Thomas Derner über den Tanzsport in der Corona-Pandemie
Völlig aus dem Takt geraten

Greven -

Thomas Derner verdient sein Geld seit vielen Jahren als professioneller Tanzlehrer. Das ist in Zeiten des Lockdowns kaum noch möglich.

Freitag, 05.03.2021, 16:06 Uhr aktualisiert: 05.03.2021, 16:19 Uhr
Videos sind ein Mittel, mit dem Thomas Derner versucht, seine Tanzsport-Schüler während der Pandemie zu erreichen und ihnen Wissen zu vermitteln. Ein zweiter Weg sind Zoom-Meetings, zu denen er zwei Mal in der Woche einlädt.
Videos sind ein Mittel, mit dem Thomas Derner versucht, seine Tanzsport-Schüler während der Pandemie zu erreichen und ihnen Wissen zu vermitteln. Ein zweiter Weg sind Zoom-Meetings, zu denen er zwei Mal in der Woche einlädt. Foto: privat

20 Jahre hat er Tanzen als Leistungssport betrieben, die Farben Deutschlands international „vertreten dürfen“, wie Thomas Derner es formuliert. Danach ist er Trainer geworden, trainiert die Deutschen Juniorenmeister. Das Paar hat drei Mal den Deutschen Meistertitel in der Altersklasse der 13- bis 15-Jährigen gewonnen, geht jetzt im Jugendbereich an den Start – eigentlich. Das Coronavirus hat, im übertragenen Sinn, die Musik abgestellt.

„Tanzen ist eine Randsportart“, blickt der 60-Jährige ganz nüchtern auf seine Berufung, die zum Beruf geworden ist. „Und auch eine Kontaktsportart“, stellt er fest, dass gerade das in Corona-Zeiten ein zusätzliches Handicap darstellt. Dabei ließen sich beim Tanzsportclub Ems-Casino Blau-Gold Greven, in dem er unterrichtet und Vorstandsmitglied ist, alle Vorgaben „ohne Probleme erfüllen“.

350 Quadratmeter Fläche, dazu eine Deckenhöhe von bis zu zehn Metern – „90 Prozent der Paare kommen aus einem Haushalt. Wenn dann eines in der Halle ist, sonst niemand, nach jedem Paar desinfiziert wird, wie sollen die sich anstecken?“, fragt er nicht nur sich. Doch die Antwort von offizieller Seite ist eindeutig: Verständnis ja, aber keine Chance, zu einem minimalen Übungsbetrieb zurückzukehren.

Was für den 60-Jährigen auch finanzielle Konsequenzen hat. „Ich gehe jetzt in den fünften Monat ohne Einnahmen“, sagt er. Schon im vergangenen Jahr, beim ersten Lockdown, habe er knapp drei Monate von der Substanz leben müssen. Das sei jetzt wieder der Fall und nur möglich, „weil ich nach dem Neustart Ende Mai so viel wie möglich gemacht habe“. Zehn-Stunden-Tage seien die Regel gewesen. Bis Ende Oktober habe er das durchgezogen, dann sei ihm klar gewesen, dass der nächste Lockdown unausweichlich sei.

Von den beantragten 9000 Euro Soforthilfe im vergangenen Jahr hat Thomas Derner nach eigenen Angaben ungefähr 2000 Euro erhalten. Von der Novemberhilfe – „die erst ab 28. November beantragt werden konnte“ – habe er Mitte Dezember eine Abschlag von 1500 Euro erhalten. Der restliche Betrag in gleicher Höhe sei Ende Januar eingegangen.

Die Überbrückungshilfe sei für ihn unerreichbar. „Fürs Kleinstgewerbe ist das keine Hilfe“, stellt er nüchtern fest. Deshalb werde für die ersten drei Monate in diesem Jahr nichts kommen.

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust, wenn er an das Tanzcentrum zurückdenkt. Das hat er zum 31. März vergangenen Jahres aufgegeben. Die Nachwuchsgruppen samt Mitarbeitern sollten beim TV Hohne Unterschlupf finden. Auch der Verein hatte sich viel davon versprochen – bis Corona kam.

Für den klassischen Tanzsport sieht er die Lage nicht rosig. „Jugendliche dafür zu gewinnen ist schwer, weil er nicht angesagt ist.“ Das belegt er mit dem Verweis auf Tanzkurse. „Die waren früher eine Selbstverständlichkeit. Dann ist das innerhalb von vier, fünf Jahren so gut wie weggebrochen.“ Dabei hält er diese Form des Breitensport für sehr wichtig. Das fördere nicht nur die Konzentration und die körperliche Fitness, sondern vermittle auch Etikette.

Ein Wort, das früher jeder verstanden habe. Heute müsse man das wohl übersetzen mit dem respektvollen Verhalten gegenüber anderen. Dessen Vermittlung via Zoom-Unterricht sei nicht einfach. Der Tanzsportlehrer versucht es dennoch, montags und freitags in jeweils zweistündigen Sequenzen. Hinzu kommen Videos für die Kunden. „Das ist der einzige Weg zu versuchen, die Leute bei der Stange zu halten.“

Resigniert klingt der ehemalige Leistungssportler nicht unbedingt, wenn er das sagt. Aber Illusionen gibt er sich nicht hin. Der Inhaber sämtlicher Trainerscheine des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV) und des Deutschen Tanzsportverbandes (DTV) lässt sich die Freude an der Bewegung zu Musik nicht nehmen. Und die möchte er weiterhin möglichst vielen Menschen, auch jungen, vermitteln.

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