Fußball: 3. Liga
Abschied und Neustart beim SC Preußen Münster

Münster -

Horst Steffen verließ um 9.39 Uhr das Vereinsgelände des SC Preußen Münster – nach neun Monaten endete seine Dienstzeit. Wenige Minuten später führte Interims-Trainer Cihan Tasdelen die Mannschaft erstmals auf den Trainingsplatz. So ganz glücklich war an diesem Mittwoch aber niemand ...

Mittwoch, 05.10.2016, 13:01 Uhr aktualisiert: 05.10.2016, 13:30 Uhr
Cihan Tasdelen hat ab sofort das Sagen auf dem Trainingsplatz. Am Mittwoch leitete er die erste Trainingseinheit, am kommenden Sonntag könnte der erste Pflichtspieleinsatz folgen.
Cihan Tasdelen hat ab sofort das Sagen auf dem Trainingsplatz. Am Mittwoch leitete er die erste Trainingseinheit, am kommenden Sonntag könnte der erste Pflichtspieleinsatz folgen. Foto: Jürgen Peperhowe

Als Horst Steffen am Mittwochmorgen seine letzten Amtsgeschäfte in Münster erledigte, tat er das schon nicht mehr in offizieller Funktion. Um 9.19 Uhr fuhr er vor der Haupttribüne des Preußenstadions vor und umfuhr dabei weiträumig den mit „Cheftrainer“ gekennzeichneten Parkplatz.

Am Dienstagnachmittag war der 47-Jährige von eben diesem Amt beim SC Preußen Münster freigestellt worden, am Mittwoch blieb nur noch die kurze Verabschiedungsrunde bei seinen Spielern, die sich in der Kabine auf die erste Trainingseinheit mit Interimstrainer Cihan Tasdelen vorbereiteten.

Um 9.39 Uhr hatte Steffen alles gesagt, bedankte sich formvollendet und gewohnt freundlich bei allen Anwesenden für die gute Zusammenarbeit und verschwand endgültig vom Preußengelände.

„Irgendetwas kann bei uns ja nicht gestimmt haben“

Gleichzeitig weilte Club-Präsident Georg Krimphove noch in der Kabine und sprach zur Mannschaft. Eindringlich und nachdrücklich, wie er im Anschluss zusammenfasste. Um Malochermentalität sei es gegangen, um die Einstellung zur Arbeit und um die Grundtugenden soliden Fußballs. „Irgendetwas kann bei uns ja nicht gestimmt haben“, sagte Krimphove, der nicht wirklich überzeugt schien, den richtigen Mann vom Hof gejagt zu haben.

„Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass Horst Steffen ein sehr guter Trainer ist“, so Krimp­hove. Gleichzeitig ist der Trainer aber im komplexen Fußball-Getriebe auch die einzige Stellschraube, die in sportlichen Krisen schnell bedient werden kann. Dennoch: „Wir haben uns eventuell in dem einen oder anderen Spieler geirrt“, so Krimphove, „auch charakterlich: Irgendetwas ist in der Mannschaft nicht in Ordnung – und das haben wir uns alle an die Fahne zu heften.“

Preußen trennen sich von Trainer

Einen Plan B hatte die Clubführung vor der Demission des Cheftrainers offenkundig nicht in der Schublade. „Am Dienstagabend sind erstmals Namen von Kandidaten gefallen“, so Krimphove. „Wir werden den Markt in Ruhe sondieren. So lange genießt Cihan Tasdelen unser volles Vertrauen.“

Westfalenpokal

Tasdelen hatte derweil die Mannschaft zum ersten gemeinsamen Training auf dem Kunstrasen versammelt, am Wochenende wird er voraussichtlich auch den Ernstfall proben, wenn es in der zweiten Runde des Westfalenpokals gegen die Spielvereinigung Erkenschwick geht.

Ein wichtiges Spiel für den SC Preußen , der erstmals seit 2014 wieder in den lukrativen DFB-Pokal einziehen will – um dort Einnahmen zu erlösen, die die Vereinskasse nach der Freistellung von Horst Steffen dringender benötigt denn je. Nachdem zuletzt die Nachverpflichtung von Innenverteidiger Ole Kittner schon zu einer finanziellen Gratwanderung wurde, dürfte der Vertrag mit dem neuen Coach den Etat vollends überlasten.

 

Horst Steffen in Bildern

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  • Wie sein Vorgänger Ralf Loose kam er als Hoffnungsträger nach Münster und sollte den SC Preußen aus der Krise führen. Nach nur neun Monaten an der Hammer Straße wird der Fußball-Coach entlassen.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Steffen im Kurzporträt - Geboren: 3. März 1969 in Krefeld – Familienstand: verheiratet, vier Kinder – Vereine als Spieler: Bayer Uerdingen, Borussia Mönchengladbach, MSV Duisburg – Vereine als Trainer: SC Kapellen-Erft, MSV Duisburg U 23, MSV Duisburg U 19, Borussia Mönchengladbach U 19, Stuttgarter Kickers. – Vertrag in Münster: bis 30. Juni 2017 – Erfolge: Deutscher Meister A-Jugend mit Uerdingen, Landesliga-Meister mit Kapellen-Erft, 10 U-21-Länderspiele, 80 Drittliga-Partien als Coach in Stuttgart.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Horst Steffen wird am Heiligabend 2015 inthronisiert und löst den bisherigen Trainer Ralf Loose ab. Steffen war im November 2015 bei den Stuttgarter Kickers entlassen worden. Er hatte das Angebot auf Vertragsverlängerung im Oktober 2015 nicht wahrgenommen. Der gebürtige Krefelder soll den Karren namens SC Preußen Münster schnell wieder fit machen, aus der Krise Ende 2015 ziehen. Der 47. Coach der Preußen seit 1945 ist der neue Hoffnungsträger.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Offensiv und witzig agiert Steffen bei seiner Präsentation kurz nach Neujahr. Er beantwortet jede Frage, auch die wenig Fußball-affine nach dem Filmzitat „Alles auf Horst.“ Die Antwort kommt prompt. „Bang Boom Bang.“ Horst hier, Horst da, Horst überall, so lautet der Kanon des ersten Arbeitstages, „Bang Boom Bang“ soll in der Meisterschaft folgen. Steffen verspricht: „Ich werde alles Erdenkliche dafür tun, dass die Preußen attraktiven und schönen Fußball spielen.“

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  • Nach der Vorstellung hat Horst Steffen seinen ersten echten Arbeitstag. Es ist Trainingsauftakt.

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  • Wie üblich lässt es auch Horst Steffen bei seiner ersten Einheit eher ruhig angehen. Die harte Arbeit folgt erst an der Costa del Sol.

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  • Beim Trainingslager in Spanien gehen die Preußen-Spieler mit ihrem neuen Coach auf Tuchfühlung. Es sind intensive sieben Tage, in denen der 46-Jährige seine Spielidee in das Team mit Verve installiert.

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  • Mit 2:0 (1:0) gewinnt der SC Preußen Münster Mitte Januar sein Testspiel beim Zweitligisten Fortuna Düsseldorf und zeigt dabei eine mehr als ordentliche Vorstellung. Einzig die vergleichsweise überschaubare Gegenwehr des Gegners trübt den guten Eindruck ein wenig.

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  • Im März folgt ein echter Rückschlag für die Preußen im Kampf um die Relegation und den anvisierten Platz vier, der zumindest noch die Teilnahme am lukrativen DFB-Pokal bedeutet hätte: Durch das 0:1 (0:1) bei den Kickers aus Stuttgart beträgt der Rückstand auf den Dritten, den VfL Osnabrück, mittlerweile sieben Zähler. Für Preußens Fußballlehrer ist die Partie Mitte März ein „besonderes Spiel“ auf der Waldau. Zwei Jahre lang führte er Regie bei den Kickers, schrammte in der Saison 2014/15 nur haarscharf an den Relegationsspielen vorbei.

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  • In seinem 100. Einsatz als Drittliga-Coach sowie am 100. Tag seit Amtsantritt an der Hammer Straße darf Horst Steffen (hier mit Chris Philipps) endlich einen 3:0 (1:0)-Erfolg über Energie Cottbus genießen. Fünf Spieltage vor dem Saisonende versuchen sich die Adlerträger an der Kurskorrektur. „Alle in Münster haben nach einem Sieg gelechzt“, befindet Steffen später.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Die Preußen starten in ihre sechste Drittliga-Saison, der Erz- und Dauerrivale ist zu Gast – und dann auch noch zur Premiumspielzeit am Sonntagnachmittag in exponierter Position ohne nennenswerte Konkurrenz. Was beim Derby gegen den VfL Osnabrück im Juli jedoch folgt, ist ein klassischer Fehlstart nach der Sommerpause. Die Preußen unterliegen 0:1 (0:1).

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Die Talfahrt des SC Preußen Münster nähert sich immer mehr einem brutalen Aufprall. Das Kellerkinderduell beim Zweitliga-Absteiger FSV Frankfurt im September verliert der SCP mit 1:4 (0:2). Nicht nur die Punkte gehen flöten, auch der Mut, das Selbstvertrauen, die Hoffnung, dass in der jetzigen Konstellation noch etwas zu retten ist.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Die Krise beim SC Preußen Münster geht weiter. Nach dem 4:0-Heimsieg über Werder Bremen II entpuppt sich das Team von Horst Steffen im fünften Anlauf auch als fünfter Punktelieferant. Bei VfR Aalen verlieren die Adlerträger am 1. Oktober mit 0:1 (0:1) vor 3327 Zuschauern. Die Position von Trainer Horst Steffen wird damit alles andere als unterfüttert.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Der SCP kommt in dieser Saison nicht voran, und weil er das am Tabellenende tut, schrillen alle Alarmglocken. Diese Saison wird kein Zuckerschlecken und es gibt nur noch ein Ziel für die restlichen 28 Spieltage: Den Klassenerhalt schaffen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 4. Oktober trainiert Horst Steffen seine Preußen ein letztes Mal, dann wird er beurlaubt, mit ihm Athletik-Coach Marc Rösgen. Was bereits vor dem Heimspiel gegen Werder Bremen II, welches Preußen Münster durchaus eindrucksvoll mit 4:0 gewann, wie ein Damo­klesschwert über Trainer Horst Steffen hing, wird nun Realität. Die 0:1-Pleite bei VfR Aalen, eine harmlose und mutlose Vorstellung des Fußball-Drittligisten, wirkte wie ein Brandbeschleuniger. Die Schonfrist war abgelaufen.

    Foto: Jürgen Peperhowe

 

„Aber was sollen wir machen. Einen Trainer brauchen wir, also müssen und werden wir das stemmen“, sagt der Präsident, der seinen Posten bekanntermaßen im Januar räumen wird. Schon jetzt dürften die künftigen starken Männer des Vereins mehr als beratend in die Entscheidungen eingebunden sein. Den schweren Job am Dienstagnachmittag und am Mittwochmorgen konnte und wollte Georg Krimphove jedoch noch niemand nehmen.

Große Betroffenheit auch bei den Spielern

„So etwas ist immer Sch...“, gestattete der 51-Jährige bei der zweiten Trainerentlassung seiner anderthalbjährigen Amtszeit einen tiefen Blick in sein Seelenleben. „Und bei Horst Steffen ist es besonders schlimm, weil er ,unser’ Trainer ist. Der Mann, den wir geholt haben und von dem wir immer noch viel halten. Diese Entscheidung hat mir einige schlaflose Nächte bereitet. Ich glaube, auch bei den Spielern eine große Betroffenheit gespürt zu haben, natürlich auch beim Trainer – und bei uns am allermeisten.“

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