Deutscher Fußball-Bund
«Tief erschüttert»: DFB-Präsident Grindel tritt sofort ab

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat die Konsequenzen aus der wachsenden Kritik gezogen. Der Verbandschef räumt nach knapp drei Jahren seinen Posten. Die Nachfolge übernimmt vorerst wieder eine Doppelspitze.

Dienstag, 02.04.2019, 16:36 Uhr aktualisiert: 02.04.2019, 16:39 Uhr
Reinhard Grindel ist als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zurückgetreten.
Reinhard Grindel ist als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zurückgetreten. Foto: Boris Roessler

Frankfurt/Main (dpa) - Reinhard Grindel hat sich nach einer Serie von Fehltritten dem enormen Druck gebeugt und ist als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zurückgetreten.

«Tief erschüttert» über seine Versäumnisse räumte er mit einer fünfminütigen Erklärung in der Verbandszentrale nach nicht einmal drei Jahren seinen Posten. Enthüllungen über fragwürdige Zusatzeinkünfte und die Annahme einer teuren Uhr kosteten den 57-Jährigen letztlich den Job.

«Dass ich wegen eines solchen Vorgangs öffentlich so da stehe, macht mich fassungslos und traurig», sagte Grindel bei der hastig einberufenen Medienrunde in Frankfurt am Main. Konzentriert und mit etwas Verbitterung in der Stimme las er die vorbereitete Erklärung von seinem Blatt ab, fast zeitgleich verschickte der DFB all seine Statements. Mit Generalsekretär Friedrich Curtius hatte Grindel den Schritt offenbar schon am Vortag besprochen.

Seine Nachfolge treten bis zum DFB-Bundestag am 27. September Ligapräsident Reinhard Rauball und DFB-Vize Rainer Koch als Vertreter der Amateure an. So war es schon über den Jahreswechsel 2015/16, als Wolfgang Niersbach im Zuge des Sommermärchen-Skandals gehen musste. Im April 2016 hatte dann Grindel den Posten übernommen. Seit 114 Jahren hat kein DFB-Boss kürzer amtiert als Grindel.

Zur Nachfolge-Suche sagte Amateur-Boss Koch: «Unser Ziel ist es jetzt, einen gemeinsamen Kandidaten von DFB und DFL außerhalb des Präsidiums zu finden, der die Anliegen des Amateurfußballs ebenso im Blick hat wie den Spitzenfußball.» Rauball sieht durch den Rücktritt Grindels den Weg «für einen personellen, aber auch strukturellen Neuanfang innerhalb des DFB» frei. Weder im Präsidium noch bei weiteren deutschen Spitzenfunktionären schien Grindel in den vergangenen Tagen noch irgendeine Form von Kredit zu haben - zu viel war passiert in den vergangenen zwölf Monaten.

DFB-Ehrenspielführer Philipp Lahm wehrte noch am Vorabend des Rücktritts Spekulationen ab, er werde Grindel beerben. «Heute ist der 1. April. So will ich das mal stehen lassen», sagt der 35 Jahre alte Weltmeister von 2014. Gerüchte gibt es auch um ein mögliches Interesse an Ex-Profi Christoph Metzelder (38), der aber auch als Sportchef beim FC Schalke 04 im Gespräch ist.

Seine Ämter im Exekutivkomitee des europäischen Dachverbands UEFA und im Council des Weltverbands FIFA wird Grindel indes «in enger Abstimmung mit dem DFB» fortführen, hieß es. Die Posten werden mit rund einer halben Million Euro pro Jahr entlohnt. Sie sind an die Person gebunden, nicht an das am Dienstag niedergelegte Amt beim DFB.

Der frühere ZDF-Journalist und CDU-Bundestagsabgeordnete Grindel war in den vergangenen Monaten zunehmend in die Kritik geraten. Zunächst hatte der «Spiegel» Anschuldigungen veröffentlicht, Grindel habe Vergütungen in Höhe von 78.000 Euro als Aufsichtsratschef der DFB-Medien Verwaltungs-Gesellschaft in den Jahren 2016 und 2017 nicht publik gemacht.

Der DFB wies den Vorwurf der Verschleierung zurück. Grindel habe bei seinem Amtsantritt korrekte Auskünfte über seine Einkünfte gemacht und den gut dotierten Aufsichtsratsposten erst drei Monate später angetreten. Grindel äußerte sich dazu nicht, selbst in seiner Rücktrittserklärung thematisierte er dies mit keinem Wort. Die Vorwürfe kratzten an seinem Versprechen, beim Verband nach der Affäre um die Vergabe der WM 2006 für Transparenz zu sorgen.

Es folgte zu Wochenbeginn ein «Bild»-Bericht, dass Grindel eine Luxus-Uhr vom früheren ukrainischen Verbandsboss Grigori Surkis angenommen habe. Grindel bestätigte dies am Dienstag in seiner Rücktrittserklärung und bezifferte den Wert der Uhr auf 6000 Euro. «Für mich war das ein reines Privatgeschenk. Es war ein Gebot der Höflichkeit, dieses Geschenk anzunehmen», sagte Grindel. Es habe aus seiner Sicht zwar kein Interessenkonflikt bestanden, doch der Vorgang war nach eigener Aussage alleine Grund genug, seinen Posten zu räumen. Den Wert der Uhr kenne er erst seit vergangenem Wochenende, versicherte Grindel.

Er werde sich wegen der Sache auch an die Compliance-Beauftragten von UEFA und FIFA wenden. «Ich habe keinerlei Gegenleistung für die Annahme des Geschenks erbracht», versicherte Grindel. Auch wenn er gegen Meldepflichten verstoßen habe, stehe seine Integrität nicht in Zweifel. Es sei aber die Bewertung der Compliance-Abteilungen abzuwarten, die für Grindel noch unangenehm werden könnten.

Wegen der neuerlichen Negativ-Schlagzeilen hatte Grindel in den vergangenen Tagen offenkundig den Rückhalt in der Verbandsspitze endgültig verloren. Bei der Eröffnung der neuen Ruhmeshalle im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund am Vorabend wirkte Grindel bereits isoliert und schwer angeschlagen. Öffentlich Partei ergreifen mochte niemand mehr für den früheren DFB-Schatzmeister.

Stattdessen formierten sich die Kritiker. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus sagte: «Wenn man in solch einer Position ist und solche Dinge ans Licht kommen, sollte man zumindest Argumente haben, um sie so schnell wie möglich beiseite zu räumen. Beim DFB wird aber schon einmal gerne zu lange rumgeeiert.»

Auch Andreas Rettig, Geschäftsführer beim Zweitligisten FC St. Pauli, ging verbal auf Distanz: «Einen Platz in der Hall of Fame würde Grindel heute sicher nicht bekommen. Das Erscheinungsbild des DFB ist schon seit längerer Zeit verbesserungswürdig.»

In der Tat häuften sich Grindels Missgeschicke zuletzt. In der heiklen Causa um die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem umstrittenen türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan ließ er es an klarer Linie vermissen. Grindel musste sich vorwerfen lassen, er habe sich nicht entschieden gegen rassistische Attacken gestellt und Özil zum Schuldigen für das WM-Scheitern der Nationalmannschaft gemacht.

Zuvor hatte es bereits Kritik wegen einer übereilten Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw gegeben. Unglücklich wirkte Grindel auch, als er den Umgang von Löw mit der abrupten Ausmusterung der Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng monierte - und dann schnell zurückrudern musste. Jetzt ist Grindel beim DFB selbst Geschichte.

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