Sa., 15.09.2018

Weltmeisterschaft in St. Peter-Ording Strandsegler in Aktion: Rauschender Ritt auf drei Rädern

Wasserlöcher, Bodenwellen, Bruchkanten – die Sandbänke vor St. Peter-Ording sind ein anspruchsvolles Strandsegel-Revier. Über 150 Piloten aus aller Welt ermitteln hier vom 29. September an ihre World Champions..

Wasserlöcher, Bodenwellen, Bruchkanten – die Sandbänke vor St. Peter-Ording sind ein anspruchsvolles Strandsegel-Revier. Über 150 Piloten aus aller Welt ermitteln hier vom 29. September an ihre World Champions.. Foto: Klaus Meyer

St.-Peter-Ording - 

Die Mischung aus Adrenalin und Abenteuer treibt sie an: Wenn Segel, Mast und Body im Wind ihre Geschichten erzählen. Wenn ihre Boliden mit über 100 Sachen über die Sandbank brettern und durch Wasserlöcher preschen. Strandsegeln ist für die Piloten Passion und Mission gleichermaßen – St.-Peter-Ording ist das Wohnzimmer dieses Sports in Deutschland.

Von Klaus Meyer

Die Strecke bis zur Küste fährt Wolfgang Bartling im sprichwörtlichen Schlaf. Rund 400 Kilometer, zig-Mal abgespult, bestens bekannt. Die Strecke vor dem Seebad hoch oben im deutschen Norden allerdings kennt der Münsteraner nur ansatzweise.

Kein Wunder, sie ist jeden Tag anders. Mit jedem Gezeitenwechsel eine neue „Fahrbahn“. Da tun sich neue Wasserlöcher auf, da überraschen neue Bruchkanten. Modelliert von der ungestümen Nordsee.

Wettkampf der schnellsten Männer und Frauen

Die Sandbänke an der nordfriesischen Nasenspitze sind schon eine ganz besondere Piste, geliebt und gefürchtet gleichermaßen. Dort entscheidet sich so manches sportliche Schicksal. Auch das von Bartling. In zwei Wochen.

Dann, wenn sich die internationale Strandsegler-Elite packende Duelle an diesem Küstenabschnitt liefern wird, um ihre Weltmeister zu ermitteln. Vom 29. September bis 5. Oktober ist der Strand von St. Peter-Ording die Spielwiese für die schnellsten Männer und Frauen in der Seglerwelt.

Gefühl von Freiheit & Abenteuer

Segeln auf Sand ist eines der echten Sport-Abenteuer. Eingezwängt in einem langen, schmalen Rumpf aus Kevlar und Kohlefaser, vor sich den Mast mit 7,35 oder 11,30 Quadratmetern Segelfläche in den schnellen Rennklassen III bzw. II und unter sich eine elastische Planke sowie drei Räder – das reicht für rauschende Ritte.

Wenn es der Wind gut mit den Piloten meint, katapultiert er sie auf Geschwindigkeiten von bis zu 130 Kilometern pro Stunde. Schneller als der Wind. Selbst die kleineren erreichen Tempo 80 und damit das Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

Über 150 Strand-Abenteurer aus 14 Nationen werden zu dieser WM erwartet. Für einen Verein wie den Yacht-Club St. Peter-Ording – kurz YCSPO – mit seinen 200 Mitgliedern ein „riesiger Aufwand“, wie Jens Brambusch, Pressesprecher des Vereins und selbst Rennsegler, sagt. „Ein Kernteam arbeitet seit Jahren intensiv an den Vorbereitungen“, die letzten Monate täglich viele Stunden.

Kostspieliges Event

„Weil die Regattastrecke im Nationalpark Wattenmeer liegt, sind die Hürden für die Ausrichtung besonders hoch. Dauernd gibt es Sitzungen und Absprachen mit diversen Ämtern.“ Dazu der „enorme Kostendruck“ für ein Event dieser Größe. Nach 1975, 1993 und 2004 stemmt der Club zum vierten Mal eine Weltmeisterschaft.

Das deutsche Team hofft auf Erfolge vor der eigenen Haustür. „Gerade für die erfahrenen Piloten kann das ein Vorteil sein, weil sie wissen, wie sich die Sandbänke bei Ebbe entwickeln, wo mit tiefem und weichem Sand zu rechnen ist“, weiß Brambusch, der ein paar Titel- und Medaillenkandidaten im Auge hat.

Salzsee - eine Piste glatt wie eine Autobahn

Und Bartling? Der segelnde Zahnarzt aus Münster ist erst spät (2006) zum Strandsegel-Sport gekommen, hat sich aber dann schnell Respekt verschafft. 2008 war er bereits bei der WM in Argentinien am Start, 2014 in den USA. Er geht mit seinem neuen blauen Boliden mit der Segelnummer G 16 und einem „guten Gefühl“ auf ­seine Haus­strecke. „Die Saison ist bisher erfolgreich gelaufen und das Material ist top“, und nicht zu vergessen sei der „bemerkenswerte Teamgeist in der deutschen Mannschaft“.

Vor vier Jahren traf sich die Strandsegler-Elite am Smith Creek Playa. Kein Strand, sondern ein Salzsee im Nirgendwo der Wüste von Nevada. Staubig, betonhart und glatt wie eine Autobahn. Das wird in St. Peter-Ording ganz anders. „Der nördliche Teil der Sandbank ist von zwei Seiten von Wasser umgeben“, erklärt Brambusch die Besonderheit der Piste.

„Unterirdisch fließt das Wasser ab, neue Priele können in Sekunden entstehen, wenn der Strand absackt. Daher ist die Strecke sehr abwechslungsreich und gefährlich. Außerdem bilden sich – je nach Windrichtung – viele tiefe Wasserlöcher, die für die Piloten nur in letzter Sekunde zu erkennen sind.“

Keinen Moment der Un­achtsamkeit kann sich ein Pilot da erlauben. Und: „Der asymmetrische Streckenverlauf der Sandbank bedingt wechselnde Windrichtungen während der Wettfahrt, was die Gefahr beinhaltet, den Wind zu verlieren. Das ist für einen Strandsegler die Höchststrafe, wenn er dann aus seinem Segelwagen aussteigen muss und dabei von seinen Segelkameraden mit 80 Sachen überholt wird“, weiß Bartling, wovon er spricht. Die WM 2018 wird also eine große Herausforderung. Für alle.



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