20 Jahre nach Energie-Wunder
Aufstiegs-Trainer «Ede» Geyer: Zweikampf schon vor Anpfiff

Eigentlich hat der Aufstiegs-Trainer Eduard Geyer alles noch klar vor Augen: Genau vor zwei Jahrzehnten schießt sich der FC Energie hoch in die Bundesliga. Der Ex-Coach sieht jetzt aber noch mal ganz genau hin und weiß den Grund: Den ersten Zweikampf gab's schon vor dem Anpfiff.

Montag, 25.05.2020, 11:26 Uhr aktualisiert: 25.05.2020, 11:28 Uhr
Führte Energie Cottbus einst in die Bundesliha: Eduard Geyer.
Führte Energie Cottbus einst in die Bundesliha: Eduard Geyer. Foto: Ralf Hirschberger

Cottbus (dpa) - «Ede» Geyer hat alles noch auf Kassette. «Jetzt nach 20 Jahren habe ich mir das wieder angeguckt», berichtet der einstige Held der Lausitz.

Am 26. Mai 2000 kämpfte sich der kleine FC Energie Cottbus mit Trainer Eduard Geyer in die große Bundesliga - ein Fußball-Wunder, das es in der Form wohl nicht mehr geben wird. «Da kann man schon stolz darauf sein», sagt Geyer zwei Jahrzehnte nach dem Sprung in die Beletage. «Man denkt natürlich immer dran. Aber jetzt, da man mehr Zeit hat, habe ich mir einige alte Sachen erstmals wieder angesehen. Ich habe ja eine Haufen Kassetten mit Spielen und Interviews.» Videokassetten hießen damals die Aufzeichnungsspeicher.

Das Städtchen Cottbus im östlichsten Teil des Landes war im Ausnahmezustand, als der FC Energie an jenem denkwürdigen Freitag in Liga zwei den 1. FC Köln empfing. «Dieses Spiel war für uns wie vier Mal Weihnachten an einem Tag», erinnert sich der damals eisenharte Verteidiger Christian Beeck, heute 48: «Die gesamte Lausitz stand stramm.» Energie-Legende Detlef Irrgang und Vasile Miriuta, dermarkante Glatzkopf aus Rumänien und später einer der Geyer-Nachfolger, sorgten mit ihren Toren für das 2:0, und ganz Deutschland wollte wissen: Wie haben die denn das geschafft?

«Wir hatten einige Typen wie Detlef Irrgang oder Jens Melzig. Auch viele Ausländer. Natürlich hatte ich auch mal Krach mit den Spielern, aber wir haben uns zusammengerauft», nennt der inzwischen 75 Jahre alte Geyer nochmals die Hauptgründe. «Dieser Elan, dieser Biss, dieser Wille, wie sie gespielt haben, das hat uns ausgezeichnet. Es war noch gar nicht angepfiffen, da sind sie in den ersten Zweikampf gegangen», sagt der ehemalige Dresdner Dynamo-Verteidiger der Deutschen Presse-Agentur. Heute, so Geyer, würde er oft etwas anderes beobachten: «Jetzt spielen sie 70 Mal den eigenen Torwart an.»

Für Geyer war der Aufstieg mit Energie auch eine persönliche Genugtuung. «Nach der Wende musste auch ich als Trainer neu anfangen, musste meine Ruf wieder erneuern», erklärt der Sachse. Dabei war er zuvor schon als Coach Meister mit Dresden und auch der letzte DDR-Nationaltrainer. Doch erst sein Engagement ab 1994 beim damals drittklassigen FC Energie brachte Geyer in die Bundesliga.

«Man kennt alles noch genau, sogar wie die Tore gefallen sind», sagte der Ex-Coach. Im Pokal schaffte es Energie 1997 ins Endspiel, verlor gegen den VfB Stuttgart mit dem damaligen Trainer Joachim Löw 0:2. In zwei Aufstiegsspielen gegen Hannover 96 kamen die Cottbuser in die 2. Liga. Und später in der Bundesliga schlugen sie sogar den FC Bayern. «Jeder Trainer hat schon richtig vor das Geweih gekriegt. Aber das man auch das Positive erleben durfte, das ist das Schöne», betont Geyer als Fußball-Rentner zum 20. Aufstiegs-Jahrestag.

«Im Nachhinein war es etwas Großartiges, was wir erreicht haben», bemerkt Geyer. «Zumal unter den Bedingungen: Es gab eine Sekretärin, einen Co-Trainer, Manager Klaus Stabach, Präsident Dieter Krein und mich. Heute sind 17 Leute und mehr im Trainerstab. Es gibt Ernährungswissenschaftler, Psychologen, Experten aus anderen Sportarten. Und alle quatschen mit rein. Das ist überzogen.»

Präsident Krein hatte nach dem historischen Spiel gegen Köln eine Verdoppelung des Etats auf 26 Millionen Mark angekündigt und wollte trotzdem das «Grundprinzip der Bescheidenheit» aufrecht erhalten. Inzwischen spielt Energie aus dem 100.000-Menschen-Städtchen Cottbus nur noch in der Regionalliga. Und Geyer sind manche Dinge fremd geworden in der Profiwelt, obwohl er alles noch intensiv verfolgt. «Der Fußball wird heute überhöht und kompliziert. Der Fußball ist anders geworden. Vor allem weil man im Fußball viel Geld verdienen kann. Und relativ leicht verdienen kann. Viele Dinge sind krank.»

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