Ein Jahr Geisterspiele in der Bundesliga
Grevener fiebern nur noch aus der Ferne mit

Greven -

Am 11. März 2020 ging das erste Geisterspiel in der Geschichte der Bundesliga über die Bühne. Seitdem fiebern die Fans aus Greven nur noch aus der Ferne mit.

Samstag, 27.03.2021, 06:09 Uhr
Schon seit einem Jahr können die Grevener Gladbach-Fans – hier Andreas Determann (v.l.), Stefanie Mais, Torsten Schlusche und Sabine Mais vor dem heimischen Marktbrunnen – nur aus der Ferne mit ihrem Herzensclub mitfiebern.
Schon seit einem Jahr können die Grevener Gladbach-Fans – hier Andreas Determann (v.l.), Stefanie Mais, Torsten Schlusche und Sabine Mais vor dem heimischen Marktbrunnen – nur aus der Ferne mit ihrem Herzensclub mitfiebern. Foto: Christian Besse

Fußball-Bundesliga direkt vor Ort: Das bedeutete vor noch nicht allzu langer Zeit volle Stadien, Fangesänge und manchmal auch Exzesse wie verbotene Pyrotechnik. Letztere sind seit einem Jahr Gott sei Dank passé, alles andere aber leider auch.

Am 11. März 2020 ging das erste Geisterspiel in der Geschichte der Bundesliga über die Bühne, Borussia Mönchengladbach besiegte den 1. FC Köln mit 2:1. Seitdem müssen die Fans, die sonst Woche für Woche, zumindest aber zu den Heimspielen „ihres“ Vereins in die Arenen pilgerten, in den eigenen vier Wänden mitfiebern, vor dem Fernseher.

„Man guckt die Spiele allein oder mit einem Kumpel. Man darf sich ja nicht in einer Gruppe treffen“, bedauert Andreas „Effe“ Determann, der erste Vorsitzende des Gladbach-Fanclubs „Münsterland Fohlen ´95 Greven“. Was mit dem Stadionbesuch nun wirklich nicht vergleichbar sei, bestätigt Clubkollege Torsten Schlusche, den wegen seiner Basecap alle nur „Mütze“ nennen: „Alleine vor dem Fernseher rumzuhängen, ist nicht so berauschend. Und wenn man hört, was die Reporter manchmal für einen Blödsinn verzapfen, möchte man am liebsten abschalten.“

Wenn man hört, was die Reporter manchmal für einen Blödsinn verzapfen, möchte man am liebsten abschalten.

Gladbach-Fan Torsten Schlusche

Dabei sei beim Zuschauen „in Präsenz“, also dem Stadion-Besuch, nicht alleine das Mitfiebern in der Nordkurve des Borussia-Parks wichtig, so Grevens Fohlenchef Determann: „Es zählt auch die Gemeinschaft. Das fängt schon bei der gemeinsamen Hinfahrt an.“

Das sieht auch Clubkollegin Stefanie Mais so, die zwar keine Dauerkarte besitzt, aber dennoch bei den Spielen meist mit dabei war – vor allem, wenn es im Bus gemeinsam mit den Gladbach-Fans aus Saerbeck nach Mönchengladbach ging:„Mir fehlt vor allem die Geselligkeit. Und vor dem Fernseher herrscht keine Atmosphäre.“

An das bisher letzte Spiel der Fohlen, das er vor Ort mitverfolgt hat, kann sich Determann – der wegen seiner früheren blonden Haarpracht und seines Gladbach-Trikots beim Training von seinem ehemaligen Coach bei der DJK Greven „Effe“ getauft wurde – genau erinnern. Es war die Partie bei Fortuna Düsseldorf am 15. Februar 2020, die Gladbach mit 4:1 gewann.

Auch Peter Schampera hat das letzte Mal, als er die Fohlen live sah, noch genau vor Augen. Es war auf Schalke, am 17. Januar vergangenen Jahres. Die Gäste verloren 0:2, was Schampera freute. Denn er ist 04-Anhänger, Vorsitzender des Fanclubs „Schalker Jungs Reckenfeld“.

Dass diese Partie eine ganz besondere sein würde, sollten Schampera, alle anderen königsblauen Fans und der Verein selbst erst nach und nach realisieren. Denn es dauerte nach diesem Heimsieg gegen Gladbach fast ein volles Jahr, bis die Gelsenkirchener gegen Hoffenheim den nächsten Dreier einfuhren.

Der Stadionbesuch fehlt einem natürlich.

Schalke-Fan Peter Schampera

Bis dahin trug 04 die meisten Spiele vor leerer Kulisse aus, und Schampera will nicht ausschließen, dass sein Herzensverein besser dastünde, wenn die Fans ihn in den vergangenen Monaten hätten unterstützen können. Er leidet fern von Gelsenkirchen mit seinem Verein mit, ebenso wie die anderen „Schalker Jungs Reckenfeld“. Den Besuch der Veltins-Arena und der Auswärtspartien vermisst er, völlig unabhängig von der sportlichen Lage von Königsblau: „Das fehlt einem natürlich.“

Und nicht nur ihm: Mit „25 bis 40“ Fans, so schätzt Schampera, waren die „Schalker Jungs“ in den Jahren vor der Corona-Pandemie im Bus von Reckenfeld nach Gelsenkirchen oder zu den Auswärtsspielen gefahren – je nachdem, wie viele Karten der Fanclub für die betreffende Partie ergattert hatte. Der Vorsitzende selbst besitzt seit Beginn der 90er Jahre eine Dauerkarte auf Schalke – damals spielte Königsblau, wie voraussichtlich bald wieder, in der 2. Liga und noch im Parkstadion.

Seine Leidenschaft für Blau-Weiß sei ihm in die Wiege gelegt worden, sagt Schampera. Und dennoch weiß er den Stadion-Entzug in diesen Zeiten durchaus zu relativieren: „Die anderen Corona-Bestimmungen schlauchen noch mehr. Fußball ist ja nur ein Aspekt.“

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