Fußball: 3. Liga
Viele ungelöste Fragen nach Pyro-Vorfall im Preußenstadion

Münster -

Blocksperre beim SC Preußen Münster. Der Fußball-Drittligist schließt den Bereich N der sogenannten Fiffi-Gerritzen-Kurve für die nächsten beiden Heimspiele gegen Magdeburg und Dresden. Hier die Problematik im Überblick:

Dienstag, 19.04.2016, 05:25 Uhr aktualisiert: 19.04.2016, 08:57 Uhr
Keine Anhänger in Block N: Gegen Magdeburg und Dresden hat der SC Preußen von sich aus eine Blocksperre ausgerufen.
Keine Anhänger in Block N: Gegen Magdeburg und Dresden hat der SC Preußen von sich aus eine Blocksperre ausgerufen. Foto: Jürgen Peperhowe

►  Warum wird Block N geschlossen?

Beim Heimspiel gegen Energie Cottbus wurden nach Polizeiangaben in Block N rund 60 Rauchtöpfe gezündet . Mittlerweile haben sich sechs Personen gemeldet, die gesundheitliche Probleme nach der massiven Rauchentwicklung im Stadion hatten. Der Verein lässt den Block N leer, Dauerkarten-Besitzer können ihre Karten für Block L umtauschen. Im gesamten Stadionbereich sind Fahnen und Banner verboten. Der Verein sperrte bereits im Oktober 2015 Zuschauerblöcke nach ähnlichen Vorfällen.

►  Was sagt die Polizei?

 Es gebe mehrere Tatverdächtige, ein 19 Jahre alter Münsteraner hat sich nach der öffentlichen Fahndung vom Wochenende gemeldet. Eine weitere Personensuche mit Veröffentlichung eines Fahndungsbildes soll folgen.

►  Was ist eine öffentliche Fahndung?

Die Polizei erwirkt durch die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Beschluss, ein etwaiges Fahndungsfoto in den Medien zu veröffentlichen. Der Beschluss des Richters basiert auf einem dringenden Tatverdacht.

►  Warum gehen Polizei und/oder Sicherheitskräfte nicht in den Block, wenn dort Pyrotechnik gezündet wird?

„Die Stimmung kippt“, sagt ein Polizeisprecher, und meint das bislang vor allem auf Deeskalation ausgerichtete Verhalten. Bei einem vergleichbaren Fall beim Gastspiel gegen Fortuna Köln war es im Preußen-Fanblock zu einer sofortigen Solidarisierung der Anhänger untereinander gekommen, als die Polizei den Fanblock betrat. Erwartet würde in solchen Fällen ein bedingungsloser Schlagabtausch, bei dem Polizisten und auch Unbeteiligte verletzt werden könnten. Der Einsatz von Polizeikräften in einem Ul­tra-Block berge stets die Gefahr einer Massenschlägerei. Allerdings will sich die Polizei auf Dauer nicht den Vorwurf gefallen lassen, einen „rechtsfreien Raum“ in einem Stadion zu tolerieren. Am Ende geht es um die Verhältnismäßigkeit der Aktion.

►  Wie werden Rauchtöpfe ins Stadion gebracht?

 Rauchtöpfe, Rauchfackeln, aber auch Böller und ähnliches Material können leicht im Internet bestellt werden. Gegen Cottbus wurden Rauchtöpfe der Marke „Mr Smoke 2“ in der Größe eines Joghurtbechers gezündet, dabei wird der Deckel vom Behälter abgerissen und der Rauch steigt auf. Stückpreis 5,50 Euro. Insider sagen, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, das Material ins Stadion zu bekommen. Die Behälter werden am Körper mit Klebeband festgetapt, nach Aussage von Sicherheitskräften sollen auch bevorzugt Frauen die Behälter transportieren, weil sie nicht so streng am Stadioneingang kontrolliert werden. Zudem weiß man aus anderen Stadien, dass „Schmuggler“ im Bereich der Ordner, des Caterings oder bei den Technikern angeheuert werden. Im Preußenstadion, dessen Zustand baufällig in einigen Teilen ist, dürfte es zudem einige Verstecke geben. Schon Tage vor der Partie würden entsprechende Materialen „gebunkert“. Ganz unappetitlich ist zudem der Transport von Rauchpulver in Kondomen, die in Körperöffnungen versteckt werden.

Nach Pyro-Vorfall im Preußenstadion

►  Wieso werden Täter trotz Videoüberwachung im Stadion nicht ermittelt?

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel hinter Fahnen, Doppelhaltern und Bannern. Nach Angaben der Polizei wechseln die Tatverdächtigen während des Spiels im Stadion komplett die Kleidung hin und her, setzen Masken oder Sturmhauben auf und ziehen sich während der Rauchentwicklung oder im Schutz der Fahnen wieder um. Für die Polizei ist das ein Puzzlespiel.

►  Welche Strafen drohen Personen, die Pyrotechnik in einem Stadion zünden?

 „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“, lautet ein Stakkato-Singsang. Eine Straftat im Stadion ist es alle mal. Wird Anklage nach dem Sprengstoffgesetz erhoben, sind bis zu drei Jahren Freiheitsentzug möglich. Geht es letztlich um einfache Körperverletzung sind bis zu fünf Jahren denkbar, bei gefährlicher Körperverletzung sogar bis zu zehn Jahren.

►  Was ist eine „schwere Verletzung“ bei Pyro-Einsatz?

Eine schwere Verletzung liegt vor, wenn eine Person ins Krankenhaus eingeliefert wird, unabhängig vom Verbleib im Hospital. Als Körperverletzung gelten bereits tränende Augen oder Atemnot bei einer Rauchentwicklung wie am 9. April im Heimspiel gegen Cottbus.

Pyro-Vorfall beim Heimspiel von Preußen Münster

Dietrich Schulze-Marmeling ist intimer Kenner der lokalen, nationalen und internationalen Fußballszene und anerkannter Fachbuchautor. Der 59-Jährige war am Samstag im Preußenstadion und analysiert als Gast-Autor die Vorkommnisse, die den 3:0-Erfolg von Preußen Münster gegen Energie Cottbus überschatteten.

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►  Wie groß ist die Ultraszene in Münster?

Die Deviants, die in Block M stehen, spalteten sich vor einigen Jahren von der Curva Monasteria ab. Der harte Kern soll zwischen 50 und 100 Personen betragen. Die Fiffi-Gerritzen-Kurve entstand aus der Curva Monasteria sowie dem Nachfolger Block O. Hier soll es sich um 150 bis 200 Personen handeln, beide Ultra-Gruppierungen wissen noch einen größeren Kreis an Sympathisanten hinter sich.

►  Was sagt der DFB?

Das DFB-Sportgericht wird die Vorfälle behandeln, es werden Geldstrafen ausgesprochen, auch Teilausschlüsse der Zuschauer sind denkbar. Eine Entscheidung könnte diese Woche folgen.

►  Was sagt das Fanprojekt der Preußen?

In einer Pressemitteilung heißt es, dass die vom Verein verhängten Strafmaßnahmen mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden. Gegenüber beiden Seiten warb der Vorstand des Fanprojekts um die Aufnahme von Gesprächen unter der Führung eines Mediators, um die Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen. „Das nun gesetzte Zeichen des Vereins in Form von Kollektivstrafen entspricht dem nicht“, erklärt der Fanprojekt-Vorsitzende Benny Sicking. So würden viele weitere Fans bestraft.

►  Kann der Verein Schadensersatz geltend machen?

Ja, das würde gehen, wenn die pyrotechnischen Vorfälle einer Person zugeordnet werden könnten. Jeweils rund 30 000 Euro zahlte der SCP an den DFB Strafgelder in den vergangenen Spielzeiten. Aktuell steht der SCP mit 4500 Euro zu Buche. Die Sicherheitskosten im Etat betragen per anno über 300 000 Euro. Der Imageschaden ist enorm.

►  Kurios:

Der Caterer darf im Bereich der Ultra-Gruppierungen an den Getränkeständen keine Bierhalter aus Pappe mitgeben, weil diese leicht entflammbar sind.

Ultra-Bewegung: Pilz spricht vom „Stilmittel Pyrotechnik“

Die Ultra-Bewegung nahm in den 60er Jahren in Italien ihren Anfang, vor allem, um die Stimmung in den Stadien zu verbessern. Heute sieht der Fanforscher Gunter A. Pilz die Ultras als Opposition des modernen und kommerziellen Fußballs. Dabei gibt es keine klaren Schnittstellen zwischen Ultras, Hooligans und „normalen“ Fans, die Übergänge sind teilweise fließend.

Die Bedeutung von Pyrotechnik ist nach Pilz dabei eine besondere: „Pyrotechnik ist ein Stilmittel. Durch das Verbot hat das noch einmal eine andere Dimension erhalten“, sagte der Sport-Soziologe auch im Jahr 2011 am Rande des Prozess um den Preußen-Ultra Juri C. in Osnabrück. Er hatte mit einem Böllerwurf eine Explosion im alten Kabinengang des VfL-Stadions herbeigeführt, bei der 35 Menschen verletzt wurden.

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