Fußball: Oberliga
Tom Gerbig ist das treue Stehaufmännchen des 1. FC Gievenbeck

Münster -

Seine Geschichte ist genauso bemerkenswert wie die Töne, die sein Trainer anschlägt. Tom Gerbig hat nie woanders als beim 1. FC Gievenbeck gespielt. Trotzdem hat er auch eine ganze Menge Spiele verpasst. Aus Verletzungsgründen. Coach Benjamin Heeke sagt: „Ein besonderer Junge.“

Samstag, 23.02.2019, 09:00 Uhr
Dynamisch und stark bei Flanken, dazu hart im Nehmen (kleines Bild). So kennt man Tom Gerbig in Gievenbeck.
Dynamisch und stark bei Flanken, dazu hart im Nehmen (kleines Bild). So kennt man Tom Gerbig in Gievenbeck. Foto: Wilfried Hiegemann

Der 1. Januar 2000. Die Welt feiert ausgelassen das Millennium. Feuerwerk hier, Sektgläser dort. Gleichzeitig ist seit Schlag Mitternacht der fünfjährige Tom Gerbig, das sagt sein Pass noch heute, spielberechtigt für den 1. FC Gievenbeck. So wie wahrscheinlich viele andere Steppkes stadt-, bundes-, weltweit. Der Blondschopf ist heute 24 und immer noch im Sportpark aktiv. „Ich habe nie woanders gespielt“, sagt er.

So weit, so cool. Aber nicht ganz ungewöhnlich, auch wenn Vereinstreue seltener wird. Doch die Geschichte von Tom Gerbig hat noch eine andere Facette. Das Verletzungspech. Gerade ist er im Begriff, es hinter sich zu lassen. Wenn Trainer Benjamin Heeke sagt, sein Schützling sei von zwölf Jahren „gefühlt sechs ausgefallen“, dann ist das keine Übertreibung. Etliche Muskelfaser- und Bänderrisse bremsten den Außenspieler aus. Nach zwei Hüftoperationen vor zwei Jahren, notwendig geworden durch Verschleiß, kamen erste Gedanken ans Aufhören. „Generell lasse ich mich nicht gern aufhalten“, sagt Gerbig. „Aber damals habe ich das für einen Moment nicht ausgeschlossen – und dann doch schnell wieder nach vorn geschaut.“

Für diese Herangehensweise schätzt Heeke ihn. „Er hat eine unfassbare Einstellung zum Fußball, zum Leben, zu Menschen. Er ist auf jeden Fall einer derjenigen, warum ich nie vom Fußball losgekommen bin.“ Die Verbindung beider geht längst über den Fußball hinaus. Der Coach war es auch, der seinen Spieler auf die Idee zur Meditation brachte. Über Cedric Osei, Personal-Trainer bei Five Home Fitness (das Start-up von Heeke-Assistent Jens Wissing), lernte Gerbig Kniffe für Atemübungen kennen. „Die helfen mir total, mich zu beruhigen. Das tut mir nicht nur beim Fußball gut, sondern auch beim Lernen für Klausuren“, erzählt der 24-Jährige. „Früher war ich immer sehr unruhig. Heute gelingt es mir, fokussierter zu sein. Und es scheint muskulären Verletzungen vorzubeugen.“

Zumindest strickt der Außenverteidiger, zu dem ihn Heeke erst im Seniorenbereich machte, an seinem persönlichen Happy End. Im Sommer blieb er in der Vorbereitung schon blessurfrei, erlitt dann mit Saisonbeginn einen Faserriss. Jetzt, vor der Rückserie, absolvierte er erneut das volle Programm und bestritt sogar die ersten beiden Partien über 90 Minuten. Beim 2:2 in Siegen war er mit einem Tor und einer Vorlage sogar der späte Matchwinner. Die FCG-Ausrichtung gestattet ihm auf seiner Position einige Freiheiten nach vorn. „Das tat gut, es war fast wie ein Sieg. Ich fühle mich so fit wie lange nicht“, sagt Gerbig. „Am Sonntag habe ich schon gedacht, dass sich das ganze Rankämpfen gelohnt hat.“

An eine so lange Phase ohne Rückschlag kann er sich schon nicht mehr erinnern. „Es wäre cool, mal eine komplette Halbserie mitzumachen, das hat zuletzt im ersten oder zweiten Seniorenjahr geklappt. Es ist aber nur ein persönliches, untergeordnetes Ziel.“ Logisch, der Klassenerhalt steht über allem. „Man muss aber auch sagen, dass es die Zusammenstellung unserer Mannschaft jedem Rekonvaleszenten erleichtert, sich sofort wieder zu integrieren“, sagt der Student (Wirtschaftsingenieurswesen an der Uni Dortmund), der seit jeher in Münsters Kreuzviertel beheimatet ist, mit Blick auf die personelle Kontinuität.

„Eigentlich ist Tom jemand, der gar nicht in den Fußballalltag passt“, findet Heeke. „Er denkt weit über den Tellerrand hinaus und immer zuerst an andere, ist total loyal. Er kann im Team auch mal der Clown sein, ist aber auch irgendwie Eve­rybody‘s Darling, weil er dir mit dem ganzen Herzen zuhört. Er kann einstecken, aber auch gnadenlos austeilen.“ Aus dem Coach sprudelt es nur so heraus, wenn er Gerbig charakterisieren soll. Und als er sagt, dass sein Flügelakteur „eigentlich taktisch wenig von Fußball versteht“, findet er das sofort wieder sympathisch. „Auch deshalb haben wir ihn irgendwann in die Viererkette gestellt, weil das für ihn leichter ist.“ Schnelligkeit und gute Flanken hat sich der Ur-Münsteraner aber bewahrt, hinzugekommen ist die Zweikampfstärke.

Von diesem Mix profitiert der FCG aktuell mehr denn je. Und erntet die Früchte seiner Jugendarbeit in Reinform. Schließlich spielt Gerbig schon seit dem Minikicker-Alter im Club. Damals, die Jahrtausendwende. Als alles begann.

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