DFB-Pokal der Frauen
Erstes Geister-Endspiel: Wolfsburg auf Rekordkurs

VfL Wolfsburg - wer sonst? Kaum jemand zweifelt am sechsten Pokalsieg des deutschen Frauenfußball-Meisters in Serie im Finale gegen die SGS Essen. Doch in dieser Erwartungshaltung sieht der Außenseiter im ersten Geister-Endspiel des deutschen Fußballs seine Chance.

Freitag, 03.07.2020, 16:08 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 16:10 Uhr
Die Wolfsburgerinnen wollen zum sechsten Mal den DFB-Pokal gewinnen.
Die Wolfsburgerinnen wollen zum sechsten Mal den DFB-Pokal gewinnen. Foto: Hauke-Christian Dittrich

Köln (dpa) - Hungriger Seriensieger, mutiger Außenseiter - vor dem Pokalfinale im Frauenfußball sind die Rollen klar verteilt. Meister und Titelverteidiger VfL Wolfsburg geht als haushoher Favorit in die Partie am Samstag (16.45 Uhr/ARD) in Köln gegen den Bundesliga-Fünften SGS Essen.

Doch die Demut der Essenerinnen vor dem scheinbar übermächtigen Gegner hält sich Grenzen. Die künftige Wolfsburgerin Lena Oberdorf gab sich kämpferisch: «Ich stehe noch in Essen unter Vertrag und werde alles dafür tun, dass wir gewinnen. Deshalb müssen sich die Wolfsburgerinnen auch damit abfinden, dass wir den Pokal mit nach Essen nehmen.»

Es könnte den Frauen aus dem Essener Vorort Schönebeck zum Vorteil gereichen, dass sie nichts zu verlieren haben. Schließlich erscheint die Dominanz der Wolfsburgerinnen im deutschen Frauen-Fußball derzeit erdrückend. Gemäß ihrem Slogan «Immer hungrig» ging in dieser Saison wettbewerbsübergreifend bisher keine einzige Partie verloren. Die Bundesliga-Spielzeit endete am vergangenen Wochenende mit 20 Siegen, zwei Remis und einer imposanten Tordifferenz von 93:8. Zudem ist der VfL im Pokal seit November 2013 ungeschlagen und gewann die Trophäe zuletzt fünf Mal in Serie. Mit einem weiteren Triumph wäre die Bestmarke des einstigen Seriensiegers 1. FFC Frankfurt (1999 bis 2003) übertroffen.

Bei allem Respekt vor dem Gegner hofft Stephan Lerch auf eine weitere Machtdemonstration seines Teams: «Wir müssen versuchen, unsere PS auf den Platz zu bekommen. Dann denke ich, dass wir uns am Ende durchsetzen können. Wir wollen unsere sehr starke Saison krönen und den zweiten Titel einfahren.» Als Selbstläufer sieht er das Duell jedoch nicht: «Es ist ein anderes Spiel als in der Liga, ein Alles-oder- Nichts-Spiel. Es kann alles passieren. Da spielt der Kopf eine entscheidende Rolle.»

Im Vergleich zum Gegner könnte es dem Underdog aus Essen an spielerischer Klasse mangeln - nicht aber an Motivation. Denn anders als für den erfolgsverwöhnten VfL ist das Finale für die meisten Essenerinnen etwas ganz Besonderes. «Ein Sieg wäre das Beste, was wir mit der SGS jemals erreicht hätten. Für mich wäre gerade es ein Highlight der Karriere. Das hätte einen Riesenstellenwert», sagte Mannschaftsführerin Irini Ioannidou.

Das erste Pokalfinale für den Club seit 2014 soll am Ende der langen Corona-Saison noch einmal letzte Kräfte mobilisieren. Trainer Markus Högner hofft auf einen Coup: «Dazu brauchen wir einen Tag, an dem alle über sich hinauswachsen. Aber ich bin da sehr zuversichtlich.»

Für Essen könnte es die vorerst letzte Gelegenheit sein, sich auf großer Bühne zu zeigen. Mit Lea Schüller, Marina Hegering (beide Bayern München), Turid Knaak (unbekannt) und Lena Oberdorf (VfL Wolfsburg) verlassen gleich vier Nationalspielerinnen den Club. Abwehrspielerin Hegering hält das für einen Vorteil: «Es ist das letzte Spiel für uns als Team in dieser Konstellation, das setzt Energien frei», sagte sie der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung». Trainer Högner sieht es ähnlich: «Wir werden im nächsten Jahr einen Riesenumbruch haben. Es wäre schön, diesen Umbruch mit einem Titel einzuleiten.»

Im Mittelpunkt des Geschehens dürfte die erst 18 Jahre alte Oberdorf stehen. Dem Vernehmen nach zahlte Wolfsburg für die Mittelfeldspielerin eine Ablösesumme im hohen fünfstelligen Bereich - ein für den deutschen Frauenfußball eher ungewöhnlicher Vorgang.

Dass der Showdown gegen Wolfsburg und ihr Abschied von Essen aufgrund der anhaltenden Corona-Krise vor leeren Rängen stattfinden, findet Oberdorf «richtig schade»: «Besonders für die Spielerinnen, für die das Spiel das Highlight der ganzen Karriere sein könnte. Es wäre toll gewesen, wenn wenigstens die Freunde und die Familien dabei sein könnten. Das hätte doch auch mit dem nötigen Abstand klappen können», sagte sie dem NDR.

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