Kompromisslos und romantisch
Walther Seinsch hat in Augsburg ein Märchen wahr werden lassen

Augsburg -

Als Klaus Hofmann im Juni 2015 erstmals von den Plänen von Walther Seinsch erfuhr, in seiner Heimat Münster ein neues Stadion zu bauen, war der neue Vorstandsvorsitzende des FC Augsburg doch ein wenig überrascht. „Das ging aber schnell“, sagte der Unternehmer, der erst im Dezember 2014 Seinsch an der Spitze des Bundesligisten abgelöst hatte, damals.

Samstag, 26.11.2016, 09:00 Uhr
Walther Seinsch
Starker Mann beim SCP: Walther Seinsch ist Mitglied des Preußen-Präsidiums – dort aber viel mehr als einer unter vielen. Foto: Jürgen Peperhowe

Denn Seinsch ’ Abschied beim FCA schien seiner angeschlagenen Gesundheit geschuldet. Anfang 2010 hatte Seinsch öffentlich gemacht, dass er an Depressionen leidet. Vertraute berichteten Ende 2014, dass er den Umgang mit den Problemen eines Proficlubs immer mehr als Last empfand. In Augsburg hat Seinsch reinen Tisch gemacht. Der FCA kaufte seine Anteile an den Vermarktungsrechten für 16 Millionen Euro zurück und über nahm auch seine Anteile an der Stadion-Betreiber-Gesellschaft in Höhe von 25 Millionen Euro. Hofmann kaufte mit einer Investoren-GmbH die Anteile von Seinsch an der Profi-Gesellschaft in Höhe von rund acht Millionen Euro. Seinsch, der mit allen Wassern gewaschene Kaufmann, der es in der Textilbranche (er gründete die Kik- und Takko-Modemärkte) zu einem verita­blen Vermögen gebracht hatte, hat in Augsburg nicht den großen finanziellen Reibach gemacht. Er hatte zuvor nämlich auch einen zweistelligen Millionenbetrag investiert.

Seinsch ist beim FCA Geschichte. Die, die er hinterließ, liest sich aber wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. 1998, im Alter von 57 Jahren, war er in den selbst gewählten Vorruhestand gegangen. Seiner Frau ging der Hausmann Seinsch aber bald nur noch auf die Nerven. Im Fußball suchte der Fußball-Fan Seinsch neue Aufgaben und Beschäftigung. Es gab Annäherungen an Schalke 04 und den SSV Reutlingen. Aber dort wollten sie auf seine Ideen nicht eingehen. Beim FC Augsburg hatten sie im Sommer 2000 gar keine andere Wahl. Der Verein stand damals vor der Insolvenz. Seinsch hatte lange überlegt, ob er einsteigt. Er ist einer, der stundenlang von der romantischen Seite des Fußballs schwärmen kann, vom Zusammenhalt der Fans in guten und besonders in schlechten Zeiten, von der Solidarität auf den Rängen, davon, wie Siege gefeiert und Niederlagen ertränkt werden. Aber er kann auch fast ansatzlos auf kühlen Geschäftsmann-Modus umschalten.

So hatte Seinsch schon bei seinem Einstieg erklärt: Profi-Fußball kann nur in einem neuen Stadion erfolgreich betrieben werden. Darum hatte er auch gleich ein Stadionmodell vorgestellt. Er wurde zuerst mitleidig belächelt. Schließlich spielte der FCA nur in der Bayernliga vor ein paar hundert Zuschauern. Neun Jahre später stand die Arena mit einem Fassungsvermögen von 30 660 Zuschauern.

Seinsch war nicht der Funktionärs-Typ „Sonnenkönig“. Geschichten über sich sah er äußerst ungern in den Medien. Er war besorgt, dies könnte seine Familie (neun Kinder, davon sechs adoptiert) gefährden.

In den Anfangsjahren hat Seinsch im Fußballgeschäft einiges Lehrgeld zahlen müssen. Aber er hat immer versucht, das Geld nicht aus dem Fenster zu werfen. Der Verein war einem strengen Budget-Diktat unterworfen. Nie mehr ausgeben als einnehmen, lautete das Credo.

Seinsch war kein bequemer Zeitgenosse. Sein oft seltsames Verständnis von Humor und Ironie hat Beobachter immer wieder mal ratlos bis peinlich berührt hinterlassen. Sein Verhältnis zu weiten Teilen der Presse war bald unterkühlt. Einige Journalisten strafte er mit eisiger Missachtung.

Beim FCA zeigte er seine zwei Seiten. Der emotionale Fan Walther, der zu Beginn seiner Augsburger Zeit oft im Fanblock stand, und der seriöse Kaufmann Seinsch, dessen Personalpolitik von einer Prämisse geprägt war: „Acht von zehn Personalentscheidungen sind falsch“, hatte Seinsch bereits zu Beginn seiner Augsburger Zeit lapidar gesagt.

Walther Seinsch hat seine Fehler bei der Personalauswahl stets umgehend korrigiert. Eine Reihe von Trainern und Managern hat er vor die Tür gesetzt. Darunter auch den ehemaligen Preußen-Coach Ralf Loose oder den jetzigen Stuttgarter Manager Jan Schindelmeiser. „Rumms, da waren sie weg“, beschrieb FCA-Aufsichtsratschef Peter Bircks einmal den kompromisslosen Führungsstil. Wer mit der Art von Seinsch nicht klarkam, war fehl am Platze. Seinsch ging 14 Jahre beim FCA unbeirrt seinen Weg. Sein Antrieb war es, zu beweisen, dass seine These, ein Verein könne nur mit einem modernen Stadion im Profifußball überleben, richtig ist. In Augsburg ist ihm dies eindrucksvoll gelungen.

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