Fanserie: Fabian Niestert und der SC Preußen Münster
Tanz auf dem Ludgeri-Kreisel

Greven -

Schon als Kind wurde Fabian Niestert mit dem SCP-Virus infiziert – und noch immer ist der Grevener glühender Anhänger des Traditions-Fußball-Vereins aus der Domstadt. Niestert und seine verrückten Kumpels haben schon viel erlebt mit den Münsteranern. Abstiege, aber auch Meisterschaften und episch lange Auswärtsfahrten – sie sind allesamt in lebhafter Erinnerung geblieben

Dienstag, 09.02.2021, 06:29 Uhr aktualisiert: 10.02.2021, 10:33 Uhr
Schon in jungen Jahren wurde Fabian Niestert mit allem ausgestattet, was das Fanherz begehrt: Preußen-Schal, Fahne und Mütze dürfen nicht fehlen.
Schon in jungen Jahren wurde Fabian Niestert mit allem ausgestattet, was das Fanherz begehrt: Preußen-Schal, Fahne und Mütze dürfen nicht fehlen.

Okay, ganz streng genommen ist diese Geschichte ein kleines bisschen geschummelt. Denn Fabian Niestert wohnt gerade woanders. Fürs Masterstudium hat es ihn tief in den Westen verschlagen: „Wo die Sonne verstaubt. Und es besser ist, viel besser als man glaubt“, beweist er am Telefon Grönemeyer-Textsicherheit. Der Neu-Bochumer Niestert und der SC Preußen Münster, das ist allerdings eine Story, die in Greven begann – und die irgendwie auch immer noch hierhin gehört.

Die Story nämlich von einer paar fußballverrückten Jungs: Timo, Matze, Maxi, Leon, Gerrit – und Fabian. Von montags bis freitags drückten sie gemeinsam die Schulbank, am Gymnasium Augustinianum – und samstags die Daumen, im Stadion an der Hammer Straße. Oder fuhren sogar auswärts: als frisch gebackene Abiturienten zum Beispiel nach Unterhaching – wo die Preußen, im Frühsommer 2013, die zweite Bundesliga quasi eintüten konnten. „14 Stunden Anreise mit der Regionalbahn, achtmal umsteigen“, erinnert sich Niestert.

14 Stunden letztlich dafür, dass es am Spieltag wie aus Eimern schüttete, Münster 0:3 unterging, und den Aufstieg damit verzockt hatte. Sie gurkten 14 Stunden wieder zurück. „Das war schon unglaublich bitter.“ Aber es war ein Erlebnis, von dem sie noch ihren Enkeln erzählen können. „Mit Preußen“, sagt Niestert wegen solcher Anekdoten, „verbinde ich Freundschaft.“

Aber auch – und zwar chronologisch betrachtet vorrangig: „Heimat und Familie!“ Schon sein Opa zählte zu den Gästen im Preußenstadion, wo 1963/64 für genau eine Saison Bundesliga gespielt wurde. Und Vater Niestert – Vereinsmitglied und Dauerkartenbesitzer – nahm seinen Sprössling schließlich mit zum Spiel: „Zum ersten Mal am 10. September 2000, ein 4:2-Sieg gegen den SC Verl.“

Da war er gerade sechs und schon tagelang vorher so aufgeregt, dass er auf dem Nachbarschaftsfest allen davon erzählte. „Einer unserer Nachbarn hat mir dann eine Preußen-Fahne geschenkt.“

Niemals vergisst man solche Details – auch wenn die Sammlung an Trikots, Schals und vor allem gesehenen Spielen mit der Zeit noch so opulent wird. Niestert erlebte 2006 seinen ersten Abstieg, im strömenden Regen gegen den Wuppertaler SV. 2011 die Rückkehr in den Profi-Fußball, bei schönstem Frühlingswetter und tanzend im Ludgeri-Kreisel. Oder 2012 eine DFB-Pokalsensation, 4:2 gegen Werder Bremen bei 38 Grad im Schatten. Ja, und dann halt Unterhaching, wo es wieder regnete.

Niestert und die anderen Grevener Jungs verteilten sich nach dem Abi über ganz NRW. Nicht zuletzt der Fußball hielt und hält sie weiter zusammen. Immer wieder machen sie sich auf den Weg in Städte, die man vermutlich nie zu Gesicht bekäme, gäbe es dort keine ambitionierten Drittligisten: Offenbach, Cottbus, Chemnitz, Halle an der Saale. Auch 2020 hatte in dieser Hinsicht eigentlich prima angefangen: mit einer Auswärtstour nach Kaiserslautern, auf den außergewöhnlichen Betzenberg, wo ein sehr gewöhnliches Match 1:1 endete.

Ohnehin passierte viel Anfang des vergangenen Jahres: Nur eine Woche später erhielt das Preußen-Publikum bundesweit Applaus, als es geschlossen einen einzelnen Zuschauer niederbrüllte, der einen gegnerischen Spieler rassistisch beleidigt hatte. „Auf diese Reaktion war ich enorm stolz“, berichtet Niestert.

Gegen den sportlichen Absturz konnten der 26-Jährige und seine Kumpels freilich nicht mehr anschreien. Corona kam, und der SCP trudelte Richtung vierte Liga. „Den Abstieg haben wir auf der Couch verfolgt, irgendwie hat man emotional nicht so recht daran teilgenommen.“

Im Spätsommer sah er seine Preußen sogar wieder live, als einer von 300 ausgewählten Fans bei einem glatten 4:0-Erfolg über den Fußball-Giganten SV Bergisch Gladbach. Überhaupt schlägt sich das junge Team ganz beachtlich in der Regionalliga – wird das sofortige Comeback in Liga drei jedoch ziemlich sicher verpassen. „Aber das ist auch nicht so wichtig“, findet Niestert. Nein, wenn er die Wahl hätte zwischen erfolgreicherem Fußball oder aber der Möglichkeit, endlich wieder ins Stadion gehen zu dürfen – mit seinem Vater und mit seinen Freunden? „Ich müsste nicht lange überlegen.“

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