Di., 30.05.2017

BVB entlässt Trainer Tuchel Ein unwürdiger Abgang

In Berlin gewann Thomas Tuchel am Samstag den DFB-Pokal. Es war sein letzter Einsatz als Trainer von Borussia Dortmund. Am Dienstag endete Tuchels Mission beim BVB mit der Entlassung.

In Berlin gewann Thomas Tuchel am Samstag den DFB-Pokal. Es war sein letzter Einsatz als Trainer von Borussia Dortmund. Am Dienstag endete Tuchels Mission beim BVB mit der Entlassung. Foto: imago sportfotodienst

Münster - 

Keine echte Überraschung: Borussia Dortmund und Thomas Tuchel trennen sich. Die monatelangen Differenzen sind offensichtlich nicht auszuräumen. Ein Nachfolger wird angeblich noch gesucht.

Von Wilfried Sprenger

Am Ende einer völlig zerrütteten Beziehung wurde Thomas Tuchel noch einmal selbst initiativ. Auf einem offenbar eigens für diesen Zweck installierten Twitter-Profil bedankte sich der Trainer von Borussia Dortmund am Dienstagmittag bei „Fans, Mannschaft, Staff und allen anderen Unterstützern“ für „zwei schöne, ereignisreiche und spannende Jahre“ beim westfälischen Bundesligisten. Als der BVB die Trennung deutlich später offiziell vermeldete, waren die Kanäle in den sozialen Medien längst heiß gelaufen. Ein letzter Nadelstich des Gefeuerten, ein kleiner, höchst zweifelhafter Punktsieg. Und eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass in der anfänglichen Traumehe jedwede Sympathie erloschen ist.

Die Dortmunder Führungsriege um Hans-Joachim Watzke wird nicht erfreut gewesen sein über die Welle, die ihr nach Tuchels Stoß im Netz entgegenrollte. Einer schrieb von „Schalker Verhältnissen“ – tatsächlich beschäftigte der Revier-Nachbar seit dem 1. Juli 2008 neun Trainer, immer neue Turbulenzen inklusive. Beim BVB hatten im beschriebenen Zeitraum nur zwei Fußball-Lehrer das Sagen: Jürgen Klopp, der volksnahe Liebling der Massen, und jetzt Tuchel, der unbeugsame, eigenwillige und zuletzt offenbar ziemlich isolierte Stratege. Klopp ging nach sieben Jahren vorzeitig im Einvernehmen mit den Club-Oberen und aus sportlichen Gründen. Tuchel muss sich nach nur zwei Spielzeiten eine neue Bleibe suchen. Unfreiwillig und eben auch nicht aus sportlichen Erwägungen.

Fotostrecke: Vorzeitges Ende für Thomas Tuchel bei Borussia Dortmund

Kein Außenstehender weiß, wann die Entfremdung wirklich begann. Es muss ein Prozess mit zunehmender Dynamik gewesen sein. Watzke hatte vor dem Pokalsieg am Wochenende noch betont, dass man sich in den Tagen danach zu einer Analyse treffen und dann die Zukunftsentscheidung fällen werde. Tatsächlich waren die Dinge längst in trockenen Tüchern. Nur in Kenntnis dessen kann es Marcel Schmelzer, einer der eher farblos-schüchternen Kapitäne der Branche, gewagt haben, den Coach nach der Nicht-Berücksichtigung von Nuri Sahin im Cup-Endspiel öffentlich anzuzählen und bloßzustellen. Was eigentlich eine ziemliche Bösartigkeit war und unter normalen Umständen eine Abmahnung zur Folge gehabt hätte. In der aktuellen Konstellation mochte jedoch niemand aus der Geschäftsführung den Linksverteidiger tadeln. Schmelzer spielte ihnen den Ball ja auch vorbildlich in den Fuß.

Watzke schreibt offenen Brief an Mitglieder und Fans

Nicht nur durch den sportlichen Erfolg, sondern auch durch sein Management in den Tagen nach dem Anschlag auf den Teambus und damit das Leben der Fußball-Profis hatte Tuchel in der Anhängerschaft des Clubs zuletzt viele Punkte gesammelt. Watzke und seine Mitstreiter sahen im Vergleich nicht immer gut aus und manchmal sogar richtig schlecht. Vermutlich hielten sie mit geballten Fäusten in den Taschen die Füße still, um eine öffentliche Eskalation zu verhindern.

Bereits am Dienstagnachmittag, nur wenige Stunden nach der für den BVB teuren Scheidung, begannen in der Zentrale am Rheinlanddamm die Aufräumarbeiten. In einem offenen Brief, veröffentlicht auf der Homepage des Clubs, wandte sich Watzke an Mitglieder und Fans. Der langjährige Boss dankte dem Trainer für die geleistete Arbeit, zeigte Verständnis für die Kritik an dessen vorzeitiger Entlassung und ging dann in die Offensive. Zumindest ein bisschen.

„Es geht bei der Wahrnehmung von Führungsverantwortung nicht ausschließlich um das Ergebnis. Es geht immer auch um grundlegende Werte wie Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit, um Authentizität und Identifikation. Es geht um Verlässlichkeit und Loyalität. Wir haben in der gegenwärtigen personellen Konstellation leider keine Grundlage mehr für eine auf Vertrauen ausgelegte und perspektivisch erfolgreiche Zusammenarbeit gesehen“, schrieb Watzke dort.

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Der BVB hatte an diesem Tag nicht das erste Wort, aber das letzte. Und es ließ an Deutlichkeit nichts vermissen. Watzke sprach dem Ex-Trainer in dieser Form der Abrechnung sehr, sehr viel ab.



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