Interview mit Fernando Carro
Leverkusen-Chef: «Absage aller Wettbewerbe keine Option»

Zunächst bis zum 2. April setzten die deutschen Profi-Fußball-Ligen wegen des Coronavirus den Spielbetrieb aus. Bayer Leverkusens Club-Chef Fernando Carro erklärt vor der DFL-Sitzung am Montag im dpa-Interview, wie es danach weitergehen könnte.

Sonntag, 15.03.2020, 16:35 Uhr aktualisiert: 15.03.2020, 16:38 Uhr
Fernando Carro, Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen, glaubt an die Fortsetzung der derzeit ausgesetzten Fußball-Wettbewerbe.
Fernando Carro, Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen, glaubt an die Fortsetzung der derzeit ausgesetzten Fußball-Wettbewerbe. Foto: Roland Weihrauch

Leverkusen (dpa) - Am Montag beraten die 36 Profivereine auf der DFL-Mitgliederversammlung in Frankfurt über die dramatische Lage in den Fußball-Bundesligen. Zunächst bis zum 2. April sind wegen des Coronavirus alle Spiele abgesagt.

Fernando Carro, Club-Chef von Bayer Leverkusen, verrät im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur wieso er eine Absage aller Wettbewerbe für «keine Option» hält, warum eine Verschiebung der EM «zwingend geboten» ist und wieso Geisterspiele nicht auszuschließen sind, obwohl niemand sie will.

Wie beurteilen Sie den Schritt der DFL, die kommenden beiden Spieltage auszusetzen? Ist er richtig? Und ist er nicht zu spät erfolgt?

Fernando Carro: Der Schritt ist richtig und alternativlos, und es ist wahrscheinlich, dass weitere Schritte folgen werden. Ich habe Vertrauen in die Führung der DFL. Jeder Entscheidungsträger in dieser Ausnahmesituation versucht, bestmöglich und im Sinne seiner Verantwortung zu handeln - das ist nicht verwerflich. Die Realität überholt uns in diesen Tagen regelmäßig und innerhalb von Minuten, da ist eine überhöhte Kritik fehl am Platz.

Die DFL hat versucht, sich mit Geisterspielen zu helfen. Wieso war das im Endeffekt nicht praktikabel? Und könnte es das nach der Aussetzung wieder werden, um den Terminplan zumindest halbwegs einhalten zu können?

Carro: Niemand möchte Geisterspiele. Niemand. Sie konterkarieren den Sinn unseres Bundesliga-Betriebs. Gleichzeitig können diese Spiele eine Notlösung sein, um die für viele von uns Vereinen wirtschaftlich essenzielle, ordnungsgemäße Beendigung der Liga zu gewährleisten. Diese Option ist unpopulär, aber man kann und darf sie nicht vollends ausschließen.

Rechnen Sie damit, dass diese Saison noch zu Ende gespielt werden kann? Und wie könnte man diese Saison werten, falls sie abgebrochen werden muss?

Carro: Es gibt viele Fragen, auf die es zurzeit keine seriösen Antworten gibt. Diese ist eine davon. Grundsätzlich kann und muss man sagen: Natürlich ist es die einzig faire und sinnvolle Lösung, Wettbewerbe ordnungsgemäß zu Ende zu spielen. Nur dann können sportliche Konsequenzen erfolgen und Qualifikationen für künftige Spielzeiten vorgenommen werden.

Wie viel Luft hat man zeitlich hintenraus? Auch angesichts der Tatsache, dass Verträge normalerweise bis zum 30. Juni datiert sind.

Carro: Der globale Fußball-Kalender ist ohnehin schon dicht gedrängt. Eine Krise diesen Ausmaßes, mit unvorhergesehen Spielausfällen in noch völlig unbekannter Zahl lässt auch hier keine seriösen Rückschlüsse zu, was die Tragweite angeht - auch nicht in Bezug auf Verträge. Man sollte sich dennoch eine Flexibilität offen halten, wir werden über Szenarien nachdenken müssen, über die man bislang nie nachgedacht hat.

Muss die EM verschoben werden?

Carro: Eine Verschiebung der EM 2020 ist aus unserer Sicht und vor dem oben geschilderten Hintergrund zwingend geboten, um zumindest die Chance zu wahren, den Spielbetrieb der diversen Wettbewerbe ordnungsgemäß und fair zu Ende spielen zu können.

Muss der DFB-Pokal - da steht Ihr Verein im Halbfinale gegen Saarbrücken - auch bei einer Absage der Liga zu Ende gespielt werden? Hier sind es noch drei Spiele statt 81 wie in der Bundesliga oder 23 wie in der Europa League. Könnte man das in drei Geisterspielen regeln?

Carro: Selbstverständlich muss es auch für diesen Wettbewerb einen sportlichen Abschluss geben.

Wer müsste in Ihren Augen für den finanziellen Ausfall aufkommen, der den Vereinen entsteht? Erhalten Spieler weiterhin das volle Gehalt? Auch für den Fall, dass irgendwann sogar der Trainingsbetrieb aussetzt?

Carro: Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt auch zu diesen Szenarien keine öffentlichen Aussagen treffen können und möchten. Das ist alles spekulativ und wird sicher Gegenstand der am Montag in Frankfurt angesetzten DFL-Tagung sein, der wir nicht vorgreifen wollen.

Was passiert mit Ordnern, Caterern usw.? Entgehen diese Kosten und wer trägt sie?

Carro: Dass es im Umfeld von Bayer 04 und angesichts des ausgesetzten Spielbetriebs zu Einnahmeausfällen kommen wird, ist nicht zu verhindern. Ob und inwieweit hier Kosten entstehen, beziehungsweise von Bayer 04 getragen werden, das ist grundsätzlich in Verträgen geregelt, wird aber sicher in Einzelfällen zu prüfen sein.

Ist Ihr Verein schon auf einen möglichen Corona-Fall in der Mannschaft oder im Umfeld vorbereitet?

Carro: Die medizinische Betreuung der Spieler, Betreuer und natürlich auch die ihrer Familienangehörigen ist auf hohem Niveau sichergestellt. Aufgrund der besonderen Lage wurden die Spieler nochmals intensiv und umfangreich über das Coronavirus und die notwendigen hygienischen Verhaltensmuster informiert.

Kann die 2. Liga überhaupt zu Ende gespielt werden? Oder ist es eine zu große Wettbewerbs-Verzerrung, wenn bei Vereinen wie Hannover die gesamte Mannschaft zwei Wochen in Quarantäne ist? Entsprechend analog die Bundesliga, wenn es dort den ersten Fall einer Mannschafts-Quarantäne geben sollte.

Carro: Mit diesen Szenarien müssen und werden sich die 36 Vereine und Kapitalgesellschaften im Rahmen der außerordentlichen Versammlung in Frankfurt am Montag auseinandersetzen müssen.

Wie bitter wäre für Ihren Verein aus sportlicher Hinsicht eine Absage aller Wettbewerbe? Bayer scheint auf dem besten Wege, seine Serie von 27 Jahren ohne Titel zu beenden.

Carro: Eine Absage aller Wettbewerbe ist aus vielerlei Gründen keine Option, das gilt nicht nur für Bayer 04 Leverkusen. Was die Titelfrage angeht: Der Sport ist momentan zurecht in den Hintergrund gerückt, das gilt es zu akzeptieren und sich bestmöglich dafür einzusetzen, dass es irgendwann weitergehen kann.

ZUR PERSON: Fernando Carro de Prada (55) ist in Barcelona geboren und aufgewachsen. Nach dem Studium stieg er bei Bertelsmann in Gütersloh ein, wo er zuletzt als Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Tochter Arvato arbeitete. Seit dem 1. Juli 2018 fungiert er als Vorsitzender der Geschäftsführung von Bayer Leverkusen. Seit September 2019 ist er einziges deutsches Mitglied des Uefa Club Competition Committee (CCC). Einem Gremium, das sich aus Vertretern der Vereins-Vereinigung ECA sowie Mitgliedern der UEFA zusammensetzt und dem Exekutiv Komitee der UEFA vorgeschaltet ist.

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