Foul oder nicht Foul?
Post von der Polizei: 16 Nachwuchskicker müssen Zeugenaussage machen

Münster -

Ausgerutscht, brutales Tackling? 16 Nachwuchskicker von Saxonia Münster sind vorgeladen, weil unklar ist, ob ein Gegenspieler vom BSV Roxel verletzt worden oder nur unglücklich gestürzt war. Ungewöhnlich, weil der Schiedsrichter die Spielsituation nicht als Foulspiel bewertet. Der Ausgang? Zumindest offen.  

Dienstag, 05.09.2017, 19:09 Uhr aktualisiert: 05.09.2017, 20:26 Uhr
Fußball gehört zu den Kontaktsportarten. Das Risiko, sich zu verletzten, spielt wie in anderen Sportarten ständig mit.
Fußball gehört zu den Kontaktsportarten. Das Risiko, sich zu verletzten, spielt wie in anderen Sportarten ständig mit. Foto: colourbox.de

Als Isabel N. an diesem sommerlichen Freitag im August ihren Postkasten wie üblich nach der Arbeit leert, hält sie für einen Moment lang inne. Ihre volle Aufmerksamkeit gilt einem Brief der Polizeidienststelle Münster. Sie atmet tief durch – unweigerlich drängt sich in der Mutter die Frage auf: Was hab’ ich verbrochen? Noch auf dem Weg hoch in die Wohnung öffnet sie nervös das offizielle Schriftstück.

Dann der Schreck: Vorladung! Ein einziges, fettgedrucktes Wort löst in ihr auf Mal großes Unbehagen aus. Hektisch liest sie weiter. „Sehr geehrte Frau ... in der Ermittlungssache ... ist die zeugenschaftliche Vernehmung Ihres Sohnes erforderlich.“ Nicht sie, ihr 14-jähriger Junge wird vorgeladen. Das macht es nicht besser.

Isabel N. ist nicht allein. 15 weitere Schreiben haben die Ordnungshüter gegen Ende der Sommerferien in Umlauf gebracht. Die Adressaten: 16 Nachwuchskicker des TuS Saxonia Münster – 13 und 14 Jahre jung. Ihnen allen ist gemein: in der 36. Kalenderwoche mit einem Erziehungsberechtigten auf der Dienststelle antreten zu müssen, um Fragen zu beantworten.

Anzeige gegen Unbekannt

Rückblick: Donnerstagabend, 30. März 2017. Auf der Sportanlage in Mauritz herrscht wie immer ein reger Trainingsbetrieb. Auf dem Nebenplatz kämpfen die C-Junioren der Saxonen und des BSV Roxel um Meisterschaftspunkte. Es ist kurz nach 18 Uhr, als die Partie für einen Spieler der Gäste auf tragische Weise endet. Im Strafraum des TuS auf Höhe der Außenlinie geht der Roxeler im Kampf um den Ball unglücklich zu Boden, fällt auf die Pflasterung am Ende des Kunstrasenplatzes, krümmt sich vor Schmerzen. Der besorgte Vater des Jungen eilt sofort auf das Feld. Ein Rettungswagen wird gerufen – die erschütternde Diagnose im Krankenhaus: Frakturen im linken Knie und rechten Arm. Dass die Saxonen die Partie mit 9:0 gewinnen, wird zur Nebensache.

Das Nachspiel folgt Tage später. Der Vater des schwer verletzten Jugendlichen sucht den Kontakt zum TuS. In der Hoffnung, an Namen und Adresse des Spielers zu kommen, der seinen Sohn an jenem Abend mutmaßlich brutal gefoult haben soll. Da aber weder die Clubverantwortlichen ein Fehlvergehen gesehen haben noch der Schiedsrichter einen Regelverstoß ahndete, verlaufen die Bemühungen im Sand. Darauf sieht sich der Vater am 7. April wohl auch aus versicherungstechnischen Gründen genötigt, das Amtszimmer der Polizei aufzusuchen und Anzeige zu erstatten wegen vorsätzlicher Körperverletzung – gegen Unbekannt. Plötzlich steht der Vorwurf einer Straftat im Raum. Ein Schock für die heile Fußballwelt der Saxonen.

Eltern stehen in der abgetrennten Fan-Zone

„Das ist ein äußerst ungewöhnlicher Schritt“, so Angela Lüttmann, Pressesprecherin der Polizei Münster. Sie kennt den Fall, hat Derartiges aber nie zuvor erlebt. Und nun? „Muss der Sachverhalt geklärt und nachgewiesen werden, dass hier vorsätzlich gehandelt wurde“, sagt sie. Dazu gehört im ersten Schritt die Vernehmung der 16 Spieler des TuS. Sollte sich der Verdacht erhärten, werden wohl weitere Zeugen verhört – und der Fall dürfte der Staatsanwaltschaft übergeben werden. Ob vor Gericht mögliche Ansprüche seitens des Klägers verhandelt werden?

Dieter Ostertag, Justiziar beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen, macht diesem wenig Hoffnung: „Fußball ist ein Kontaktsport. Es muss ein grober Regelverstoß vorliegen, um überhaupt so etwas wie Schadensersatz geltend machen zu können. Ein Allerwelts-Foul, wenn es denn eines war, ist nicht strafbar.“ Und an dieser Stelle scheiden sich die Geister. Während der Papa des Jungen gesehen haben will, dass sein Filius mit „gestrecktem Bein“ angegangen wurde, haben sie bei den Saxonen nicht mal ein Foulspiel registriert. Dirk Glanemann, Jugendobmann aus dem Lager des BSV, sagt sogar: „Ich war selbst nicht dabei, aber ich habe von mehreren Seiten gehört, dass der Spieler unglücklich weggerutscht sein soll.“

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Umso überraschter hat auch Birgit Janßen, Jugendobfrau bei den Saxonen, die Strafanzeige zur Kenntnis genommen. „Das alles scheint mir ein Zusammenspiel von unglücklichen Momenten. Ich unterstelle allen unseren Kindern und Jugendlichen, fair spielen zu wollen. Oft sind es schlicht die Eltern, die Unruhe reinbringen.“ Aus diesem Grund stellt der TuS diese bei Jugendspielen ins „Zwangs-Abseits“. Sie und andere Zuschauer müssen in einer abgetrennten Fan-Zone stehen und einen gewissen Abstand zum Spielfeld halten. Eine Benimm-Regel, die nicht immer eingehalten wird.

Schwere Operation und acht stationäre Tage in der Klinik

„Wir sind durch die Hölle gegangen“, sagt derweil der Papa des heute 14-Jährigen – und ringt um Fassung. Er möchte anonym bleiben. Zwei schwere Operationen musste sein Sohn während der acht stationären Tage in der Klinik über sich ergehen lassen. Es folgten zwei leidvolle Monate daheim, in denen das Wohnzimmer der Familie in eine Art Krankenstation umfunktioniert wurde – mit erheblichem finanziellen Aufwand. Um eine Rundumbetreuung gewährleisten zu können, gab die Ehefrau sogar ihren Job auf. „Wir haben nachts kaum ein Auge zugemacht, mein Sohn hatte bei jeder Bewegung Schmerzen, weinte und schrie, es war eine Qual“, versucht der Vater zu beschreiben, was er und seine Familie in der Zeit durchgemacht hätten.

Was ihn besonders traurig stimmt: „Niemand vom TuS hat sich bei uns gemeldet oder im Krankenhaus vorbeigeschaut. Ich bin tief enttäuscht“, klagt er. Dem Jugendlichen geht es inzwischen besser. Er geht wieder zur Schule, das war lange unmöglich. Ein Lehrer hat ihn zwei Mal die Woche daheim unterrichtet. „Trotzdem ging es mit den Noten bergab“, so der Vater. Im Oktober wird er nochmals für ein paar Tage am Krankenbett seines Sohnes sitzen. Dann werden die Drähte aus Arm und Bein entfernt, das Gröbste überstanden sein – ein kleiner Trost.

Und Isabel N.? Ist heilfroh, wenn die Woche vorbei ist und das Verfahren eingestellt wird. Darauf deutet alles hin.

Verletzt: Wer zahlt?

Fußball ist ein Sport mit hohem Verletzungspotenzial. Üblicherweise sind Sportvereine in den jeweiligen Landes-Sportverbänden über Rahmenverträge der Sportversicherung abgesichert. Somit verfügen Vereine, Verbände und deren Mitglieder über eine solide, aber in der Regel minimale Grundabsicherung im jeweiligen Rahmen der dortigen Auflagen. So auch der BSV Roxel, der den Unfall laut Jugendobmann Dirk Glanemann dem Versicherungsträger ordnungsgemäß gemeldet hat.

Im Regelfall kommt für die entstehenden Kosten die Krankenversicherung des Vaters des verletzten Kindes auf. Immer wieder versuchen die Krankenkassen in speziellen Fällen aber auch, Regressansprüche zu stellen – wenn zum Beispiel übermittelt wird, dass ein grobes Foulspiel die Ursache für den Krankenstand ist. Das würde erklären, warum der Vater unbedingt Namen und Adresse des Gegenspielers haben wollte.

Wer in seinem Sport auf Nummer sicher gehen will, sollte lieber privat vorsorgen. Eine private Unfallversicherung sowie eine Berufsunfähigkeitsversicherung sorgen im Schadensfall für ein entsprechendes finanzielles Polster.

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