Nationalmannschaft
Bierhoff als Löw-Anwalt in der Krise und DFB-Weichensteller

Ihr Votum pro Löw hat die DFB-Führung schon verkündet. Trotzdem soll Oliver Bierhoff am 4. Dezember zunächst den Funktionären und im Anschluss auch der Öffentlichkeit den Weg in die Zukunft erläutern. Das könnte doch wieder spannend werden.

Donnerstag, 03.12.2020, 15:26 Uhr aktualisiert: 03.12.2020, 15:29 Uhr
Der Mann hinter dem Bundestrainer: DFB-Direktor Oliver Bierhoff (r) hält Joachim Löw den Rücken frei.
Der Mann hinter dem Bundestrainer: DFB-Direktor Oliver Bierhoff (r) hält Joachim Löw den Rücken frei. Foto: Ina Fassbender

Frankfurt (dpa) - Die größte Spannung ist nach dem DFB-Votum pro Joachim Löw raus. Dennoch werden die Perspektiven und Risiken mit dem Langzeit-Bundestrainer noch einmal ein Top-Thema sein.

Oliver Bierhoff soll als DFB-Direktor für die Fußball-Nationalmannschaften und Mitglied der Sportlichen Leitung des A-Teams vor den Funktionären im Präsidium über Löws Arbeit und Kurs referieren. Zugleich wird er zweieinhalb Wochen nach dem 0:6-Desaster in Spanien die Perspektiven für die EM 2021 aufzeigen. Danach stellt sich der 52-Jährige - im Grunde als Löws Anwalt - den Medien. Ihr Auftritt, Herr Bierhoff!

Die Aufgabe des eloquenten Managers wird es sein, den sportlichen Untergang von Sevilla überzeugend zu erklären und diesen in den von Löw seit zwei Jahren verfolgten Neuaufbau einer wieder titelfähigen Elf einzuordnen. Zugleich wird von Bierhoff erwartet, die Aussichten für die EM 2021 klar zu skizzieren. Kann er die kritische Stimmung gegen Löw in der Öffentlichkeit und bei etlichen Experten kippen?

Die größte Brisanz hatte die DFB-Führung dem Bierhoff-Auftritt zu Wochenbeginn mit dem «einvernehmlichen» Bekenntnis zu Löw und dessen «Weg der Erneuerung» entzogen. Aber die Tage danach haben offenbart, dass auch im Fußball-Dachverband kaum Ruhe und Einigkeit herrscht - gerade im Zutrauen in Löws Arbeit über das kommende Turnier hinaus.

Bierhoff kommt eine Schlüsselrolle zu, zumal sich seine Position im DFB verändert hat. Er ist ja nicht mehr der Vollzeit-Manager der Nationalelf, sondern für alle Auswahlteams verantwortlich. Und als zuständiger Direktor für das wichtigste Zukunftsprojekt des DFB, die rund 150 Millionen Euro teure Akademie, hat sich sein Fokus und Arbeitsfeld verändert und ausgeweitet. «Da ist Bierhoff gefordert», heißt es aus dem Verband. Es sei «Druck im Kessel», das Projekt ist ein Zeitfresser, bindet viele Kräfte.

Bierhoff rückt als Vertrauter von Löw nicht ab. Das demonstrierte er auch direkt nach dem verstörenden 0:6. «Das Vertrauen ist da, daran ändert auch dieses Spiel nichts.» Bierhoff unterstützt weiter Löws Kurs. Für die junge Spielergeneration um Kimmich, Gnabry, Goretzka, Süle, Sané oder Werner tritt er leidenschaftlich ein.

Ein Unterschied zu Löw ist, dass Bierhoff spätestens nach dem WM-Desaster 2018 Störsignale und Fehlentwicklungen mehr wahrnimmt. Die Entfremdung von den Fans und eine ausufernde Kommerzialisierung wurden angeprangert und ihm zugeschrieben. Bierhoff sorgt sich um die Sympathiewerte «der Mannschaft», wie diese im DFB seit einigen Jahren firmiert. «Wir haben Sympathien verspielt», gestand er jüngst vor den Länderspielen in Leipzig.

Löws Umbruch von alten WM-Helden wie Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng hin zu jüngeren Perspektivkräften rund um Kai Havertz trägt er mit. Für den steinigen Aufbau eines neuen, titelfähigen Teams mit jüngeren Führungskräften wie Kimmich oder Goretzka warb er vehement: «Diese Spieler sind den Umbruch mit Herz und Leidenschaft angegangen. Und die Spieler haben keinen Bock, nochmal das zu erleben wie 2018. Die haben Bock, das Maximum bei der EM herauszuholen.»

Bierhoff wird auch den DFB-Funktionären vermitteln wollen, dass die Neuausrichtung weiterhin verheißungsvoll ist. «Diese Mannschaft will ein neues Bild einer Nationalmannschaft angehen», lautet einer seiner Leitsätze. Ein Comeback von Hummels (31), Boateng (32) und Müller (31)? Derartige Rückholaktionen sieht Bierhoff gerade auch nach seinen eigenen Erfahrungen als Nationalspieler sehr skeptisch.

«Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit», hatte Bierhoff - vor Spanien - erklärt. Laut «Spiegel» soll er sich bei Löw für diese Aussage entschuldigt haben. Sie suggeriert die Möglichkeit, dass der 60-Jährige schon ein Jahr vor Ende seines laufenden Vertrages sein Amt abgeben könnte. Löw hatte Amtsmüdigkeit bei der Konferenz mit der engsten DFB-Spitze um Präsident Fritz Keller energisch von sich gewiesen.

Bierhoff wird beim Blick in die Zukunft und als Löws Vorgesetzter sich auch mit einem Plan B beschäftigen (müssen). Aus Sevilla blieb von ihm das Schlussbild hängen, wie er die Hände vors Gesicht schlug. «Ich hoffe, das ist ein einmaliger Fall. Wir müssen daraus lernen», sagte er danach. Die EM wird nicht nur für Löw zum Liefertermin.

© dpa-infocom, dpa:201203-99-559930/2

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