„Aussteigen ist das Schlimmste“
Langes Laufen als Passion und Herausforderung gleichermaßen

„Bei jedem mühsamen, schmerzhaften Schritt auf den letzten Metern werden die Emotionen gewaltiger, die Zufriedenheit, es doch noch geschafft zu haben, immer größer“, schrieb einst der Journalist Robert Semmler. Das mögen auch Eva-Maria Gaszek und Rainer Lid so fühlen. Das Paar läuft und läuft und läuft. Am liebsten gemeinsam.

Freitag, 13.04.2018, 07:28 Uhr aktualisiert: 13.04.2018, 12:53 Uhr
Immer unter demselben Schirm – und auf der Laufstrecke sowieso stets nebeneinander unterwegs: Eva-Maria Gaszek und Rainer Lid teilen auch sportlich so gut wie alles.
Immer unter demselben Schirm – und auf der Laufstrecke sowieso stets nebeneinander unterwegs: Eva-Maria Gaszek und Rainer Lid teilen auch sportlich so gut wie alles. Foto: Beckgerd

Es hört sich an wie eine Liebeserklärung: „Wir schauen uns in die Augen und wissen Bescheid“, sagt sie – und sieht ihn tatsächlich lächelnd an. Eva-Maria Gaszek und Rainer Lid können aber auch anders: „In Berlin war das,“ erinnert er sich: Ich hatte einen guten Tag, sie weniger, da haben wir uns getrennt.“ Und in Hamm: „Da kommt es auf Minuten an“, meint Lid. Da musste halt jeder für sich...

Gemeinsam - oder getrennt

So oder so: Die beiden Leichtathleten von den Laufsportfreunden Münster wissen genau, was sie aneinander haben. Sie laufen zusammen – oder eben getrennt. Auf jeden Fall sind sie nicht allein. Lange, verdammt lange sogar: Bei den Deutschen 100-Kilometer-Meisterschaften in Rheine waren sie zeitgleich in 9:48,15 Stunden im Ziel, was am Ende die Plätze 53 und 54 bedeutete und über diesen Zeitraum und diese Distanz allein schon eine bemerkenswerte Tatsache ist – aber kein Zufall. Im vergangenen Jahr gelang ihnen Selbiges in Leipzig.

Überhaupt 100 Kilometer. „Der Marathon ist die Königsdisziplin für Langstreckenläufer. Aber irgendwann muss man sich anderen Herausforderungen stellen“, sagt Lid. Der 65-Jährige hat vor 15 Jahren angefangen, „strukturiert“ zu laufen, wie er sagt. Vorher war nur Joggen. Eva-Maria Gaszek absolvierte 2012 ihren ersten Marathon in Münster. Und irgendwann liefen sie sich halt über den Weg. Heute sind sie ein Paar, leben und laufen (vorwiegend) gemeinsam in Senden und um Senden herum.

Rennsteiglauf, der größte Crosslauf Europas im Thüringer Wald, der Lauf von Emden nach Wilhelmshaven, Läufe über 170 Kilometer, über zwölf oder über 24 Stunden – auch gerne mal ohne Schlafpause (Lid) mit 183 beziehungsweise 133 Kilometern Laufleistung inklusive eines Nickerchens (Gaszek): Mehr als nur ein Stück des Weges laufen die beiden gemeinsam.

Laufen als Hobby

Warum, wo ist die Sinnhaftigkeit? Die Verwaltungsfachwirtin weiß zumindest, was nicht dahinter steckt: „Wir sind weder verrückt, noch Freaks. Und wir haben noch anderes drauf, Laufen ist ja nur eines unserer Hobbys. Wir sind Breitensportler.“ Essen gehen, Kino, Tanzen – für vieles bleibt noch etwas Zeit neben dem Laufen. „Für uns beginnt der Fernsehabend halt etwas später“, sagt sie und lächelt ihn an. „Wir verzichten auf nichts – nur aufs Rauchen und auf Alkohol.“ Meistens.

Wenn die beiden ihr Training optimieren, kommen an die 140 Kilometer pro Woche zusammen, im „Normalfall“ sind es 80 bis 100 Kilometer. Plus Regeneration.

Zahlen, bitte!

4989! Eva-Maria Gaszek und Rainer Lid laufen den Marathon nur noch, wenn sie es eilig haben. Haben sie Zeit, dann darf es für die beiden Münsteraner auch schon mal mehr als doppelt so weit gehen (siehe oben). Was passiert aber, wenn ihnen auch die 100 Kilometer irgendwann zu kurz werden? Aktuell gilt das „Self-Transcendence 3100 Mile Race“, das, wie der Name sagt, über 3100 Meilen (4989 Kilometer) führt, als längstes zertifiziertes Rennen der Welt. Der 883 Meter lange Kreisverkehr führt um einen Häuserblock im New Yorker Stadtteil Queens und wird täglich zwischen 6 Uhr in der Früh und Mitternacht Runde für Runde abgedreht. Im Jahr 2006 war der deutsche Extremsportler Wolfgang Schwerk nach 41 Tagen, acht Stunden, 16 Minuten und 29 Sekunden am Ziel, aber noch lange nicht am Ende: Nach dem Zieldurchlauf machte der damals 51-Jährige noch eben die 5000 Kilometer voll. Auf seinem langen Weg stellte Schwerk immerhin 74 neue Weltrekorde auf den Strecken zwischen 1400 Meilen und 5000 Kilometern auf. Die meisten der Rekorde ist der Deutsche seit 2015 wieder los, als der Finne Ashprihanal Aalto die Winzigkeit von 23 Stunden schneller war. Täglich absolvierte er dabei mehr als 117 Kilometer und in knapp 41 Tagen mehr als 118 „normale“ Marathons.

...

Die Faszination des langen Laufens erschließt sich im Gespräch mit dem ehemaligen IT-Spezialisten und seiner Partnerin. Und beide sind beredtes Beispiel, dass Langstreckenläufer zwar Individualsportler sind, aber nicht sein müssen.

Wie im Flow

„Man ist wie in einem Flow“, sagt sie über den Kampf mit dem Körper und gegen die Uhr. Disziplin ist gefragt, natürlich: „Vor allem beim Lauf selbst. Sonst wird’s zum Ende hin schmerzhaft“, weiß Lid aus Erfahrung. Die zeitgemäßen Lauf-Uhren am Handgelenk liefern gute Dienste. Mittlerweile, denn die Prototypen waren noch unzuverlässig: „Deren Akku-Laufzeiten waren nicht lang genug“, sagt Lid schmunzelnd. Eva-Maria Gaszek („Ich nehme für einen Trainingslauf auch mal einen Tag Urlaub“) pflichtet ihm bei: „Der Spaß fängt bei Kilometer 70 an“, erinnert sie sich an die DM.

Laufen ist für sie eine Herausforderung, „ein Erlebnis, den Kampf gegen mich und meinen Körper zu bestehen“. Und: „Gemeinsam zu laufen ist das i-Tüpfelchen.“ Zwei Mal hat sie sich auch auf einer Kurzstrecke versucht, zuletzt beim Siena-Garden-Straßenlauf um den münsterischen Aasee über die Fünf-Kilometer-Distanz. „Da bin ich komplett im anaeroben Bereich gelaufen“, sagt sie. Die Herzfrequenz bei der individuellen anaeroben Schwelle beträgt etwa 85 Prozent des maximalen Pulses. Dem empfohlenen Wert für Tempoläufe, bei denen die Energieversorgung der Muskulatur nicht mehr nur durch Sauerstoff, sondern mehr durch im Körper eingelagerte Kohlenhydrate erfolgt. Grundlagentraining auf einem sehr hohen Niveau – vor allem über diese Distanz.

Ihren Plan für dieses Halbjahr haben die beiden jedenfalls schon mal aufgestellt: Nach dem Kevelaer-Marathon im Januar, der Hammer Laufserie im Monat darauf, den deutschen 100-Kilometer-Meisterschaftem im März und zuletzt der Halbmarathon DM in Hannover geht es Ende April wieder zum Rennsteig-Etappenlauf und den Riesenbecker Sixdays über 120 Kilometer.

Nichts Schlimmeres als auszusteigen

„Was wir machen, ist eine Gratwanderung. Man ist ja immer im Zweifel, ob man es zu Ende bringen kann“, sagt Eva-Maria Gaszek. Ankommen ist jedenfalls das erste Ziel, die Zeit auf der Stoppuhr das zweite. Und für beide gilt: Es gibt nichts Schlimmeres als auszusteigen – und sich auf der Strecke aus den Augen zu verlieren.

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