Fußball
Warum in Angelmodde schon seit Jahren kaum mehr gekickt wird

Münster -

In jedem Stadtteil Münsters wird aktiv Fußball gespielt. Nur eine Ausnahme gibt es. Im Südosten, in Angelmodde, ruht der Ball. Warum ist das so? Und seit wann eigentlich? Und soll sich das irgendwann wieder ändern? Eine Spurensuche.

Donnerstag, 26.09.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 26.09.2019, 16:45 Uhr
Der TSV Angelmodde hat keine Ambitionen, den teilweise brachliegenden Ascheplatz an der Eichendorffstraße wieder zu nutzen.
Der TSV Angelmodde hat keine Ambitionen, den teilweise brachliegenden Ascheplatz an der Eichendorffstraße wieder zu nutzen. Foto: Jürgen Christ

Die Fußball-Landkarte der Stadt bietet viele bunte Flecken. In der City reihen sich zahlreiche Vereine aneinander, in den Außenbezirken erst recht. Da hat jeder Ort sein eigenes Team. Jeder? Nicht ganz. Denn da ist doch eine weiße Stelle, ganz im Südosten.

Beim TSV Angelmodde, dem einzigen verbliebenen Sportclub im Dorf, wird die Lieblingssportart der Deutschen schon seit 2002 nicht mehr angeboten. Dass sich daran mittel- oder langfristig etwas ändert, scheint aktuell nahezu ausgeschlossen. „Es war genau die richtige Entscheidung damals“, sagt der Geschäftsführer Frank Müller-Kersting, der die Abmeldung aus dem Verband dann zum 31. Dezember 2003 vornahm. „Ich habe den Niedergang miterlebt. Die Sparte war für uns wie ein Klotz am Bein.“

So etwas sagt man natürlich nicht einfach so. Doch es lässt sich begründen. „Wir hatten damals große Probleme mit der Klientel, die bei uns gespielt hat. Gerade im Jugendbereich war das sehr schwierig.“ Damit sind unangenehme Vorfälle, auf und neben dem Feld, gemeint. Aber auch logistisch war es im Außenbezirk nicht leicht, da viele Spieler, auch unter den Senioren, weder Führerschein noch Auto besaßen. „Wir haben irgendwann die Reißleine gezogen und konzentrieren uns lieber auf den Breitensport. Fußball ist eben auch teuer“, sagt Müller-Kersting, der sich an Fälle von Vandalismus erinnert, die sogar heute noch häufiger vorkommen.

Miserable Infrastruktur und Konkurrenz 

Nun lag damals im Westen Angelmoddes ein klassischer Brennpunkt. Dort hatte sich zwischen 1990 und 1997 der FC Osthuesheide (unter der Führung des heutigen BVB-Marketingdirektors Carsten Cramer) versucht zu etablieren. Später, von 2009 bis 2013, nahm das soziale Projekt Treffpunkt Waldsiedlung hier mit einem Team am Ligabetrieb teil. Die Schwierigkeiten klangen ganz ähnlich wie die beim TSV. Mittlerweile ruht der Ball komplett.

Hinzu kommen die miserable Infrastruktur und die Konkurrenz in der Umgebung. An der Eichendorffstraße, gleich links der Werse, die Angelmodde in die Teile Dorf und eben Waldsiedlung trennt, steht nur ein Ascheplatz zur Verfügung. Die Umkleidekabinen erfüllen den nötigsten Zweck, mehr nicht. Die Anlagen des SC Gremmendorf und des VfL Wolbeck sind nur zwei Kilometer entfernt, der TuS Hiltrup am Osttor nicht wesentlich weiter. Drei große Fußball-Abteilungen würden den Kleinclub erdrücken. „Da könnten wir gar nicht mithalten, da würde keiner kommen“, so Müller-Kersting. „Natürlich freuen wir uns über eine Vielfalt an Vereinen“, sagt Michael Schmitz, Vorsitzender des Stadtsportbunds. „Aber in diesem Fall ist die Versorgung über die Nachbarvereine ganz gut abgedeckt. In mehr für sich gelegenen Stadtteilen wie Gelmer oder Sprakel wäre das kritischer.“

Neuer Verein in den Startlöchern

Die Nachfrage nach einer Wiederbelebung der Sparte kam aber auch nie auf. „Hart, gesprochen vergreist der Stadtteil, es gab in den letzten Jahren kaum Neubaugebiete. Das ist hier alles schwierig.“ Es lebt sich schön in Angelmodde, am Wasser, im Grünen. Aber ein bisschen vergessen wirken die Straßen am Rande der wachsenden Großstadt manchmal schon.

Der eine Platz, auf dem der TSV einst zu Hause war und wo er nach wie vor Vereinsräumlichkeiten (zur Schulung und für die Jugend) nutzt, ist allerdings nicht völlig verwaist, der Greenkeeper des VfL kümmert sich mit drum. Momentan ist er aufgrund von Baumaßnahmen am angrenzenden Kindergarten zwar komplett gesperrt, doch dienstags und donnerstags trainiert hier der junge Club FC Birati mit vielen syrischen Flüchtlingen. Er muss jetzt zur Sentruper Höhe ausweichen, doch ansonsten finden hier auch die Meisterschaftsspiele statt. Demnächst soll auch der blutjunge Roma Kultur-Verein hier antreten.

Ausweichplatz am Brandhoveweg

Allerdings wurde die Anlage den B- und C-Ligisten von der Stadt zugewiesen, wirkliche Verbindungen existieren nicht. So ganz ohne die Lederkugel kommt der immerhin rund 8500 Einwohner umfassende Ort (kein anderer Stadtteil ist ohne Fußball-Abteilung) aber nicht aus. Montags gehört die „Schlacke“ dem FC Angelmodde-Dorf. Kein eingetragener Verein, aber ein fröhlicher Zusammenschluss „Einheimischer“ aus Südost. 58 Spieler im Alter zwischen 20 und Anfang 60, viele davon passiv, stehen auf der Liste.

Der harte Kern umfasst 15, 20 Männer. Einer der Älteren ist Helmut Luig. „Bei uns ist alles zwanglos. Wir werfen den Ball in die Mitte – dann geht’s los“, sagt er. Manchmal muss auch das halbe Feld reichen. Selten nimmt die Truppe an Turnieren teil, vor ein paar Wochen waren sie mal wieder bei einem Juxevent der Wolbecker Altherren eingeladen. Zurzeit weichen sie zum Brandhoveweg aus. Die Renovierungsarbeiten. „Es ist schön, da mal auf den Kunstrasen zu kommen“, sagt Luig. „Aber wir freuen uns auch, wenn wir zurück dürfen. Am Ascheplatz haben wir unseren eigenen Raum und trinken gern noch eine Flasche Bier.“

Leistungssport in Angelmodde, daran ist auf lange Sicht nicht zu denken. Der TSV kann gut damit leben. „Unser Verein hatte Anfang der 90er 1000 Mitglieder“, so Müller-Kersting. „Jetzt sind es noch 250. Auch die Tennis-Abteilung schrumpft stark.“ Andere Sparten sind aber lebendig. Die Schwimmer zum Beispiel verzeichnen Zulauf, im Handball funktioniert die HSG-Kooperation mit dem SC Gremmendorf gut, auch wenn der Schwerpunkt im Nachbarort liegt. „Bei uns sind sich alle einig, dass wir mit unserem Kurs gut fahren“, sagt der Geschäftsführer. Fußball ist eben nicht alles.

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