EM-Qualifikation
Nach Holland-Pleite: Löw braucht freie Köpfe für Belfast

Der Rückschlag im Reifeprozess fiel gnadenlos aus. Die Niederlande zeigten der Nationalelf die Lücke zur absoluten internationalen Spitze auf. Das EM-Ticket ist noch nicht in Gefahr. In Belfast fordert Bundestrainer Löw aber eine Trotzreaktion.

Samstag, 07.09.2019, 15:32 Uhr aktualisiert: 07.09.2019, 15:36 Uhr
Während die Niederländer feiern, stehen die DFB-Spieler enttäuscht in Hamburg auf dem Platz.
Während die Niederländer feiern, stehen die DFB-Spieler enttäuscht in Hamburg auf dem Platz. Foto: Daniel Reinhardt

Hamburg (dpa) - Vor dem Abflug zur nächsten Reifeprüfung nach Belfast war Joachim Löw als Seelentröster gefragt. Eine Grundsatzdebatte über sein von den Niederlanden schonungslos ausgespieltes Perspektivteam wollte der Bundestrainer auf keinen Fall zulassen.

Schnell die Köpfe frei kriegen an einem freien Tag an der Elbe, lautete die Devise für die Nationalmannschaft nach dem 2:4 (1:0) in der EM-Qualifikation gegen Oranje. «Qualitätsmängel haben wir keine. Das stellen die Spieler Woche für Woche unter Beweis», machte Löw gleich nach dem bitteren Hamburger Fußballabend klar und verteidige damit speziell die hart kritisierte Abwehr um Pechvogel Jonathan Tah.

Den Brückentag in Hamburg nutzte Löw zur schnellen Neuausrichtung. «Man muss den Spielern jetzt wieder das Gefühl geben, dass sie es können», sagte der 59-Jährige. Die erste Ergebnisdelle im bislang makellosen Aufbau-Jahr 2019 soll Richtung EM-Endrunde 2020 nämlich gerade bei den noch unerfahrenen Spielern keine Spuren hinterlassen. «Toni Kroos, Manuel Neuer, Ilkay Gündogan, die haben das schon mal erlebt, dass man so ein Spiel verliert. Die jungen Spieler muss man ein bisschen aufrichten», sagte Löw.

Nicht mit nach Belfast reisen kann Nico Schulz. Der Dortmunder zog sich gegen Holland eine Bandverletzung am linken Fuß zu und verließ noch am Samstag das Teamquartier. Löw hat somit nur noch 20 Spieler in seinem Kader, in Jonas Hector vom 1. FC Köln und dem Leipziger Marcel Halstenberg aber immerhin zwei Linksverteidiger.

Viel Zeit zur Analyse der erschreckend fehlerhaften zweiten Halbzeit mit vier Gegentoren in 32 Minuten hat der Bundestrainer nicht. «Wie vier Tore passieren können nach einer 1:0-Führung, ist nicht erklärbar», sagte Stürmer Timo Werner. Zum dritten Mal nach dem 2:2 im November und dem 3:2-Coup im März gab die DFB-Elf gegen den großen Rivalen in der zweiten Spielhälfte eine Führung aus der Hand - diesmal aber mit null Punkten als bitterer Konsequenz.

«Es hat uns schon gezeigt, dass wir da noch nicht reif genug sind», sagte Joshua Kimmich. «Es ist kein Zufall mehr, wenn man dreimal eine Führung hergibt.» Erst zum fünften Mal überhaupt in 13 Jahren und 176 Spielen unter Löw als Bundestrainer kassierte die DFB-Elf vier oder mehr Gegentore. Für Manuel Neuer war es nach dem legendären 4:4 gegen Schweden vor sieben Jahren erst der zweite Viererpack im DFB-Tor.

Wenn die DFB-Sondermaschine am Sonntag Richtung Nordirland abhebt, läuft die Vorbereitung auf ein völlig anderes, aber plötzlich richtig wichtiges EM-Ausscheidungsspiel im kleinen, zugigen Windsor Park. «Das Spiel wird sicherlich ein anderes. Klar, die Köpfe müssen hoch - und die werden Montag auch oben sein», versprach Toni Kroos. Auch Löw erwartet gegen die gerade in Belfast schwer zu bespielenden Nordiren einen sofortigen Stimmungswechsel. «Da werden wir, da bin ich mir sicher, eine Reaktion zeigen.»

Die ist auch notwendig. Ein weiterer Patzer könnte die DFB-Auswahl von dem schon sicher eingeschlagenen Weg Richtung EM-Endrunde 2020 plötzlich sogar abbringen. Platz eins in der Qualirunde, der einen Platz im besten EM-Lostopf und damit eine leichtere Turniergruppe ermöglichen würde, kann aus eigener Kraft schon nicht mehr erreicht werden, da durch das vierte Gegentor in der Nachspielzeit noch der direkte Vergleich (3:2/2:4) gegen Holland verloren ging.

Mit einem Sieg in Belfast würden immerhin die noch ungeschlagenen Briten überholt. «Taktisch werden wir auf jeden Fall umstellen. Nordirland spielt einen völlig anderen Fußball als die Niederlande. Da sind ganz andere Attribute, ganz andere Eigenschaften im Spiel», kündigte Löw an.

Im viel diskutierten Reifeprozess attestierte der Bundestrainer dem großen Rivalen Holland einen Vorsprung. Der kam im Volksparkstadion entscheidend zum Tragen - besonders beim Vergleich der Abwehrreihen. Hollands Hünen Virgil van Dijk und Matthijs de Ligt verhinderten eine höhere deutsche Führung. Tah war auf der anderen Seite fast permanent überfordert und nach dem Spiel aus Enttäuschung «genervt». Auch Matthias Ginter agierte neben dem lange immerhin stabilen Defensivchef Niklas Süle nicht auf dem notwendigen Niveau.

«Es war nicht alles schlecht und es soll nicht zu negativ rüberkommen. So ein Rückschlag wirft uns nicht aus der Bahn», versprach Süle. Unterstützung für die Defensive kam praktisch aus allen Mannschaftsteilen. «Naivität ist ein hartes Wort für heute», meinte Marco Reus.

Löw blickt grundsätzlicher auf den Leistungsstand. «Man hat schon gemerkt, dass die Holländer in der Formation schon länger zusammenspielen. Sie wirkten in diesem Spiel heute eingespielter als wir. Wir mussten auch einige Spieler ersetzen, und da haben wir gemerkt, dass manche Dinge nicht so funktioniert haben.»

Viel zu leicht wurden die Gegentore hergeschenkt. «Es tut natürlich weh, wie jede Niederlage. Aber es macht einem bewusst, dass wir noch einigen Weg zu gehen haben. Es gibt auf dem Weg zum Erfolg keine Abkürzungen», sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

Frenkie de Jong, ein Eigentor von Tah, Donyell Malen und Georginio Wijnaldum besiegelten mit vier Toren in einer halben Stunde den späten K.o. Erstmals seit Oktober 2015 und 14 Siegen nacheinander verlor Deutschland wieder ein Qualifikationsspiel für ein großes Turnier. Daran konnten auch das frühe 1:0 von Serge Gnabry und das 2:2 von Toni Kroos nach einem geschenkten Handelfmeter nichts ändern.

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