man sich dran. Ich habe aber auch eigentlich keine große Angst vor Klausuren», sagte Oberdorf am Nachmittag. Das sollte sie auch nicht, denn am Montag steht ebenfalls noch während des Turniers eine Mathe-Klausur an. «Ich fange heute an zu lernen. Aber eigentlich verstehe ich Mathe ganz gut», sagte sie schmunzelnd. Auf dem Plan stehen Exponentialfunktion und Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Wenn sie ihren schulischen Herausforderungen so überzeugend nachkommt wie ihrer Pflicht auf dem Platz, müsste der Abi-Schnitt im Einser-Bereich liegen. Den Auftritt beim 1:0-Sieg gegen Schweden jedenfalls bewertete das Fachmagazin «Kicker» mit einer 1,5. Keine andere deutsche Spielerin erhielt eine bessere Note.

Mit gerade einmal 18 Jahren ist die Gymnasiastin aus Gevelsberg in der DFB-Elf im Abwehrzentrum gesetzt. Bei der verkorksten Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer zählte Oberdorf zu den ganz wenigen Gewinnerinnen. Mit 17 Jahren, fünf Monaten und 20 Tagen hatte sie gegen China ihr WM-Debüt gegeben und in ihrem vierten Länderspiel eine DFB-Bestmarke geknackt: Bei ihrem ersten WM-Einsatz war Oberdorf 52 Tage jünger als Rekordnationalspielerin Birgit Prinz. Und bei der Revanche für das Viertelfinal-Aus spielte sie bis zu ihrer Auswechslung erneut so abgezockt und clever, dass die Schwedinnen während der gesamten 93 Minuten nur eine echte Torchance hatten.

Dabei schafft Oberdorf nicht nur einen Spagat zwischen Schule und Leistungssport, sondern auch ein bemerkenswertes Wechselspiel zwischen Verein und Nationalmannschaft. In Essen spielt sie meist im defensiven Mittelfeld. Auch die Zehner-Position hat sie dort schon ausgefüllt. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg jedoch sieht den Teenager im Nationaltrikot als erste Wahl in der Innenverteidigung.

«Ich glaube, ihre Zukunft liegt auf dieser Position, weil sie von dort sehr viel Dynamik auslösen kann», sagte die 52-Jährige. Mit ihrem Club gebe es die klare Absprache, «dass wir es gut finden, wenn sie dort auf der Sechs oder auch mal auf der Zehn spielt», berichtete Voss-Tecklenburg. «Das hilft ihr, weiter zu lernen und sich zu entwickeln.» Bislang verläuft dieser Entwicklungsprozess derart rasant, dass Oberdorf schon jetzt zu den Führungsspielerinnen und auch zu den gefragten Gesprächspartnerinnen der Nationalelf zählt.

Als sie am Mittwochabend aus den Katakomben des Estadio Algarve trat, musste sie ihr Telefongespräch abbrechen, weil das verbandseigene DFB-TV sie interviewen wollte. Voss-Tecklenburg jedenfalls weiß um die Bedeutung Oberdorfs. «Keine Frage, dass Obi ein großes Talent ist. Das sehen alle, die sie Fußball spielen sehen», sagte sie.

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