Olympische Erinnerungen: München 1972
Peter Funnekötter: Attentat, Doping und eine Medaille

Münster -

Peter Funnekötter ruderte 1972 auf der Regattastrecke von Oberschleißheim zu Olympia-Bronze. Ein unvergessliches Erlebnis für den heute 74-Jährigen. Der Münsteraner kann sich noch gut an sein letztes Rennen erinnern, aber auch an das Attentat von München und die Doping-Vergangenheit des DDR-Vierers.

Montag, 30.03.2020, 19:00 Uhr aktualisiert: 31.03.2020, 15:24 Uhr
Auf dem Weg zu Olympischem Bronze: v. l. Joachim
Auf dem Weg zu Olympischem Bronze: v. l. Joachim

Peter Funnekötter ruderte 1972 auf der Regattastrecke von Oberschleißheim in seinem Vierer ohne Steuermann zu Olympia-Bronze. Ein unvergessliches Erlebnis für den heute 74-Jährigen. Der Münsteraner kann sich noch gut an sein letztes Rennen erinnern, aber auch an das Attentat von München und die Doping-Vergangenheit des DDR-Vierers.

 

Seit den Spielen von München sind fast 50 Jahre vergangen, Zeit genug, um vieles zu vergessen. Wie frisch sind Ihre Erinnerungen, was ist geblieben?

Peter Funnekötter: Ich erinnere mich noch sehr gut, und frisch ist auch noch die Enttäuschung über den dritten Platz. Da war mehr drin und ich hatte mir auch mehr vorgenommen. Und dann natürlich das Attentat, das die Spiele von einem Tag zum anderen komplett veränderte.

Wie haben Sie das Attentat erlebt?

Funnekötter: Das war am Tag nach unserem Finale. Am Abend sind wir noch rausgegangen. Es wurde ein langer Abend. Wir Ruderer lebten ja ziemlich asketisch, nach dem Wettbewerb haben wir uns dann ordentlich gehen lassen. In einer Mischung aus Frust und Erleichterung. So gegen vier oder fünf Uhr morgens sind wir zurück ins Olympische Dorf, genau zu dieser Zeit muss die Geiselnahme begonnen haben. Wir haben aber nichts gehört oder gesehen.

München hatte bis dahin sehr liberale, sehr schöne Spiele veranstaltet. Kaum Polizei, alles sehr entspannt mit vielen guten Kontakten unter den Sportlern – nach dem 5. September war das vorbei.

Peter Funnekötter

Und anschließend war alles anders?

Funnekötter: Vor allem die Atmosphäre. München hatte bis dahin sehr liberale, sehr schöne Spiele veranstaltet. Kaum Polizei, alles sehr entspannt mit vielen guten Kontakten unter den Sportlern – nach dem 5. September war das vorbei.

München war auch der Abschluss Ihrer Ruderkarriere, wann hatte alles begonnen?

Funnekötter: 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom, da war ich noch ein kleiner Junge. Die Bilder habe ich noch vor Augen. Wie der Deutschland-Achter da mit einem unglaublichen Vorsprung ins Ziel und zu Gold gerudert ist, hat mich total beeindruckt. Und dann diese tollen Bilder von der päpstlichen Burg Castel Gandolfo runter auf die Regattastrecke auf dem Lago Albano – alles zusammen ein unvergessliches Erlebnis.

Durch Zufall zum Rudern

... und der Startschuss für eine große Ruderkarriere ...

Funnekötter: Noch nicht. Damals habe ich noch Handball gespielt. Erst später hat mich ein Freund gefragt, ob ich beim Rudern aushelfen will. In seinem Boot war jemand ausgefallen und ich passte von der Größe. Reiner Zufall.

Und dann im Eiltempo an die nationale Spitze?

Funnekötter: Nein, im Gegenteil. Wir waren da eine gute Truppe beim Akademischen Ruderverein, eine tolle Gemeinschaft, aber den großen Erfolg hatten wir nicht. Irgendwann schafften wir es dann zu Platzierungen in der Elite II, das war national die zweite Reihe hinter den Spitzenruderern. Aber es reichte nie für Endläufe bei Deutschen Meisterschaften. Richtig los ging es erst, als Wolfgang Plottke nach Münster kam. Er war bei der Bundeswehr als Panzerfahrer in Handorf stationiert und ruderte dann bei uns im Verein. Wir beide bildeten einen unfassbar guten Zweier. Ohne ihn wäre mein Talent in Münster nie entdeckt worden.

Und der Zweier war dann nationale Spitze?

Funnekötter: Erst mal nicht. Wir mussten auf Regatten noch im Vierer und im Achter rudern, das war in Ordnung, aber immer noch nicht Spitze. Erst als der alte Herr ein Boot stiftete, holten wir unsere ersten offiziellen Erfolge im Zweier. Und danach hat uns unser Verbandstrainer Siegfried Kuhlmey-Becker in den Vierer eingebaut. Das war der Startschuss.

Handballer im Herzen

Peter Funnekötter hat trotz aller Urlaubssemester das Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen und in Münster als selbstständiger Zahnarzt gearbeitet. Sportlich hat er nach dem Ruder-Intermezzo erst beim ARV und später beim RV Münster wieder zu den Handballwurzeln zurückgefunden. Mit dem TuS Hiltrup schaffte es Funnekötter bis in die Oberliga, seinerzeit die dritthöchste deutsche Spielklasse. „Das war für mich als braver Ruderer schon eine Umstellung“, erinnert er sich, „da wurde ordentlich und nicht immer fair zugelangt.“ Ein Stück Sportgeschichte schrieb Funnekötter mit dem Handball-Intermezzo des ARV Münster. Die Ruderer („alles Athleten, aber nicht so dolle Handballer“) meldeten jeweils eingebaut in das Wintertraining zwei Mannschaften zum Ligabetrieb und schafften es mit selbst aufgenähten Rückennummern bis hoch in die Bezirksliga. „Das war eine tolle Zeit und zeigte die sehr gute freundschaftliche Atmosphäre in Verein.“

...

Und Olympia war plötzlich ein Thema?

Funnekötter: Wir wurden 1970 in Kanada Vize-Weltmeister. Klar, wir waren jetzt Weltspitze. 1971 in Kopenhagen haben wir bei der EM Bronze gewonnen – weil unserem Schlagmann das Stemmbrett gebrochen ist. Da war schon viel mehr drin. Bei den Olympischen Spielen zählten wir zum Favoritenkreis.

Freisemester beantragen

Am 26. August 1972 wurden die Spiele in München offiziell eröffnet?

Funnekötter: Das war für mich schon etwas ganz Besonderes. Ich wusste, dass das meine letzten Rennen werden würden. Ich hatte mich schon vorher immer für die Sommersemester an der Uni beurlauben lassen müssen. Länger als drei Jahre war das nicht zu finanzieren, Sporthilfe gab es damals erst gar nicht, später erst 250, dann 750 Mark. Das reichte für die Massagen und die anderen Ausgaben. Nach München musste es an der Uni weitergehen, da hatte ich schon zu viele Semester verloren. Dadurch habe ich zwar viele spätere Zahnärzte kennengelernt, aber ich musste selber vorankommen. Aber vorher noch der sportliche Höhepunkt in München.

Dann gewannen Sie Bronze und waren dennoch nicht zufrieden ...

Funnekötter: Es ist großartig eine olympische Medaille zu gewinnen. Aber da war mehr drin und wir hatten auch mehr erwartet. Vier Wochen vorher hatten wir beim Championat in Luzern gegen die komplette Konkurrenz noch gewonnen.

Knüppelharte Höhentrainingslager

Warum hat es nicht geklappt?

Funnekötter: Wir waren übertrainiert. Bundestrainer Karl Adam hatte in der Vorbereitung zwei knüppelharte Höhentrainingslager eingelegt. Das war definitiv kon­traproduktiv, da waren wir dann platt, als es um die Medaillen ging. Wir hatten während unserer kompletten Zeit das Pech, den Dresdener Vierer gegen uns zu haben. Ein ganz ausgeschlafenes robustes Team, das die Konkurrenz damals beherrscht hat.

Ein unschlagbares Quartett?

Funnekötter: Lange ja, aber 1972 waren wir eigentlich so weit, sie zu packen. Aber die Vorbereitung stimmte eben nicht. Im letzten Trainingslager standen wir kurz vor einer Revolution. Kuhlmey-Becker hat uns gefragt, ob wir das Programm weiter mitmachen wollen oder ein lockeres Trainingsprogramm abspulen sollen. Zwei waren für den Ausstieg, zwei dagegen. Ich hatte Angst, dass wir dann bei Karl Adam in Ungnade fallen und unsere Olympiachance aufs Spiel setzen. Und so ging es weiter jeden Vormittag vier Mal 560 Meter in vollem Tempo gegeneinander, nachmittags noch vier Mal 1000 Meter – und morgens ging es jeden Tag noch zu Fuß 5000 Meter hoch auf den Hausberg. Karl Adam ist nach den Olympischen Spielen dann auch zurückgetreten …

Wobei allerdings der DDR-Vierer ja auch gedopt war.

Peter Funnekötter

… weil er die Chance auf Gold verbockt hat?

Funnekötter: Ja. Wobei allerdings der DDR-Vierer ja auch gedopt war.

Stimmt das?

Funnekötter: Ja. Das geben die jetzt auch zu. Wir treffen die inzwischen regelmäßig, das ist kein Geheimnis. Wieso die Neuseeländer plötzlich so schnell geworden sind, die wir vier Wochen vorher noch um 15 Sekunden abgehängt haben, kann ich nicht erklären.

Aber Ihr Vierer war sauber unterwegs?

Funnekötter: Hundertprozentig. Anabolika waren im deutschen Achter ein Thema, aber das Stand 1972 auch noch nicht auf der Dopingliste.

Schneller als der Deutschland-Achter

Apropos Achter, war das 1972 noch nicht das Flaggschiff im deutschen Ruderverband?

Funnekötter: Nicht so wie heute. Damals gab es ja auch noch den Vierer mit Steuermann, wir waren im Vierer ohne. Aber mit den Jungs aus dem Bodensee-Vierer, die dann ja auch Olympiasieger wurden, hatten wir im Vorfeld im Achter gesessen und den Deutschland-Achter locker abgehängt. Im Achter hätten wir auch Gold holen können.

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