Fußball: Kreisliga B
Einfach ein bisschen anders

Gimbte -

In Gimbte läuft vieles anders. Ein Blick hinter die Kulissen des Fußball-B-Ligisten.

Freitag, 13.04.2018, 18:00 Uhr aktualisiert: 15.04.2018, 18:44 Uhr
Im Mannschaftskreis schwören sich die Gimbter Fußballer vor der Partie ein. Trainer Dragan Grujic hat zuvor die passende Marschroute erarbeitet.
Im Mannschaftskreis schwören sich die Gimbter Fußballer vor der Partie ein. Trainer Dragan Grujic hat zuvor die passende Marschroute erarbeitet. Foto: Stefan Bamberg

Ab 13.46 Uhr kann‘s schon teuer werden. 50 Cent pro Minute Verspätung. Aber, wenn sie ehrlich sind, hoffen sie, dass es hin und wieder passiert. „Na klar“, lacht Dragan Grujic. „Das wandert ja direkt in die Mannschaftskasse.“ Am Ende der Saison kann man davon also ein paar Kisten Apfelschorle kaufen. Oder mal zusammen ins Theater gehen. Heute aber kommen alle pünktlich. Weil sie ahnen, dass die Lage ernster ist als sonst? Der Trainer ist nämlich immer noch ein bisschen wütend. Wegen des müden 1:1 gegen Wacker Mecklenbeck II: „Das hat mich bis gestern noch richtig geärgert“, faucht der gerade noch so lustige Herr Grujic. „Männer! Wir dürfen jetzt nichts mehr liegen lassen.“ Sonst wird das nix mit dem Aufstieg in die Kreisliga A.

Also, packen wir’s an, zu Hause gegen den Klub Mladost; an einem Nachmittag, der so besonders werden wird wie jeder in der Schlage. Ein Nachmittag, der uns dem Geheimnis, warum eigentlich alle so gerne zum Fußballgucken nach Gimbte fahren, vielleicht ein bisschen näherbringt. Und ein Nachmittag mit einmaligen Eindrücken von dort, wo sonst niemand rein darf.

Okay, fast niemand, denn: Physiotherapeutin Clara ist schon 90 Minuten vorm Spiel in der Kabine. Sonst voltigiert sie bei Blau-Gelb, bei Heimspielen massiert sie wehe Kicker-Schenkel – ein kleines bisschen Luxus in einer Liga, in der es sonst natürlich keinen Luxus gibt: „Zwei Mann haben immer Kabinendienst“, erklärt Grujic. Das heißt: Getränkekisten schleppen, Trikots sortieren, hinterher aufräumen und sauber machen. Wer schludert, zahlt: fünf Euro.

Noch eine Stunde bis zum Spiel, als Grujic die Aufstellung bekanntgibt: keine Überraschungen in der Viererkette. „Dan und Nik auf der Sechs“ – gemeint sind Spielertrainer Daniel Helmes und Neuzugang Niklaas Houghton. Auf der Außenbahn hat sich Christoph Grotholtmann gegen Christoph Wesselmann durchgesetzt, auch Zaubermaus Fabian Rink muss zunächst draußen sitzen. „Und vorne fängst Du an, Marco“ – Grujic zeigt auf Marco Wienkamp: „Drei von vier frei vorm Tor müssen drin sein!“

Helmes übernimmt: Mecklenbeck abhaken, sie sollen sich „gegenseitig coachen“, mal „die Fresse aufmachen“, Mladost wird wohl auf Offensive setzen, aber hinten anfällig sein.

Ein gezieltes Gegner-Scouting hat vorher nicht stattgefunden: „Manchmal ergibt es sich spontan, dass wir zu einem anderen Spiel fahren. Aber es ist eben Kreisliga B“, schmunzeln die Coaches.

Was auch spätestens daran deutlich wird, dass der Trainer nicht nur der Trainer ist: 14.25 Uhr, Grujic tippt selbst die Mannschaftsaufstellung in den PC – und begrüßt nebenbei den Schiedsrichter. Den Schlüssel für dessen Umkleide hat er übrigens auch selber in der Tasche. Ein Blick aus dem Fenster: Die Mannschaft läuft sich warm. 14.37 Uhr: Theo Große Wöstmann ist in der Schlage eingetroffen – im Grunde könnten wir jetzt also anfangen.

Doch zehn Minuten vor Anpfiff geht’s noch mal in die Kabine, stramm stehen für den Referee, der den Spielberichtsbogen kontrolliert. Dann Teamkreis, der Kapitän hat das letzte Wort: „Wir wissen alle, dass wir’s können!“, brüllt Adam Kozakowski. Jetzt müssen sie es nur noch zeigen.

Die Schlage ist nun voll; weil heute nirgendwo anders gespielt wird, kommen sie auch aus Greven und Reckenfeld. Kult-Torwarttrainer Dietmar Grämer zum Beispiel: „Die Stimmung ist schon besonders cool hier.“ Und: nirgendwo ist der Rasen so schlecht. Punkt 15 Uhr, Anstoß! Zu einer Partie, die für sich genommen relativ unspektakulär verläuft: 1:0, 2:0, zweimal Marco Wienkamp – wie war das noch mit den dreien von vieren, die drin sein müssen? 3:0, Kozakowski kurz vor der Pause. Was soll da noch passieren?

„Mann, wir müssen hier fünf, sechs Dinger machen!“ – falls Daniel Helmes mit der ersten Halbzeit zufrieden ist, lässt er sich das nicht anmerken. „Die sind nicht unsere Kragenweite – scheißegal, ich will noch ein Tor. Und noch eins. Und noch eins.“ Könnten die Fans draußen ihn hören, sie würden vor lauter Vorfreude mit ihrer Bratwurst jonglieren. 15.58 Uhr, die Teams joggen zurück auf den Rasen. Zeitgleich tapst eine Steppkes-Gang um Grujic junior vorbei: „Theooo, können wir `ne Cola?“ Klar Jungs, sagt Große-Wöstmann und lässt bei sich anschreiben.

Der Stadionkiosk brummt, während auf der Wiese noch zwei weitere Treffer fallen: Eine weitere Aufgabe des Trainers ist es hier, selbst die Tore zu schießen – Grujic köpft das 4:0. Christoph Wesselmann macht das, was Daniel Helmes ihm zuvor eingebläut hatte: „Ab der 60. Minute Vollgas!“ Und das 5:0. Das Spiel ist ganz bestimmt nicht Nebensache – aber auch ganz bestimmt nicht alles. Spieltag in Gimbte, sagen die Leute hier, ist immer ein Feiertag.

Auch noch lange nach dem Schlusspfiff: Mannschaft und Zuschauer teilen sich mehrere Mantaplatten. „Gimbte ist einfach ein bisschen anders“, erzählen Adam Kozakowski und Fabian Rink in der Kabine, „im Prinzip spielen wir alle seit Jahren zusammen. Wir sind nicht nur Teamkollegen, sondern Freunde.“

Und in ein paar Wochen vielleicht sogar A-Ligist. Doch was, wenn nicht? Theo Große Wöstmann zuckt mit den Schultern: „Dann geht es hier genauso schön weiter wie bisher.“

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