So., 28.05.2017

Fußball: DFB-Pokal Trainerfrage überlagert Fluch-Ende beim BVB

Der Pott für den Pott: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichte den DFB-Pokal an BVB-Kapitän Marcel Schmelzer. Für Pierre-Emerick Aubameyang (kleine Bild links) könnte das die Abschiedsvorstellung gewesen sein, für Trainer Thomas Tuchel (kleines Bild rechts) auch.

Der Pott für den Pott: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichte den DFB-Pokal an BVB-Kapitän Marcel Schmelzer. Für Pierre-Emerick Aubameyang (kleine Bild links) könnte das die Abschiedsvorstellung gewesen sein, für Trainer Thomas Tuchel (kleines Bild rechts) auch. Foto: dpa (2) / Witters

Berlin - 

Thomas Tuchel jubelte ausgelassen und herzte seine Spieler, Pierre-Emerick Aubameyang wollte die ganze Welt umarmen: Nach ihrem wahrscheinlich letzten Spiel für Borussia Dortmund genossen der Trainer und der Siegtorschütze ihr ganz persönliches Finale in Schwarz-Gelb.

Von Thomas Rellmann

Dieser Triumph im Olympiastadion lieferte heiße Geschichten. Die vom abwanderungswilligen Pierre-Emerick Aubemeyang (zu Paris St.-Germain?), der Borussia Dortmund per Elfmeter-Chip den 2:1 (1:1)-Siegtreffer gegen Eintracht Frankfurt schenkte. Die von Marco Reus, der in seinem neunten Profijahr erstmals eine Trophäe in der Hand hielt und diese mit einer Kreuzbandverletzung womöglich teuer bezahlt hat. Oder die von einer schwarz-gelben Fangemeinde, die zum vierten Mal am Stück beseelt in die Hauptstadt reiste und diesmal den Pott mit in den Pott nahm.

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Wir haben die Champions League sicher und jetzt einen Titel, das ist der krönende Abschluss einer super Saison.

Roman Bürki, Tormann Borussia Dortmund

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Doch über allem stand am Ende dieses Sommertages die große Trainerfrage, die wahrscheinlich längst entschieden ist. Alle Augen waren auf Thomas Tuchel gerichtet. Der Chefcoach mit Vertrag bis 2018 wollte sich so wenig wie möglich anmerken und sich auch seinen Premierentitel nicht vermiesen lassen: „Ich bin echt leer und tief glücklich. Alle sind so glücklich, wir haben alle Ziele erreicht.“

Fotostrecke: DFB-Pokal: Der Weg ins Finale

Seinen Job dürfte ihm das nicht retten. Zu Wochenbeginn sind Gespräche angesetzt. Die Richtung hat BVB-Boss Hans-Joachim Watzke bereits vor drei Wochen vorgegeben. In Berlin lagen er und sein erster Angestellter sich zwar länger und inniger in den Armen als zuletzt (Tuchel: „Nachdem beim letzten Mal handgestoppt wurde, haben wir uns Mühe gegeben“), doch die schweren atmosphärischen Störungen, von denen jeder berichtet, der nah am Verein ist, lassen sich kaum mehr ausbügeln. Darauf deutete nicht zuletzt die im Profi-Geschäft völlig unübliche Beanstandung des ansonsten sehr gemäßigten BVB-Kapitäns Marcel Schmelzer an der Nicht-Nominierung des Tuchel-kritischen Nuri Sahin für das Endspiel hin. Mit der lag der Trainer übrigens daneben. Matthias Ginter war vor der Abwehr 45 Minuten lang orientierungslos. Erst als Reus und Schmelzer angeschlagen zur Pause runter mussten, fruchteten die Korrekturen mit dem Einbau von Christian Pulisic und Gonzalo Castro.

Kommentar

Das Pokalfinale in Berlin ist immer ein Highlight. Wer sich am Wochenende in der Hauptstadt befand, konnte sich auch diesmal der Magie nicht entziehen. Für die BVB-Fans war die vierte Endspiel-Teilnahme in Serie keine Alltäglichkeit – erst recht nicht, nachdem es diesmal mit dem Titel klappte. Vor allem war den euphorischen und lautstarken Frankfurtern die hohe (und seltene) Bedeutung dieser Partie anzumerken. Die Performance beider Lager auf den Straßen und im Stadion war aller Ehren wert.

Sie wurde jedoch getrübt vom permanenten Einsatz von Bengalos in den Blöcken, gerade in dem der Dortmunder. Das war zu befürchten, aber offensichtlich (und bedenklicherweise) nicht zu verhindern. Es bleibt Unbehagen, dass beim krönenden Saison-Abschluss so viel Feuerwerk ins Rund gelangen konnte. Erst recht in Zeiten, in denen die Gesellschaft sich vor weitaus gefährlicheren Werkzeugen bei großen Menschenansammlungen fürchtet.

Der DFB muss sich allerdings auch fragen, ob er mit der zweifellos übertriebenen Inszenierung dieses Fußballspiels in Anlehnung an den US-Sport die Unbelehrbaren nicht geradezu zu solchen Aktionen herausfordert. Ultras sind seit jeher gegen jeden Ansatz von Kommerz. Und streiten kann man darüber ja.

Was hat zum Beispiel Schlagerstar Helene Fischer mit diesem Finale zu tun? Die Sängerin kassierte ein gellendes und beispielloses Pfeifkonzert, das sogar der Verband selbst oder der schlechteste Schiedsrichter so niemals erfahren würden. Einen Gefallen taten die Verantwortlichen ihr mit der Buchung sicher nicht. Entgegen aller Beteuerungen vorab überzog sie ihren Auftritt dann auch noch. Höchste Zeit, manche Ausuferungen mal zu analysieren. Ohne die (Pyro-)Reaktionen darauf im Ansatz zu rechtfertigen.

Der Coach jedenfalls ahnt, dass seine Zeit abläuft. Mit Blick auf das Treffen mit Watzke sagte er: „Ich habe nicht so viele Erwartungen und kann nicht sagen, wie es ausgeht. Meinen Vertrag will ich erfüllen, aber ich möchte auch nicht naiv sein und weiß, dass der Ausgang mindestens ergebnisoffen ist.“

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Zuvor hatte er gezielt seinen guten Draht zur Mannschaft betont. „So eine besondere Leistung ist nur möglich, wenn eine Verbindung herrscht, wenn Vertrauen da ist. Daran glaube ich.“ Schmelzers Worte („Ich war geschockt. Wir stehen komplett hinter Nuri“) sprechen dagegen. Und gleichzeitig dafür, dass die Spieler wissen, was kommt. Die Geräusche rund um das Finale waren ja schon im Vorfeld laut. Hypothetisch, ob sie einen Einfluss auf die Leistung der Borussen hatten. Die war nämlich lange eher mäßig. Nach der frühen Führung durch Ousmane Dembéle – starke Einzelleistung nach Anspiel von Lukasz Piszczek (8.) – sackte das Gebilde bis zur Pause weitgehend in sich zusammen. Passivität und ein Anflug von Überheblichkeit rechtfertigten den Frankfurter Ausgleich. Auch ein BVB-Rückstand wäre okay gewesen. Von Aubameyang oder Reus war wenig zu sehen. Erst nach gut einer Stunde entfaltete sich die im Vergleich zum Gegner eklatant höhere Qualität. Das zeigte die Schlüsselszene. Nach Raphael Guerreiros Traumpass räumte SGE-Keeper Lukas Hradecky Pulisic ab. Aubameyang, der Pech mit zwei Lattentreffern (63./Marco Fabian rettete auf der Linie, 85.) hatte, war diesmal zur Stelle. Den Vorsprung brachte der BVB leicht nervös, aber nicht schwimmend ins Ziel. Tuchel herzte mit dem Schlusspfiff erst seinen Stab, gab den Frankfurtern die Hand und fiel dann doch seinen Schützlingen um den Hals. Es wäre nicht gerecht, von gehemmtem Jubel in Schwarzgelb zu sprechen. Dazu war die Durststrecke nach vier verlorenen Endspielen seit 2013 zu lang, die Erleichterung des Favoriten zu groß und der Moment gerade nach dem Bombenattentat auf die Mannschaft im April zu emotional. Ein Schatten lag dennoch auf dem Triumph. Und Teilen des BVB-Lagers war das durchaus anzumerken.



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