Fußball: DFB-Pokal
Borussia Dortmund beendet Titel-Sehnsucht und Finaltrauma mit 2:1 über Frankfurt

Berlin -

Geschlagene fünf Jahre musste Borussia Dortmund auf diesen Moment warten. Im fünften Endspiel seit 2013, dem vierten in Berlin in Serie, durfte Schwarzgelb am Samstagabend dann doch mal die Trophäe in die Luft recken. Das Finale im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt war allerdings lange eine zähe Angelegenheit. Am Ende siegte der Favorit verdient mit 2:1 (1:1).

Samstag, 27.05.2017, 22:27 Uhr aktualisiert: 28.05.2017, 12:02 Uhr
Fußball: DFB-Pokal : Borussia Dortmund beendet Titel-Sehnsucht und Finaltrauma mit 2:1 über Frankfurt
Schütze des endscheidenden Treffers: Pierre-Emerick Aubameyang Foto: Imago

Es war 22.18 Uhr, als Kapitän Marcel Schmelzer den Pott in den Nachthimmel hievte. Nach einer in vielerlei Hinsicht speziellen Saison war nicht nur ein versöhnlicher, sondern ein grandioser Schlusspunkt gefunden aus BVB-Sicht. Es war der vierte Sieg in diesem Wettbewerb. Die Schlachtenbummler honorierten es, indem sie ihr Team ausgelassen wie ausdauernd hochleben ließen.

Coach Thomas Tuchel, der dennoch vor einer ungewissen Zukunft steht, genoss den Triumph eher zurückhaltend, freute sich kurz mit seinem Trainerteam, schüttelte dann schnell der Konkurrenz die Hand und wagte sich erst anschließend zu seinen Schützlingen. Am Ende gab es auch die innige Umarmung mit Clubchef Hans-Joachim Watzke. Nach drei Niederlagen im Pokal-Endspiel am Stück war bei allen Dortmundern eine gewisse Erleichterung zu spüren. Erst recht bei Marco Reus, der zur Pause mit einer Knieverletzung runter musste, aber am Ende seinen allerersten Titel gewann.

Tuchel sagte hinterher: "Wir haben alle Ziele erreicht, alle sind glücklich. Ich bin echt leer nach diesem Spiel. Die Eintracht hat ein tolles Spiel geliefert." Zu seiner Perspektive meinte er: "Es wird Gespräche geben, und ich bin nicht naiv, die sind mindestens ergebnisoffen. Ich habe nicht so viele Erwartungen. Meinen Vertrag will ich natürlich erfüllen." Schmelzer betonte: "Wir sind stolz, das war die Krönung der Saison."

Besonderer Tag

Es war auch das Ende eines einmal mehr besonderen Tages an der Spree. Die Stadt, gerade der Westteil, wirkte schon ab Freitag wie in einen schwarz-gelben Farbtopf getaucht. Das war in den vergangenen drei Jahren nicht anders. Diesmal hielt allerdings eine hessische Anhängerschaft dagegen, für die das Finale alles andere als alltäglich ist.

Rund um den Alexanderplatz feierten Frankfurts Fans die besonderen Momente, während sich die Dortmunder Gäste wie üblich rund um den Kurfürstendamm tummelten. Alles blieb weitgehend friedlich. Die ganz besondere Finalatmosphäre ist mittlerweile wieder buchstäblich für den Höhepunkt dieses Wettbewerbs.

Vielleicht war die emotionale Wiedergeburt des zu Beginn des Jahrtausends leicht eingeschlafenen DFB-Pokals das Aufkreuzen des BVB in der Hauptstadt 2008, als es eine knappe 1:2-Niederlage in der Verlängerung gegen Bayern München gab, aber die Liebe zu Berlin und seinem Olympiastadion neu entflammte.

DFB-Pokal: Der Weg ins Finale

1/10
  • In der ersten Runde traf Borussia Dortmund auf Regionalligist Eintracht Trier. Nach einem Doppelpack von Shinji Kagawa und einem Treffer von Andre Schürrle bereits in der ersten Halbzeit war die Partie früh entschieden. Das 3:0 war gleichzeitig das Endergebnis.

    Foto: Harald Tittel
  • Beinahe wäre Eintracht Frankfurt bereits in der ersten Pokalrunde ausgeschieden. Gegen den 1. FC Magdeburg erzielte Branimir Hrgota zwar schon nach sieben Minuten das 1:0, doch der Drittligist schlug in Person von Nico Hammann in der 86. Minute zurück. Nach einer torlosen Verlängerung inklusive gelb-roter Karte für Michael Hector siegte Eintracht im Elfmeterschießen mit 4:5.

    Foto: dpa
  • Borussia Dortmund musste eine Runde später ins Elfmeterschießen – gegen Zweitligist Union Berlin. Nach Toren von Jacob Bruun Larsen und Steven Skrzybski in der regulären Spielzeit blamierte sich Union vom Punkt. Bei drei Versuchen gelang kein einziger Treffer, während Dortmund dreimal einnetzte. Torwart Roman Weidenfeller war der Held des Abends.

    Foto: Ina Fassbender
  • 4:1 nach Elfmeterschießen endete auch die Zweitrunden-Partie der Eintracht. Im Bundesliga-Duell mit dem FC Ingolstadt fiel in den ersten 120 Minuten kein einziger Treffer. Lucas Hradecky bewies dann starke Nerven und sicherte den Hessen den Sieg.

    Foto: dpa
  • Auf Borussia Dortmund wartete im Achtelfinale ein wahrer Brocken. Die damals noch formstarke Hertha aus Berlin gastierte im Signal-Iduna-Park. Salomon Kalou brachte die Hauptstadttruppe mit 1:o (27.) in Front. Kurz nach der Pause glich Marco Reus für Dortmund aus. Ein weiterer Treffer gelang keinem der Teams, sodass erneut ein Elfmeterschießen entscheiden musste. Während bei Dortmund nur Christian Pulisic die Nerven versagte, verschossen bei der Hertha mit Fabian Lustenberger, Vladimír Darida und Salomon Kalou gleich drei Schützen.

    Foto: Bernd Thissen
  • Die Eintracht musste zu ihrer Achtelfinal-Partie nach Niedersachsen reisen. Und nach einer Stunde lagen die Frankfurter durch ein Tor von Martin Harnik mit 0:1 zurück. Taleb Tawatha (62.) und Haris Seferovic (66.) drehten per Doppelschlag jedoch die Partie. In der Nachspielzeit hat Eintracht dann Dusel: Salif Sané verschießt einen Strafstoß. Danach ist direkt Schluss.

    Foto: dpa
  • Auch wenn Borussia Dortmund sein Viertelfinale am Ende recht deutlich mit 3:0 gegen die Sportfreunde Lotte gewinnen konnte, war es eine der aufsehenerregenden Partie des Wettbewerbs. Das lag daran, dass das Spiel eigentlich bereits eine Woche zuvor stattfinden sollte. Wegen des sumpfigen Rasens in Lotte und einem heftigen Regenschauer am Spieltag musste die Partie verlegt werden. Der Sensations-Viertelfinalist aus Lotte hielt lediglich in der ersten Hälfte gut mit. Im zweiten Durchgang trafen dann Christian Pulisic (57.), André Schürrle (66.) und Marcel Schmelzer (83.) für den BVB

    Foto: UweSpeck
  • In einer ausgeglichenen Viertelfinal-Begegnung zwischen Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld erzielte Danny Blum (6.) früh das goldene Tor des Tages.

    Foto: Andreas Arnold
  • Der FC Bayern stand im Halbfinale gegen den BVB bereits mit einem Bein im Finale. Vor heimischem Publikum hatten die Süddeutschen den 0:1-Rückstand durch Marco Reus durch Treffer von Javi Martinez und Mats Hummels in eine Führung gedreht. Der BVB lief nur noch hinterher und Sven Bender kratzte einen Robben-Schuss spektakulär von der Linie. Dann bekam die Borussia noch einmal die zweite Luft. Pierre-Emerick Aubameyang (69.) und Ousmane Dembélé (74.) drehten das Spiel mit zwei Toren erneut und sorgten für grenzenlosen schwarz-gelben Jubel beim Schlusspfiff.

    Foto: dpa
  • 7:6 nach Elfmeterschießen – bereits zum dritten Mal gewann Eintracht Frankfurt im Halbfinale erst bei der Lotterie vom Punkt. Gegner Borussia-Mönchengladbach zog den Kürzeren. Die Freude bei den Eintracht-Spielern war riesig, schließlich winkt den Hessen im Finale gegen Borussia Dortmund der erste große Titel seit 1988. Damals gewann Frankfurt letztmals den DFB-Pokal. Gegner war der VfL Bochum.

    Foto: dpa

Seitdem hat sich nun bereits zum fünften Mal eine beeindruckende Karawane aus dem Ruhrpott Richtung Osten aufgemacht. Gänsehautstimmung war garantiert, und zwar lange bevor die Protagonisten den Rasen betraten. Die einen huldigten Jürgen Grabowski, ihrem Idol aus den 70ern, die anderen Norbert Dickel, dem Helden von 1989.

Überraschende Aufstellungen

Vor dem Anpfiff beherrschten die sich andeutenden Abschiede von Bundesliga-Torschützenkönig Pierre-Emerick Aubameyang (freiwillig, vielleicht zu Paris St.-Germain) und Chefcoach Thomas Tuchel (erzwungen aufgrund allseits kolportierter atmosphärischer Störungen) die Schlagzeilen. Doch mit dem Anpfiff wurden die beiden Personalien vorerst zu Randnotizen.

Ein paar Überraschungen lieferten die Aufstellungen. Weniger das Mitwirken des zuletzt angeschlagenen Borussia-Kapitäns Marcel Schmelzer, der ausnahmsweise in die Dreierkette rückte - dafür der Verzicht auf Mittelfeld-Ballverteiler Nuri Sahin. Für ihn spielte Matthias Ginter auf der Sechs. Eintracht-Coach Niko Kovac setzte vor der Abwehr auf Slobodan Medojevic und im Angriff auf Ante Rebic, während die Mittelstürmer Alexander Meier und Branimir Hrgota erstmal auf der Bank blieben. Angeordnet war der Außenseiter im 3-4-3-System.

Blitzstart des BVB

Die ersten Minuten bekamen nicht alle Zuschauer im Rund in Gänze mit, da der Dortmunder Block dicke Rauchschwaden verursacht hatte. Als sich der Nebel verzogen hatte, bestätigte sich für den Moment, was alle vermutet hatten. Die schwächste Rückrundenmannschaft setzte auf einen kompakten Defensivstil, der BVB übernahm das Kommando - und legte gleich den Traumstart hin: Lukasz Piszczek bediente Ousmane Dembelé, der mit einer Körpertäuschung Jesus Vallejo austrickste und elegant aus spitzem Winkel zum 1:0 vollendete (8.). Was für ein Auftakt! Und mit ihm war das Konzept der Eintracht bereits über den Haufen geworfen.

Doch die SGE musste offenbar zu ihrem Glück gezwungen werden und zeigte prompt, dass sie mehr kann als mauern. Rebic, der viele gute Szenen hatte, bediente Timothy Chandler mit einer Flanke, doch der Kopfball des US-Boys segelte knapp drüber (20.). Auch Rebic und Seferovic bedrängten den Kasten eindringlich (26.). Das Chancenplus lag plötzlich bei den Hessen - was sich schnell auszahlte: Das Durchsetzungsvermögen und das geniale Auge von Mijat Gacinovic brachten Rebic in die perfekte Position, der mit einem Schlenzer Keeper Roman Bürki zum 1:1 überwand (29.). Der Hang der Borussen zu Passivität und sogar Überheblichkeit wurde umgehend bestraft.

Comeback des Außenseiters

War die frühe Führung etwa Gift? Aubameyang war komplett abgemeldet, Marco Reus, der zwischendurch behandelt werden musste, auch kaum zu sehen. In der Zentrale wirkte Ginter zu oft allein auf sich gestellt und überfordert. All das bemerkten auch die Zuschauer. Die einen wirkten fast konsterniert, die Frankfurter Kurve explodierte in der Phase vor der Pause geradezu.

Was nur los gewesen wäre, wenn der Außenseiter den zweiten Treffer gemacht hätte… Seferovic hatte ihn nach herrlichem Doppelpass mit Rebic auf dem Fuß, scheiterte aber aus 13 Metern am Pfosten (39.). Keine Frage, in die Halbzeit retteten sich die Borussen.

Pfeifkonzert in der Halbzeit

In den Kabinen dürften alle 22 Spieler das gellende Pfeifkonzert beider Fanlager mitbekommen haben, das Schlager-Superstar Helene Fischer für ihren Auftritt schon vor dem ersten Ton kassierte. Mit dieser Buchung tat der DFB der Sängerin keinen Gefallen. So viele Buhrufe bekommt sonst kein Schiedsrichter der Welt für Fehlentscheidungen und nicht mal der Verband selbst, der seit jeher ein Feindbild der Kurven, die sich gegen jeden Ansatz von Kommerz auflehnen, ist. Naja, ganz unberechtigt war die Skepsis nicht.

Entgegen allen Ankündigungen dauerte die Pause doch ein paar Minuten länger. Was aber auch an den erneuten Pyrovergehen beider Anhängerschaften galt. Aus den SGE-Reihen flogen sogar Bengalos aufs Feld.

Dortmunder wieder aktiver

Tuchel hatte jedenfalls garantiert kein Ohr für die Musik und kein Auge für die Auswüchse der Ultras. Er wechselte gleich doppelt. Gonzalo Castro kam für den wieder angeschlagenen Schmelzer, sodass Ginter in die Kette rückte, dazu ersetzte Christian Pulisic den doch schwerer getroffenen Reus, dessen Leidenszeit also ein weiteres Kapitel hinzugefügt wurde. Die Dortmunder legten aber sofort einen Zahn zu und hatten durch Shinji Kagawa die erste Chance der zweiten Hälfte (50.). Er scheiterte an Torhüter Lukas Hradecky, im Nachsetzen löffelte Pulisic den Ball über den Kasten.

Das war schon etwas gefälliger als im ersten Abschnitt, aber bis Mitte des Abschnitts trotzdem nicht der nominellen Überlegenheit der Einzelspieler angemessen. Frankfurt störte gut, blieb vorne gefährlich und hatte doch riesiges Glück, als Aubameyang in seiner ersten auffälligen Szene nach Dembelé-Flanke artistisch zum Seitfallzieher ansetzte und Marco Fabian den Ball auf der Linie noch an den eigenen Pfosten lenkte (63.). Jetzt deutete sich die individuelle Qualität des Bundesliga-Dritten doch vermehrt an.

Erneute BVB-Führung

Dann die 67. Minute: Pulisic drang nach Raphael Guerreiros Anspiel in den Sechzehner ein, bewegte sich aber eher vom Tor weg. Hradecky konnte nicht mehr weichen, brachte den Youngster zu Fall und beschwerte sich gar nicht erst über den Elfmeterpfiff von Referee Deniz Aytekin. Aubameyang ließ sich diese Gelegenheit nicht nehmen und düpierte den Finnen per Lupfer vom Punkt (67.). Das 2:1 - womöglich sein Abschiedsgeschenk.

Stimmen zum Spiel

Die Eintracht musste nun wieder den Weg nach vorn suchen. Dafür kam Clubikone Alexander Meier für Chandler rein, doch der Punch wollte nicht mehr gelingen. Ein Seferovic-Abschluss war zu harmlos (74.), Meiers Versuch wurde im letzten Moment abgefälscht (79.). Aubameyang drückte bei einem Konter das Leder auf der Gegenseite ebenfalls noch mal ans Lattenkreuz (85.). Es blieb also spannend.

Doch als Meier die Kugel im Strafraum in guter Position unglücklich vom Fuß sprang (90.+2), war der Traum der Frankfurter zerplatzt. Den Applaus ihrer Fans hatte die tapfer kämpfende Truppe dennoch gewiss. Sie war als würdiger Endspiel-Gegner aufgetreten. "Wir haben dem BVB alles abverlangt. Das war Werbung für den Fußball. Der Gegner war etwas besser", sagte Kovac, der in seiner Heimatstadt gerne den Pokal mitgenommen hätte.

Statistik

Mannschaftsaufstellungen

SGE: Hradecky - Hector, Abraham, Vallejo - Chandler (72. Meier), Medojevic (56. Tawatha), Gacinovic, Oczipka - Fabian (79. Blum), Seferovic, Rebic

BVB: Bürki - Bartra (76. Durm), Sokratis, Schmelzer (46. Castro) - Piszczek, Ginter, Guerreiro - Dembelé, Kagawa - Aubameyang, Reus (46. Pulisic)

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Altenberg)

Tore: 0:1 Dembelé (8.), 1:1 Rebic (29.), 1:2 Aubameyang (67./FE)

Zuschauer: 74 322 (ausverkauft)

Gelb: Gacinovic, Hradecky, Abraham / Dembelé

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4882127?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686217%2F2820513%2F
Nachrichten-Ticker