Fußball: Champions League
Favre versucht berauschende Borussia auf dem Boden zu halten

Dortmund -

Es gibt im Augenblick kein Limit für Borussia Dortmund. Atletico Madrid brachte die junge Truppe beim 4:0 die höchste Niederlage unter Trainer Diego Simeone bei. Kapitän Marco Reus erinnert aber daran, dass auch wieder andere Zeiten kommen werden.

Donnerstag, 25.10.2018, 16:46 Uhr aktualisiert: 25.10.2018, 19:55 Uhr
Ein Tor-Jubel schöner als der andere (im Uhrzeigersinn): Erst freut sich Axel Witsel über das 1:0, danach jubelt Raphael Guerreiro inmitten der Spielertraube. Das 3:0 feiert Torschütze Jadon Sancho (r.) mit Achraf Hakimi, ehe erneut Guerreiro für das 4:0 geherzt wird:
Das 3:0 feiert Torschütze Jadon Sancho (r.) mit Achraf Hakimi. Foto: dpa

Diego Simeone mag ein Freund schöner Künste sein. Auf dem Fußballplatz war ihm die ästhetische Note bisher nicht wichtig. Der argentinische Coach von Atletico Madrid mag Kalkül, Ordnung und Disziplin. Im Wissen, dass diese Melange am ehesten Effizienz und somit fortwährenden Erfolg auf höchstem Fußball-Niveau verspricht. So hat der 49-Jährige seit 2011 zwei Mal die Europa League gewonnen und ebenso oft das Champions-League-Endspiel erreicht. Simeone ist ein großer Trainer. „Sogar einer der weltbesten“, hat sein Dortmunder Kollege Lucien Favre am Mittwoch kurz vor Mitternacht gesagt.

Zu diesem Zeitpunkt war Simeone bereits auf dem Weg zum Flughafen, er hat es nicht gehört. Vielleicht hätte ihm Favres Würdigung ein bisschen geschmeichelt an diesem Abend, an dem Atleticos Welt aus den Fugen barst und der Trainer dennoch keinen Trost brauchte. 0:4 – nie zuvor in sieben gemeinsamen Jahren haben die „Rojiblancos“ und Simeone ein Pflichtspiel so hoch verloren wie dieses in der Champions League. Es spricht für ihren Charakter, dass sie das Los wie Ehrenmänner annahmen und ertrugen. Allen voran der Coach. „Dortmund hat das Spiel manchmal wunderbar gestaltet. Sie sind auf einem guten Weg. Hoffentlich machen sie so weiter, es ist wirklich schön, sie spielen zu sehen“, sagte Simeone.

Lucien Favre muss sich ein bisschen sputen, wenn er noch ein ganz großer Trainer werden will. Der Schweizer wird in genau einer Woche 61, er ist auf der Zielgeraden seiner Karriere. Vielleicht wird die Zeit bei Borussia Dortmund seine beste und erfolgreichste. Tatsächlich spielt seine Mannschaft schön, in Momenten sogar berauschend und stetig erfolgreich. Beim Triumph über Atletico blieb das Team auch im zwölften Pflichtspiel ohne Niederlage.

CL-Saison 2018/19: Borussia Dortmund - Atletico Madrid

1/10
  • Am 3. Spieltag der Gruppenphase in der Champions League empfing Borussia Dortmund den spanischen Atlético Madrid. Erwartet wurde eine Partie auf Augenhöhe, da der BVB sich in Topform befindet und der Gegner international stets sehr erfolgreich aufspielt.

    Foto: Bernd Thissen
  • Den Torreigen des Abends läutete der Dortmunder Axel Witsel mit seinem Führungstreffer zum 1:0 in der 38. Spielminute.

    Foto: Marius Becker
  • Dortmunds Trainer Lucien Favre hatte sein Team gut auf den Gegner eingestellt...

    Foto: Bernd Thissen
  • ...so gut, dass der BVB in der 73. Spielminute durch den Torschützen Raphael Guerreiro (l.), der zusammen mit Achraf Hakimi den Treffer bejubelt, auf 2:0 erhöhte.

    Foto: Marius Becker
  • In der zweiten Halbzeit versuchte Atletico mit aller Macht, den Anschlusstreffer zu erzielen. Hier kämpfen Dortmunds Christian Pulisic (l.) und Diego Costa von Madrid um den Ball.

    Foto: Bernd Thissen
  • Doch der BVB schlug in der 83. Spielminute erneut gnadenlos zu: Zum 3:0 traf Jadon Sancho....

    Foto: Marius Becker
  • ...und ließ sich für sein Tor feiern.

    Foto: Bernd Thissen
  • An diesem Abend ging Madrids Superstar und Top-Torjäger Antoine Griezmann leer aus.

    Foto: Marius Becker
  • Gejubelt wurde nur auf Dortmunder Seite: In der 89. Spielminute freute sich Raphael Guerreiro über seinen zweiten Treffer.

    Foto: Bernd Thissen
  • Am Ende stand ein überragender 4:0-Sieg für Borussia Dortmund, der ausgiebig gefeiert wurde.

    Foto: Bernd Thissen

Natürlich fiel der Sieg zu hoch aus. Als die Spanier direkt nach der Pause ihre komplette Qualität auf die Wiese brachten, stand der BVB für eine sehr lange Viertelstunde mit 22 Füßen knöcheltief im Sumpf. Da war der Ausgleich so nahe wie die Verliebtheit beim ersten Kuss. Dortmund überstand die extrem schwierige Phase vor allem dank der Qualität der erfahrenen Spieler. „Zum Glück haben wir sie“, erklärte Favre. Zum Glück hat er auch die Jungen. Beim dritten Sieg im dritten Gruppenspiel setzte die Borussia sieben Akteure ein, die 22 Jahre alt und noch jünger sind.

Dortmund hat einen großen Kader. Dass er auch besonders, ja vielleicht sogar außergewöhnlich ist, kommt erst nach und nach ans Licht. Favre wird das sehr beträchtliche Potenzial längst spüren. Es wird ihn mit Freude erfüllen, aber auch mit Sorge. Mit jedem Sieg legt der BVB die Latte ein bisschen höher. Irgendwann wird er sich nicht mehr darüber schwingen können. Kapitän Marco Reus weiß um den Tag X und dessen Gefahr: „Zurzeit sind wir ein überragendes Kollektiv. Wichtig ist, dass das so bleibt, wenn es einmal nicht läuft. Wir können nicht jedes Spiel gewinnen.“

Vielleicht wird Lucien Favre in dieser Saison ein ganz großer Trainer. Der feine Kader wirft längst Wunschbilder an die Wand, bislang steuert Favre die Dinge nahezu perfekt. Sagenhafte 14 Tore von Einwechselspielern sind ein Indiz für außergewöhnliche Breite in der Leistungsspitze, da wird sich auch beim FC Bayern so mancher Gedanken machen. Am 10. November kommt es im Theater der Träume zum direkten Duell. Zuvor, schon am Samstag, macht Hertha BSC beim Ligaprimus Station. Favre wird im Vorfeld wieder sagen, „dass es schwer wird“. Oder „nicht leicht“. Es ist gut für die Mannschaft, dass da einer ist, der ihr zeigt, wo die Bremse ist. Gas gibt sie schon von allein.

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