Fußball: Bundesliga
BVB „ein bisschen zu grün“ gegen Hertha

Dortmund -

In der Nachspielzeit vergab Borussia Dortmund den Heimsieg gegen Hertha BSC. Das 2:2 dürfte den Spitzenreiter aber nicht aus der Bahn werfen. Mindestens ebenso viel Gesprächsstoff wie das Spiel lieferten die Exzesse im Gästeblock.

Sonntag, 28.10.2018, 15:26 Uhr aktualisiert: 28.10.2018, 15:49 Uhr
Zweikampf zwischen Achraf Hakimi und Salomon Kalou (r.).
Zweikampf zwischen Achraf Hakimi und Salomon Kalou (r.).

Der große Plan des BVB sah den nächsten Sieg und drei weitere Punkte vor. Ganz am Ende, als er fast schon umgesetzt war, ging das Manöver dann doch noch schief. Beim 2:2 (1:1) gegen Hertha BSC stahlen die Gäste dem Ligaprimus in der Nachspielzeit zwei Zähler. „Wenn Dortmund die Chancen nicht nutzt, dann machen wir das eben“, frohlockte Berlins Trainer Pal Dardai nach dem verwandelten Foulelfmeter von Salomon Kalou (90.+1). Zu diesem Zeitpunkt hätte die intensive Partie längst zugunsten der Hausherren entschieden sein müssen. „Jetzt gerade fühlt es sich an wie eine Niederlage“, meinte Borusse Mario Götze.

Nun, Dortmund machte nicht viel falsch im fünften Ligaheimspiel der Saison. Und wieder einmal sehr vieles richtig. Beim ersten Dämpfer vor eigenem Publikum fehlte der erneut spielstarken Mannschaft eigentlich nur die zuvor oft gezeigte Kaltschnäuzigkeit im Abschluss. Als es 2:1 stand, vergaben Raphael Guer­reiro (78.) und Jacob Bruun Larsen (86.) fabelhaft freigespielt in exponierten Positionen allerbeste Chancen. Wenn nur einer von beiden getroffen hätte, wäre die Tür für die Berliner definitiv verschlossen geblieben. So aber stürmte das junge Dortmunder Team unverdrossen weiter nach vorn und fast absehbar ins Unglück. „Das war zum Schluss etwas naiv. Wir müssen nicht immer vier, fünf Tore schießen. Auch ein 2:1 bringt drei Punkte“, haderte Kapitän Marco Reus. „Wir waren ein bisschen zu grün“, konstatierte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Tatsächlich wird der BVB dieses 2:2 nicht als Rückschritt begreifen. Gegen gute Berliner hatte er die Dinge über weite Strecken im Griff. Axel Witsel war erneut Boss im Mittelfeld, Götze fühlte sich spürbar wohl in den engen Räumen vor dem Berliner Strafraum, Jadon Sancho (18) glänzte als gefeierter Doppel-Torschütze (27. und 61.). Und in der Innenverteidigung wuchs Dan-Axel Zagadou (19) über sich hinaus – bis er sich in der Zusatzzeit von David Selke düpieren ließ und den Elfmeter verursachte. Trainer Lucien Favre stellte sich ohne Wenn und Aber hinter den unglücklichen Franzosen: „Er hat hervorragend gespielt und in den letzten Wochen viele Fortschritte gemacht.“

Unschöne Szenen

Das Spiel in Dortmund wurde von massiven Ausschreitungen überschattet.Kurz nach dem Anpfiff lieferten sich Berliner Ul­tras eine heftige Prügelei mit der Polizei. Hertha-Manager Michael Preetz machte aus seinem Entsetzen keinen Hehl: „Eine Katastrophe. Das ist eine ganz bittere Stunde für den Fußball und für Hertha BSC.“ Gut 100 Gäste-Fans attackierten die Polizisten mit Faustschlägen und Tritten, schlugen mit abgebrochenen Fahnenstangen auf sie ein und bewarfen sie mit brennenden Pyro-Fackeln. Laut Angaben der Dortmunder Polizei wurden 45 Personen verletzt. Gäste-Anhänger hatten hinter einem als Sichtschutz genutzten großen Banner zunächst Pyrotechnik gezündet. Beim Versuch der Polizei, dieses Banner zur Verhinderung vermeintlich weiterer Pyro-Aktionen zu entfernen, eskalierte die Lage. In der Halbzeit verließen Berliner Ultras den Block, zogen sich unter die Tribüne zurück, zerstörten zwei große Sanitäranlagen und lieferten sich erneut eine Schlägerei mit der Polizei.Die Ausschreitungen werden ein juristisches Nachspiel haben. Noch am Samstagabend kündigte die Dortmunder Polizei an, eine Ermittlungskommission einzusetzen. Die „beteiligten Straftäter“ seien „umfangreich videografiert“ worden. In einer gemeinsamen Erklärung der „Fanhilfe Dortmund“ und der Fanhilfe „Hertha B.S.C“ wurde der Einsatz der Polizei als unverhältnismäßig kritisiert.

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Trotz der späten Ernüchterung bleibt das Glas in Dortmund knapp zwei Wochen vor dem Mega-Duell mit Rekordmeister Bayern München halb voll. Dass der Verfolger auf zwei Punkte herangekommen ist, sei kein Anlass, „worüber man nun grübeln sollte“, befand Sebastian Kehl, der neue Leiter der Lizenzspielerabteilung. Auch Favre nahm das Unentschieden gelassen. „Die Mannschaft hat wieder sehr gut gespielt, das ist mir wichtig.“ Watzke mochte sich mehr mit der Zukunft als der Gegenwart beschäftigen. Er sagte: „Ich sehe kein Limit, dieser Kader hat viel Potenzial. Und das werden wir in den nächsten Jahren sukzessive ausschöpfen.“

Kommentar: Rote Linie überschritten

Die abstoßenden Bilder vom Fuße der Nordtribüne werden viele Stadionbesucher nicht so rasch aus dem Kopf bekommen. Blinder Hass, ungezügelte Gewalt – wie sollen Mütter und Väter dies ihren Kindern erklären, wenn sie selbst keine Worte für die Exzesse finden? Michael Preetz hat eines gefunden. „Katastrophe“ hat der Hertha-Manager gesagt und recht, wenn er sich dieses Begriffs bedient, um die unerträglichen Auswüchse einzuordnen.Berliner Ultras haben am Samstag alle roten Linien überschritten. Und ein Teil der Dortmunder Szene hatte zunächst nichts Besseres im Sinn, als die Eskalation mit Schmähgesängen noch zu befeuern. Später hat diese Gruppe geschwiegen und damit still ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht. Verstörend.

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