Fußball: Bundesliga
Schalke hakt Europa ab und steht vor komplizierter Zukunft

Gelsenkirchen -

Der FC Schalke 04 steht vor gravierenden Einschnitten. Vom Ziel Europapokal entfernt sich der Club nun offiziell. Die Gehaltsstrukturen im Kader werden angepasst. Offen bleibt, wie es nach dem Abzug von Boss Clemens Tönnies weiter geht und ob es eine Landesbürgschaft gibt.

Mittwoch, 01.07.2020, 17:30 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 10:52 Uhr
Ob der Slogan so noch stimmt? Das Schalker Vereinsmotto hat gelitten, finden auch Marketingvorstand Alexander Jobst, Trainer David Wagner und Sportvorstand Jochen Schneider
Ob der Slogan so noch stimmt? Das Schalker Vereinsmotto hat gelitten, finden auch Marketingvorstand Alexander Jobst, Trainer David Wagner und Sportvorstand Jochen Schneider Foto: dpa

Die fetten Jahre auf Schalke sind vorerst vorbei. Die Frage ist, ob der Fußball-Bundesligist schon am letzten Loch des enger zu schnallenden Gürtels angekommen ist oder ob da noch Spielraum bleibt? Keine Frage ist, dass der Tabellenzwölfte der gerade abgeschlossenen Saison Speck angesetzt hat und ordentlich Ballast mit sich rumschleppt. Sportchef Jochen Schneider und Marketingleiter Alexander Jobst kündigten am Mittwoch jedenfalls eine „Zäsur“ und „massive Einsparungen“ an. Notwendig geworden – natürlich – durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise, aber auch durch gravierende Fehler im Managementbereich: In den Jahren zwischen 2005 und 2016 spielte der Club zehn Mal in Champions oder Europa League. Seitdem nur noch einmal. Die Kostenseite blieb trotzdem unverändert. „Aufwand und Ertrag stehen nicht in Einklang“, sagte Schneider. Als „existenzbedrohend“ hatte Jobst schon einmal die Situation beschrieben. Nun sagte er: „Wir haben auf die Zukunft Europa gewettet – und diese Wette haben wir verloren.“ Spielergehälter stehen nicht mehr in Kongruenz zum wirtschaftlichen Ergebnis. „Schalke hat ein Ausgaben-Problem“, sagte Schneider. Also: Sparen. Am Personaletat und bei nicht notwendigen Investitionen werde „die Stopptaste“ gedrückt. Es sei notwendig, die sportlichen Ziele für die kommenden „ein, zwei, vielleicht auch drei“ Spielzeiten anzupassen, sagte Jobst. Das Erreichen des Europapokals sei kein Thema mehr. Vorerst.

Respekt für Tönnies

Zu den drängenden Fragen der Gegenwart nahmen beide Vorstände in der mit gewisser Spannung erwarteten Pressekonferenz nur vage Stellung. Dass Clemens Tönnies als Aufsichtsratsvorsitzender am Dienstag seinen Hut nahm: Jobst wie Schneider zollten dem zuletzt skandalumwitterten Fleischfabrikanten aus Rheda-Wiedenbrück hohen Respekt und sprachen ihm Dank aus. Dass eine Landesbürgschaft über kolportierte 40 Millionen Euro im Raum stehe: Keine Bestätigung, stattdessen der Hinweis Jobsts, sich an die „Geheimhaltungspflicht“ zu halten. Was natürlich nichts weniger bedeutete, als dass Grundlage dessen eben doch Verhandlungen seien. Und dass es eine Gehaltsobergrenze für die Profis auf Schalke – als erstem und bisher einzigem Bundesliga-Club – geben soll: Die 2,5 Millionen Euro, die öffentlich diskutiert werden, wurden weder von Jobst noch von Schneider bestätigt. Beide verwiesen auf die wohl deutlichen Budgetkürzungen. „Wir müssen uns Richtlinien auferlegen“, betonte Schneider, der allerdings bestätigte, dass mit der Mannschaft Ende Juli über einen weiteren Teilverzicht beim Gehalt gesprochen wird und sprach von „Kompromissen“.

Kommentar: Die härteste Währung

Jürgen Beckgerd Schonungslos gingen Marketingleiter Alexander Jobst und Sportvorstand Jochen Schneider am Dienstag in die sportliche und vor allem wirtschaftliche Analyse, das ehrt sie. Dass sie sich entschuldigten für das schlechte Bild, das der Verein zuletzt abgab mit miserabler, auch sportlicher Bilanz, der „Härtefallregelung“ bei der Ticket-Rückerstattung und der Entlassung von Minijobbern folgt indes dem Gebot der zwingenden Notwendigkeit. Schalke 04 hat(te) ein drängendes Image-Problem. Das ist dem Vorstand nicht verborgen geblieben. Deshalb die Demutsgesten, das Eingeständnis, Vertrauen verspielt zu haben. Ob die Kehrtwende vollzogen ist, wird sich zeigen. Das Versprechen, „soziale Verantwortung“ zu übernehmen, bleibt überprüfbar. Bei aller ökonomischer Schieflage des Vereins: Auf die „härteste Währung“ (Schneider über Transparenz), die Zuneigung und die Zustimmung seiner Fans, kann dieser Verein nicht verzichten. Das wissen Jobst wie Schneider. Da kommt ein wenig Demut gut. Jürgen Beckgerd

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Derweil sich die „Chefs“ über die wirtschaftliche Situation ausließen, saß Trainer David Wagner (Schneider: „Wir haben absolutes Vertrauen ins Trainerteam, die Branchenreflexe nach Misserfolgen sind nicht meine“) regungslos und höchst konzentriert zwischen den beiden. Der Coach hatte eine formidable Hinrunde mit seiner Mannschaft hingelegt, die dann aber nach 16 sieglosen Spielen in der Tabelle ebenso eklatant abschmierte. Wagner kennt die Gründe dieser zwei höchst unterschiedlichen Saisonphasen: viele verletzte Spieler, deren Reha sich gegen die optimistischen Erwartungen entwickelte, die Torwartdiskussion (Alexander Nübel, Markus Schubert), das „schlechte Transferfenster“ im Winter und die aus alldem resultierende mangelhafte Trainingsqualität. „Für beide Saisonphasen bin ich natürlich mitverantwortlich“, sagte Wagner. Schneider ergänzte: „Das waren für die Breite, Tiefe und Balance des Kaders zu viele Verletzte.“ Ob nachjustiert wird trotz des Sparprogramms? „Die Coronakrise hat natürlich auch Auswirkungen auf den Transfermarkt“, betonte Schneider und meinte wohl, dass der königsblaue Gürtel um ein weiteres Loch verstellt wird.

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