Fußball: Bundesliga
1. FC Köln triumphiert auf historische Weise beim BVB

Dortmund -

Damit hatte wohl niemand gerechnet. Ausgerechnet die 18-mal sieglosen Geißböcke vom 1. FC Köln gewannen am Samstag beim Titelanwärter Borussia Dortmund. Beim 2:1 fielen beide Treffer der Gäste auf nahezu identische Weise. Katzenjammer hier, Erleichterung da.

Sonntag, 29.11.2020, 13:40 Uhr aktualisiert: 29.11.2020, 18:38 Uhr
Ellyes Skhiri mit dem 2:0. Foto: imago-images
Ellyes Skhiri mit dem 2:0. Foto: imago-images

Angela Merkel ist noch jung, gerade 36, Ministerin für Frauen und Jugend im Kabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl, als sich der 1. FC Köln was traut. Am 13. April 1991, drei Tage, nachdem der letzte Wartburg in Eisenach vom Band gelaufen ist, stürmt der „Effzeh“ beim 2:1 das Westfalenstadion. Maurice Banach schnürt den Doppelpack. Sportlich historisch, dieser Erfolg von Bodo Illgner, Fummelkönig Pierre Littbarski und Co. – denn: 29 Jahre soll hernach in Dortmund nichts Gewinnbringendes zu holen sein. Bis Samstag. Der Tunesier Ellyes Skhiri bricht bei bitterkalten fünf Grad den Bann mit zwei Treffern (9./60.), Thorgan Hazards Anschlusstor (74.) reicht nicht, um das Blatt zu wenden. Die Jungs vom Rhein senden ein Lebenszeichen im Abstiegskampf. Während der BVB auf vier Punkte hinter die Bayern zurückfällt. Im Westen nichts Neues.

18 Ligaspiele ohne Sieg, Vorletzter, Profis und Trainer angezählt: Bei den Geißböcken ist Dampf unter dem Kessel, als sich der Teambus auf die womöglich letzte Reise von Markus Gisdol macht. Der 51-Jährige muss (endlich) liefern. Spekulationen um seinen Rauswurf und einen möglichen Nachfolger machen vor dem Gastspiel im „Pott“ die Runde. Plötzlich steht da der Name Peter Stöger im Raum. Gerüchte sprießen. Und Gisdol? Liefert die beste Antwort, rettet mit dem Überraschungserfolg vorerst seinen Job. Atmet auf: „Es ist ein Anfang gemacht in die Richtung, dass wir Zählbares haben, diese Serie, die unendlich schien, endlich vorbei ist und dass wir trotz des Drecksvirus nicht verflucht sind, trotzdem Spiele gewinnen können.“ Aber: „Der Adrenalinlevel ist noch extrem hoch.“

Schweigeminute und argentinische Flagge

Auch in Dortmund wurde Diego Armando Maradona mit zwei besonderen Gesten gedacht. Vor dem Spiel gab es wie auf allen anderen Liga-Schauplätzen eine Schweigeminute. Dazu trugen beide Mannschaften einen Trauerflor. Auf der leeren Südtribüne, wo sonst das Herz der Borussia schlägt, war die argentinische Flagge und ein Trikot der Ikone über vier Sitzschalen verteilt zu sehen. Gänsehaut pur – Maradona hatte auch im Revier viele Freunde.

...

Borussia Dortmund als Krisenhelfer. Sehr zum Leidwesen der Fans, die das Spiel vor dem TV oder Radio verfolgen. Und sich in den sozialen Netzwerken Luft verschaffen, von „Schlafwagenfußball“ sprechen. Tenor: „Die Bayern lachen uns doch aus!“ In der Tat brilliert der achtmalige Deutsche Meister konsequent mit einer Inkonsequenz, die sich durch die Spielzeiten zieht. Ein Phlegma, das – so scheint es – nicht abgestreift werden kann. Für den ganz großen Wurf reicht es nicht (mehr). Allein die Gegentore nach Eckbällen sind am Samstag schwere Kost für pomadig und selbstgefällig auftretende Schwarz-Gelbe. Zweimal verlängert ausgerechnet der vom BVB an Köln ausgeliehene Marius Wolf am kurzen Pfosten, Skhiri, der sich im Rücken von Thomas Meunier und Emre Can davonstiehlt, steht am langen Metallpfeiler völlig blank, drückt die Murmel über die Linie. „Wir haben da einfach gepennt“, gibt Außenverteidiger Felix Passlack später bei Sky zu. Noch Fragen?

Haaland vergibt

Und doch ist der Ausgleich drin. Ausgerechnet das norwegische Wunderkind, der sonst so zielsichere Erling Haaland, trifft das Leder in der fünften Minute der Nachspielzeit aus drei Metern nicht. Ein Ding aus der Kategorie: Den muss er machen. Es passt an diesem Nachmittag alles irgendwie zusammen. Auch der unvollendete Halbsatz von Dortmunds Trainer Lucien Favre: „Ich bin natürlich tief enttäuscht. Du verlierst zu Hause gegen Köln, aber ja ...“

Gisdol außer sich vor Freude

Markus Gisdol weiß unmittelbar nach dem Abpfiff indes nicht, wohin mit seinem ganzen Temperament. Er rempelt vor Freude den eingewechselten Kingsley Ehizibue, schließt seinen Co-Trainer Frank Kaspari in beide Arme. Da purzeln tonnenweise Steine von den Schultern. Horrorserie beendet. Den Job gerettet. Ganze 29 Jahre nach dem letzten Coup beim BVB. Damals sind Wattenscheid und Uerdingen noch erstklassig, wird Kaiserslautern unter „Kalli“ Feldkamp Deutscher Meister. Und Angela Merkel steht vor einer ganz großen Karriere.

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