Mi., 29.08.2018

Fußball: Amateurspiele im Netz Kamera läuft – nur in Münster nicht

Bis zu 15 000 Euro kostet das Unternehmen – und nicht die Clubs oder Kommunen – insgesamt die Installation der Kamera.

Bis zu 15 000 Euro kostet das Unternehmen – und nicht die Clubs oder Kommunen – insgesamt die Installation der Kamera. Foto: sporttotal ag

Münster - 

Sporttotal.tv nimmt die Amateurfußballer ins Visier. In ganz Deutschland? Nein, eine Stadt im Herzen Westfalens verweigert sich – und ihren Clubs die Ausstrahlung ins Netz. Münster hat datenschutzrechtliche Bedenken.

Von Thomas Austermann

Bundesweit fangen bereits 300 Kameras die Szenen von Amateurfußballspielen ein. Live und voll automatisiert. Anbieter „sporttotal.tv“ aus Köln will in Kooperation mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) Vereinen von der vierthöchsten Spielklasse abwärts eine neue Präsentation im Netz ermöglichen. Auch in Münster. Hier aber schiebt die Stadt dem Plan aktuell einen Riegel vor.

Nach Beendigung einer Pilotphase in der Serie 2016/17 hat „sporttotal.tv“ im Juli letzten Jahres eine bis 2027 beschlossene Zusammenarbeit mit dem DFB fixiert. Sie umfasst auch die Präsenz auf dem Amateurfußballportal „fussball.de“. Dr. Rainer Koch, 1. DFB-Vizepräsident Amateure, sagte seinerzeit, dass die Plattform dem Amateurfußball „eine neue Perspektive bietet.“

Kostenfrei per App gucken

Das Unternehmen investierte laut Geschäftsbericht für das erste Halbjahr 2018 bisher „rund 10 Mio. Euro in Kameraausstattung, Installation, Softwareentwicklung und Fachpersonal.“ Bis 2020 sollen noch mal 20 Mio. Euro in das Projekt fließen. Zum Ende des Jahres sollen 150 weitere Kameras an den Plätzen eingebaut sein.

Jedermann kann kostenfrei gucken, über die „sporttotal.tv“-App selbst Regie führen und Szenen in den sozialen Medien teilen. Die Bilder liefert eine 180-Grad-Kameratechnologie, die fest am Spielfeld installiert wird. Zum Beispiel am Flutlichtmast oder unter dem Tribünendach. Innovativ sei die Software, die in der Lage ist, dem Spielgeschehen voll automatisiert zu folgen. In der Praxis hakt es freilich genau daran noch.

Westfalenliga-Partien der Zweiten des SC Preußen Münster sind im Netz bereits zu finden, andere nicht. Das wunderte die Vereine 1. FC Gievenbeck, TuS Hiltrup und BSV Roxel, die gleichfalls an der Neuerung partizipieren wollten. Das Club-Trio vertrat mit Jens Mecklenborg der kaufmännische Leiter des FCG bei einer Anfrage an die Stadt. „Wir zielten damit auf eine einheitliche Regelung ab“, so Mecklenborg. „Die drei Vereine haben ihr Interesse bekundet, diese Kameras zu nutzen.“ Auch als Service für Fans, „die nicht zum Spiel kommen können.“ Für 9,90 Euro pro Monat im ersten Jahr der Vereinbarung dürften Aufnahmen auch durch einen Player, den „sporttotal“ stellt, in die vereinseigene Internetseite eingebunden werden. Und irgendwann sollen die Clubs an den Werbeeinnahmen, die das Unternehmen zu tätigen hofft, teilhaben.

Münsters Sportamtsleiter Michael Willnath hat nach Mecklenborgs Anfrage die Rechtsabteilung der Stadt mit Prüfung der Sache beauftragt. Und sagte auf Anfrage: „Die neuen Datenschutzbestimmungen machen es uns unmöglich, dem Projekt zuzustimmen.“ Als Eigentümerin der Anlagen könne die Stadt nicht zulassen, „dass fremdbestimmte Kameras laufen, deren Einsatz wir nicht kontrollieren können.“ Allein die Möglichkeit, „dass jeder gefilmt werden kann, der sich am Platz aufhält“, lasse nur die Ablehnung zu. „Wir wollen nichts verhindern, aber wir müssen der rechtlich unklaren Lage vor allem mit Blick auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen Rechnung tragen“. Willnath hat bei einem Treffen mit Amtskollegen erfahren, dass es keine einheitliche Auffassung zum Thema gibt und ergo auch keine einheitliche Handhabung. Willnath: „Unserer Ansicht nach bleibt ein Risiko, und das ist uns zu hoch.“

1. FC Gievenbeck wartet ab

Dem Kölner Unternehmen sind die grundsätzlichen Bedenken von Kommunen und Vereinen bekannt. Diese seien jedoch in der Regel schnell zerstreut worden. Alexander Neyer, ‎Digital Marketing Manager bei „sporttotal“, sagt: „Rechtlich sind wir einwandfrei aufgestellt. Wir begleiten die Prozesse zum Thema und suchen immer das Gespräch.“ Die münsterischen Vorbehalte seien bekannt. „Man muss die Bedenken genau definieren, damit wir sie ausräumen können.“ Es sei garantiert, „dass unsere Kameras nur dann eingeschaltet werden, wenn das Spiel läuft.“ Vereine müssten Zuschauer auf die Übertragungen aufmerksam machen. Neyer führt an, mit der Stadt Düsseldorf inzwischen die „erste Partnerschaft mit einer Kommune“ besiegelt zu haben.

Der westfälische Verband (FLVW) ist Vertragspartner und laut Thomas Berndsen, Abteilungsleiter Amateurfußball, überzeugt, „dass die Verträge rechtlich absolut sicher sind.“ Die groß angelegte Partnerschaft wäre ansonsten nicht geschlossen worden. Laut Berndsen sind inzwischen ein Dutzend Oberligavereine mit den Kameras bestückt worden.

Der 1. FC Gievenbeck wartet übrigens ab, wie sich diese Angelegenheit klärt. Meck­lenborg hat erst einmal die Position auf der sicheren Seite bezogen und „noch keinen Vertrag unterschrieben.“

Kamera läuft für Volleyballerinnen

„Im Profibereich, also hier der Volleyball-Bundesliga, müssen Spieler und Zuschauer von vornherein damit rechnen, dass auch live gefilmt wird“, begründet Münsters Sportamtsleiter Michael Willnath den Unterschied zum Amateurfußballbereich und das Ja der Stadt zur Installierung der „sporttotal.tv“-Kamera in der Halle Berg Fidel, wo ab dem 31. Oktober die Volleyballerinnen des USC Münster wieder in den Ligabetrieb gehen.Die Volleyball Bundesliga und die „sporttotal.tv Gmbh“ haben einen auf zunächst drei Jahre fixierten Kooperationsvertrag „zur Medialisierung der höchsten Volleyball-Spielklassen der Frauen und der Männer“ unterschrieben. Laut Mitteilung ist geplant, den Volleyballsport ab der kommenden Spielzeit von der höchsten Liga an zu erschließen und die 1. Bundesligen erstmals komplett auf „sporttotal.tv“ zu zeigen. Das Kölner Unternehmen wird die Wettkampfstätten der 23 Bundesliga-Vereine mit seiner voll automatisierten Kameratechnologie ausstatten und exklusiv alle Spiele der Frauen und der Männer übertragen. Mit Ausnahme jener bis zu 80 TV-Live-Spiele, die auf „Sport1“ ganz klassisch im Fernsehen ausgestrahlt werden. Erstmals will „sporttotal.tv“ aus „ausgewählten Spielstätten“ auch Spiele der 2. Bundesligen der Frauen und der Männer übertragen und geht damit noch einen Schritt weiter.



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