Zerreißprobe
VfB Stuttgart tief im Machtkampf-Chaos

Scharfe Vorwürfe, umfassender Dissens, Alleingänge: Der VfB Stuttgart ist in einen heftigen Führungsstreit verwickelt. Der Imageschaden ist immens, ein Ausweg nicht in Sicht. «Zu sehen, wie er sich von innen heraus vergiftet, tut mir in der Seele weh», sagt ein Ex-Profi.

Donnerstag, 28.01.2021, 14:34 Uhr aktualisiert: 28.01.2021, 14:37 Uhr
Erwin Staudt, ehemaliger Präsident des VfB Stuttgart.
Erwin Staudt, ehemaliger Präsident des VfB Stuttgart. Foto: Marijan Murat

Stuttgart (dpa) - In seinem sich immer mehr zuspitzenden Machtkampf mit öffentlichen Attacken und Gegenoffensiven versinkt der VfB Stuttgart tiefer denn je im Chaos. Das eigentliche fußballerische Aushängeschild des Südwestens verzettelt sich und steht vor einer Zerreißprobe.

Die vorherrschende Frage ist nicht, ob der Bundesligist mit Vorstandschef Thomas Hitzlsperger und Präsident Claus Vogt als Widersachern zur Ruhe kommt - sondern, welches Beben als nächstes folgt. «Das ist sehr vereinsschädigend, was da läuft», sagte der frühere Präsident Erwin Staudt, der den Zoff aus der Ferne verfolgt.

Ex-Nationalkeeper Timo Hildebrand ist entsetzt. Zu sehen, wie der Club «sich von innen heraus vergiftet, tut mir in der Seele weh», schrieb er in den sozialen Medien. Für den Meister von 2007 steht fest: In diesem Machtkampf «gibt es nur Verlierer».

Klar ist auf jeden Fall, dass der mittlerweile allumfassende Streit sowie die Datenaffäre den Kampf des Aufsteigers um eine sorgenfreie Saison überlagern. Es passt ins Bild, dass der VfB vor dem Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 am 29. Januar (20.30 Uhr/DAZN) in einen Abwärtstrend geraten ist, auch wenn es wohl keinen Zusammenhang zwischen den Turbulenzen und dem Geschehen auf dem Platz gibt.

Nach nur fünf Punkten aus den vergangenen sieben Spielen steht der VfB unter Zugzwang, soll der Vorsprung auf die Abstiegsplätze nicht weiter schrumpfen. VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo wollte die Unruhe nach mehreren Wochen erstmals nicht mehr kommentieren und sagte bloß, er hätte kein Problem damit, wenn der Fokus auf dem Team liegen würde.

Erwartet wird die nächste Wortmeldung von Hitzlsperger, der angekündigt hatte, sich bald zu seiner Bewerbung für das Präsidentenamt äußern zu wollen. Der 38-Jährige will Amtsinhaber Vogt aus dem Club drängen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass der Vereinsbeirat am Ende keinen dieser zwei Kandidaten zur Wahl zulässt.

Mit der heftigen Kritik von Hitzlsperger an Vogt hatte vor Silvester alles angefangen. Mittlerweile ist der Dissens nicht mehr nur zwischen dem Vorstandschef und dem Präsidenten offensichtlich, der ganze Verein erweckt einen gespaltenen Eindruck. «Mir geht es nicht darum, mich auf eine Seite zu stellen, aber was ist das für ein Signal an die Mitarbeiter, an eventuelle Neuverpflichtungen, Sponsoren und vor allem die Fans??», so Hildebrand. Vogt schrieb diese Woche von «der größten internen Krise, die dieser Verein in seiner auch in der Vergangenheit lebhaften Geschichte erlebt hat».

Er ist dafür erheblich mitverantwortlich. Am Vortag hatte Vogt - im Club offenbar isoliert, aber mit Rückendeckung der Fans - die nächste Lawine losgetreten. Vogt kündigte an, die für den 18. März geplante Mitgliederversammlung mit anstehenden Wahlen nicht einzuberufen. Seine Kollegen im Präsidium lehnen das ab. Der Beschluss sei bindend, erklärten sie. Wer im Recht ist, klärt die Satzung nicht auf Anhieb.

All die Vorwürfe und Konflikte werden in teils ellenlangen Schreiben übermittelt. «Was schief läuft, ist, dass das Ganze in der Öffentlichkeit ausgetragen wird», sagte Ex-Präsident Staudt. Er hegt die Hoffnung, es werde sich irgendwann die Vernunft durchsetzen.

Denn eigentlich gibt es trotz des Abwärtstrends ja auch angenehme Geschichten beim VfB. Wie die über Trainer Matarazzo, der in seinem ersten Bundesliga-Jahr bei der Mannschaft gut ankommt. Wie die von Gonzalo Castro, der am Freitag sein 400. Bundesliga-Spiel bestreiten dürfte. Doch anstatt, dass sich die Fans ausschließlich über den Kontrast zur sportlichen Tristesse der vergangenen Jahre freuen können, hängen sie auch in der Stadt Plakate auf mit dem Konterfei von Hitzlsperger und dem Aufdruck «Spalter».

Dem lange hoch angesehen Vorstandschef Hitzlsperger wird Machtgier vorgeworfen, weil er zusätzlich Präsident werden will. Der Umgang mit der Datenaffäre hat seinem Ruf massiv geschadet. Der Club soll in der Vergangenheit Mitgliederdaten an Dritte weitergegeben haben. Viele Fragen sind noch offen. Der Abschlussbericht der mit der Aufklärung beauftragten Kanzlei Esecon wird für den 1. Februar erwartet.

Klar ist also schon jetzt - ob mit oder ohne den ersten Stuttgarter Heimsieg in der laufenden Bundesliga-Saison - es wird auch in der Woche nach dem Mainz-Spiel turbulent weitergehen. Wann die Krise jemals ein Ende nehmen wird, ist genauso ungewiss wie ihr Ausgang.

© dpa-infocom, dpa:210128-99-201488/5

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7787801?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686217%2F2820601%2F
Nachrichten-Ticker