Wie Rainer Nieuwenhuizen von Greven nach Santiago de Compostela radelte
„Gut, dass ich nicht laufen musste“

Greven -

Das robuste Stahlrad, das ihn einst über den Jakobsweg trug, steht noch bei ihm zuhause.

Dienstag, 01.12.2020, 10:30 Uhr aktualisiert: 03.12.2020, 09:47 Uhr
„Eine riesige sportliche Herausforderung“ fand Grevens Radsport-Urgestein Rainer Nieuwenhuizen auf dem Jakobsweg - vor allem in den Bergen.
„Eine riesige sportliche Herausforderung“ fand Grevens Radsport-Urgestein Rainer Nieuwenhuizen auf dem Jakobsweg - vor allem in den Bergen. Foto: Rainer Nieuwenhuizen

Er war dann mal weg. Ein bisschen so wie Hape Kerkeling in seinem Bestseller. Aber auch wirklich nur ein bisschen. Denn anders als der beliebte Komiker suchte Rainer Nieuwenhuizen auf dem Jakobsweg weder den Weg zu Gott noch den zu sich selbst. Sondern hauptsächlich den ins Ziel. „Für mich“, erinnert sich Grevens Radsport-Urgestein, „war das einfach eine riesige sportliche Herausforderung.“ Eine, die nach vier Wochen und 2900 Kilometern tatsächlich in diesem Ziel endete – das bekanntlich Santiago de Compostela heißt. Hier, bei einer Messe in der weltberühmten Kathedrale (in der ja angeblich die Gebeine des Apostels Jakobus liegen), bekam Nieuwenhuizen dann doch kurz einen Eindruck von der spirituellen Komponente des Pilgerns: „Na klar, das war schon ergreifend – und ich bin ja auch Katholik.“

Der Moment, in dem die lange Reise zu Ende geht, er nimmt offenbar auch den stärksten Athleten irgendwie mit. Am 2. September 2009 war das; Anfang August hatte sich Nieuwenhuizen auf die Socken gemacht, um den vielleicht prominentesten Weg der Welt überhaupt zu erkunden – mit dem Fahrrad.

Und ansonsten mit nichts außer zwei kleinen Gepäcktaschen: „Zwei Trikots, zwei Hosen und ein bisschen Unterwäsche.“ Ach ja, und zwei Sportskameraden: Karl und „Sturmi“. Beide kannte Nieuwenhuizen vor dem großen Abenteuer eher flüchtig. Beide wollten aber sofort mit, als er in der lokalen Radsport-Szene von seinem Vorhaben berichtete. „Bekannte von mir hatten die Tour im Jahr davor gemacht“, sagt Nieuwenhuizen.

Mit deren Aufzeichnungen plante er die exakte Route, buchte die ersten Jugendherbergen, Wochen im Voraus. Das musste man damals, vor elf Jahren, auch noch: Ein Navi gab’s zwar. „Aber nicht W-Lan an jeder Ecke.“ Generell die Technik: Ein altes Handy nahm er mit, um zwischendurch seine Frau anzurufen – sonst: nichts.

Die ersten Etappen führten das Trio durch Holland und Belgien, flach, geradeaus und schnell. Sie erreichten Frankreich, die Räder liefen. Nur Chartres war so gar nicht Nieuwenhuizens Tag: Dort, nicht weit weg von Paris, vergaß er sein Portemonnaie in der Unterkunft. Und fuhr – als ihm das am nächsten Morgen auffiel – allein den ganzen Weg wieder zurück. Vergeblich: „Geld und Papiere waren weg.“

Gattin Heti schickte ihm per Expresslieferung einen gerade noch gültigen Reisepass nach Südfrankreich. Der kam tatsächlich an, und womöglich konnte Nieuwenhuizen nach diesem Stress nun auch die spanische Hitze nix mehr anhaben. Einheimische schenkten ihnen öfter Plätzchen und frisches Wasser, das natürlich in Windeseile lauwarm war. An den Abenden jedoch immerhin ein kleines bisschen Luxus: kühles Bier – und Hotels statt der klassischen Pilgerherbergen.

Der Trupp hatte mittlerweile den „Camino Francés“ erreicht, den bekanntesten Teil des Jakobswegs, die letzten 800 Kilometer. Auf denen Nieuwenhuizen mit den Bergen kämpfte („Ich hab‘ ja auch ein wenig Bauch“) – aber durchhielt. 20 000 Höhenmeter legten sie insgesamt zurück, bis nach Santiago, bis zum Rückflug nach vier unglaublichen Wochen.

Rainer Nieuwenhuizen ist jetzt 76 Jahre alt und inzwischen aufs E-Bike umgestiegen – der Radsport fasziniert ihn wie am ersten Tag.

Er hätte an dieser Stelle auch erzählen können, wie er 1985 mit einer Hand voll Mitstreitern nach Montargis radelte. Oder, wie er die Grevener Radsportfreunde mitgründete, denen er noch heute freundschaftlich verbunden ist. Das robuste Stahlrad, das ihn einst über den Jakobsweg trug, steht noch bei ihm zuhause. „Gut“, meint Nieuwenhuizen rückblickend, „gut, dass ich nicht laufen musste.“

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