Do., 23.08.2018

Fußball: Bundesliga Der neue BVB-Trainer Favre bittet um Geduld

Hellwache Augen: Der neue Dortmunder Trainer Lucien Favre (links) im Dialog mit Sebastian Kehl. Leiter der Lizenzspielerabteilung.

Hellwache Augen: Der neue Dortmunder Trainer Lucien Favre (links) im Dialog mit Sebastian Kehl. Leiter der Lizenzspielerabteilung.

Dortmund - 

Alles neu beim BVB. Vor dem Saisonstart wurden etliche Schlüsselstellen ausgetauscht. Allerdings gibt es nach einer mäßigen Saison – und das ist eher milde ausgedrückt – noch Schwachpunkte. Ein echter Stürmer fehlt, dafür sind viel zu viele Mittelfeldspieler da.

Von Wilfried Sprenger

Als Marco Reus letzten Montag die Pokal-Nachtschicht beim Zweitligisten Fürth erfolgreich beendete und dem BVB die gefährliche Elfmeter-Lotterie ersparte, schoss Club-Boss Hans-Joachim Watzke in die Höhe wie früher Starfighter-Piloten in größter Not aus dem Schleudersitz. Glücksgefühle in letzter Sekunde, nicht schon wieder bohrende Fragen und beträchtlicher Frust. Stattdessen nur ein blaues Auge, nicht schön, aber auch nicht schlimm. Halt ein typischer Pokalabend, da zählt im Zeugnis nur das, was ganz unten steht: versetzt.

Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, welches Bild Watzke abgegeben hätte und was passiert wäre, wenn Dortmund gleich die erste Pflichtnummer der Saison in den Sand gesetzt hätte. Wie so viele Spiele in der vorangegangen, die mit dem 1:3 in Hoffenheim endete und nur durch die glückliche Champions-League-Qualifikation noch ein bisschen Rettung erfuhr. Vom Anspruch, als zweiter Turm hinter dem FC Bayern zu leuchten, war die Borussia zu diesem Zeitpunkt so weit entfernt wie Schlusslicht Köln vom rettenden Ufer.

Fotostrecke: Die Fußball-Bundesliga-Teams vor dem Saisonstart

Es brauchte eine Zäsur, der BVB hat sie vollzogen. Neuer Trainer, neue Mannschaft, neues Umfeld – ob dies genügt, um auch die neuen Hoffnungen zu nähren, muss sich weisen. In Fürth war das Ergebnis stimmig, viel mehr nicht. Lucien Favre, der neue Coach, bat denn auch direkt um Geduld. „Der BVB hat einen Neustart ausgerufen. Wir brauchen Zeit“, sagt er vor dem Liga-Start am Sonntag (18 Uhr) gegen RB Leipzig.

Viel Qualität, viel Talent – wenn es Favre und seinen Mitstreitern im strategischen Stab gelingt, einen wirklichen Teamgeist und eine neue Leidenschaft zu entfachen, könnte Dortmund auf dem richtigen Weg sein. Doch noch müssen Baustellen geschlossen werden: Der Kader (29 Profis) ist zu groß, die Zahl der Ladenhüter zu hoch, es wird zur Herkules-Aufgabe, alle bei Laune und loyal unter Flagge zu halten. Und dann gibt es sogar noch eine offene Stelle: Händeringend sucht der BVB einen Mittelstürmer mit Torjäger-Qualitäten. Allmählich wird die Zeit knapp. Vielleicht hat Dortmund bei allem Wechsel-Eifer im Sommer ausgerechnet bei dieser Personalie ein wenig geschludert und sich 1b-Lösungen, etwa mit Marco Reus oder Maximilian Philipp als Speerspitze, schöngeredet. In Fürth hatte der BVB mit diesem Projekt jedenfalls keinen Erfolg. Es gibt akuten Handlungsbedarf.

Ganz vorn ein Loch, im Zentrum großes Gedränge. Nicht weniger als elf Spieler stehen Schlange für drei Plätze in der Schaltzentrale, ein absurdes Überangebot. Beste Chancen, aufgestellt zu werden, haben die Neuzugänge Axel Witsel und Thomas Delaney, kernige Typen mit großer Widerstandskraft und belegbaren strategischen Fähigkeiten – mithin das, was Dortmund in der vergangenen Saison fehlte. Bleibt noch eine Position. Für Mahmoud Dahoud? Für Mario Götze? Für Shinji Kagawa? Und was wird aus Julian Weigl, dessen Platz vor der Abwehr nun durch Witsel belegt ist?

Viele Fragen, Antworten muss Coach Favre liefern. Schon am Sonntag gegen Leipzig, das im Oktober 2017 eine gigantische Serie der Borussia beendete. Vor dem 2:3 hatte Dortmund 30 Monate lang kein Bundesliga-Heimspiel verloren. Danach verlor die Mannschaft komplett den Halt.



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