Fußball: Westfalenliga
Gievenbecks Trainer Benjamin Heeke: „Wir hätten das Rennen gemacht“

Münster -

Es hätte ein sehr emotionaler Moment werden können für Benjamin Heeke. In wenigen Wochen wäre sein letzter Einsatz nach fast zwei Dekaden in Diensten des 1. FC Gievenbeck gewesen. Stattdessen endete die Ära abrupt. Corona bremste auch die Westfalenliga-Saison aus. Im bemerkenswert offenen Interview spricht der 35-Jährige über eine spezielle Karriere, über Zukunftspläne, eine große Enttäuschung und vieles mehr.

Montag, 11.05.2020, 18:30 Uhr aktualisiert: 12.05.2020, 14:05 Uhr

Sie haben erst mit 15 angefangen Fußball zu spielen, kamen nie über die Kreisliga hinaus. Wie passt dazu diese Trainer-Laufbahn?

Heeke: Stimmt, 15 war extrem spät, ich hatte vorher alles Mögliche ausprobiert. Gerissen habe ich auch nie was. Da kam keine Verletzung dazwischen wie bei anderen. Niklas Bonnekessel hat mich damals mitgenommen zum FCG, irgendwann wurde ich gefragt, ob ich eine Mannschaft übernehme, aber geplant war von all dem nichts. Ich war sicher nie prädestiniert für den Job, mein Umgang mit Spielern war daher auch nie normal. Und ich habe unserem damaligen Sportlichen Leiter Alexander Tehler 2014 auch gesagt, dass ich es niemals länger als drei Jahre bei der Ersten machen werde.

Jetzt sind es fast sechs ...

Heeke: Im Nachhinein hätte ich vielleicht nach dem Aufstieg 2018 gehen sollen. Viele haben das in dem Moment gesagt, weil ich nichts mehr erreichen könnte. War vielleicht nicht so clever. Aufzuhören war da aber keine Option, ich wollte das Abenteuer mitmachen. Gehen wollte ich nach dem Abstieg, als mit Janis Hohenhövel, Jens Wissing, Yasin Altun oder Maximilian Franke viele Wegbegleiter den Abflug machten. Aber dann dachte ich, dass sich noch mehr anschließen, wenn ich auch aufgebe.

Hätten Sie das im Nachhinein tun sollen?

Heeke (lacht): Das Ende der Misere ist jetzt nicht unpassend mit Corona und der Art der Verkündung meiner Demission. Im Ernst: Es wäre nicht die falsche Entscheidung gewesen. Aber ich gehe ohne Groll, bin mit allen im Reinen, auch mit unserem Sportlichen Leiter Carsten Becker. Auch wenn die Kommunikation im Winter für mich ein Rätsel bleibt.

Können Sie die Umstände Ihres Abschieds skizzieren?

Heeke: Bekanntlich haben sich in Gievenbeck sowohl Spieler als auch Trainer immer viel Zeit gelassen, wenn es um die nächste Saison ging. Nun hatten wir mit Carsten einen neuen Sportlichen Leiter, der etwas früher Klarheiten wollte. Per Mail hatte ich meine Wunschvorstellungen eingereicht, eine letzte Saison. Weil die aktuelle nicht gerade erinnerungswürdig lief und der Verein Zeit gehabt hätte, meine Nachfolge zu regeln. Da war der FCG um Carsten aber schon in Gesprächen mit einem heiß begehrten Kollegen und einigen Spielern. Was nun wer in welchem Gespräch zu wem gesagt hat, interessiert einen persönlich vielleicht, aber du merkst schnell: Es gibt hier nichts mehr zu retten. Das Aus, nach sieben Jahren Herrenfußball und zwölf Jahren Junioren ist völlig in Ordnung. Die Art und Weise, etwa ein paar Sätze in meiner Mail überlesen, viele Gespräche in meiner Abwesenheit und solche Sachen, war nicht böse mir gegenüber gemeint, das ist Alltag. Das zu akzeptieren, wenn dieses Spiel auf einmal gegen dich läuft, ist nicht einfach und hat ein paar Tage gedauert. Aber ich habe für mich und mein Leben jetzt schon mehr gelernt, als wenn wir noch eine Saison drangehängt hätten. Deshalb, es haben nicht alle alles gut gemacht, aber alles richtig.

Maik Weßels, Ihr Vorgänger, war damals auch nicht begeistert über sein Aus.

Heeke: Da gab es auch etwas Stress. Ich war ja Coach der Zweiten und habe damals veranlasst, dass meine Jungs entweder von Anfang an in der Westfalenliga spielen oder nicht abgestellt werden. Nach fast sechs Jahren als Trainer der Ersten würde ich heute sagen: Tickst du noch? Aber es kamen noch einige andere Sachen zusammen, Alex Tehler sagte, man müsse jetzt was ändern. Ich wollte das erst keinesfalls machen, habe mich dann aber überreden lassen. Es sah vielleicht so aus, als habe ich Maik geschasst, aber in der ganzen Sache habe ich mich komplett rausgehalten.

Wie gehen Sie und der FCG jetzt auseinander?

Heeke: Ob ich alles verarbeitet habe, weiß ich noch gar nicht. Diesen einen Abschiedsmoment mit Mannschaft und Verein hatte ich nicht. Jetzt kann ich es sagen: Wir wollten in der Rückserie richtig angreifen, ich hatte die Ambition, mich als Meister zu verabschieden. Ich glaube, wir hätten das Rennen gemacht. Ich hatte sachlich mit dem Verein alles geklärt, Mein Nachfolger Florian Reckels hatte mit allen Spielern Klarheit für nächste Saison, wir waren – wie das Spiel gegen Vreden eindrucksvoll untermauerte – in einem richtig guten Flow.

Gibt es noch eine Abschiedsparty oder sowas?

Heeke: Eher nein. Der FCG war ein Großteil meines Lebens, wir waren aber nicht verheiratet. Ich bin gut darin abzuschließen. Sponsor mit Liba bleibe ich. Meine Eltern leben in Gievenbeck, dem Club bin ich für immer und ewig verbunden. Hundertprozentig werde ich auch mal am Platz vorbeischauen, viele Spieler sind Freunde geworden. Und ich freue mich, dass ohne mich nicht alles zusammenfällt.

Zurück zu Ihren fehlenden fußballerischen Qualitäten. Haben sie am Ende auch eine Rolle gespielt?

Heeke: Für Carsten, ja.Ich habe nie ein Abschlussspiel mitgemacht, nie die Vorurteile und Prinzipien eines Ex-Profis erfüllt. Für meine Spieler war das im Scherz immer ein gefundenes Fressen, aber in der Sache hat das nie eine Rolle gespielt. Irgendein Trainer hat mal gesagt: Ich muss kein Pferd gewesen sein, um ein guter Jockey zu werden.

Wie haben Sie sich denn Kompetenz angeeignet?

Heeke: Viel über Sebastian Heinrich. Er hat immer das ein Jahr ältere Team trainiert und war auch ein wichtiger Spieler der Ersten. Aber auch über „Bonne“ und natürlich Maik Weßels. Alle haben mir viel Fachwissen vermittelt. Anders als die DFB-Schulungen für die Lizenzen.

Was heißt das?

Heeke: Meine Bachelor-Arbeit habe ich zum Thema „Entwicklung des Juniorenfußballs nach der Jahrtausendwende unter der Institution DFB“ geschrieben. Bereits darin habe ich viel Kritik am Umgang mit Leuten geübt. Wie gerade bei den Lehrgängen in Kaiserau Anwärter von Ausbildern bloßgestellt werden, ist ekelhaft. Ich habe das bei der B-Lizenz angesprochen, als ein 19-jähriger Kollege wegen seiner Körperhaltung niedergemacht wurde. Da konnte ich direkt einpacken.

Eine Karriere als Verbandstrainer kommt also nicht infrage. Was dann?

Heeke: Ich bin nicht festgefahren, werde auch nicht sagen, dass ich nie wieder etwas mache. Aber es ist für mich gerade auch schwer vorstellbar, in einer tieferen Klasse zu arbeiten. In der Bezirksliga ist das Anspruchsdenken zum Beispiel logischerweise anders. Andererseits habe ich mich nie über die Liga definiert und würde gern herausfinden, ob Heeke nur in Gievenbeck funktioniert, wo alles auf ihn zugeschnitten ist und er die Spieler aus der Jugend mitbringt.

Die Jahrgänge 93/94/95 ...

Heeke: Das waren immer meine Jungs. Franke, Gerbig, Tristan Niemann, Alan Bezhaev, Theo Töller. Mit und wegen ihnen bin ich ja damals auch zur U 23 gekommen, weil sie es nicht direkt nach oben schaffen sollten.

Ihr Bruder Jonas ist Vorsitzender des A-Ligisten FC Münster 05. Wäre das was?

Heeke: Ich könnte bei Trainer Roland Böckmann ja mal als Spieler aushelfen. Aber ich hatte in all den Jahren nie eine Anfrage eines anderen Clubs. Ich saß immer nur mit dem FCG am Tisch. Die zweieinhalb Monate Fußballpause haben noch keine Langeweile aufkommen lassen. Den Profibereich kann ich sicher abhaken. Aber vielleicht arbeite ich in anderer Funktion, über Liba vielleicht konzeptionell irgendwo. Marketingmäßig könnte ich mir vorstellen, Preußen voranzubringen. Ich hätte Ideen.

Hatten Sie mal Zweifel an Ihrer Eignung für die Westfalenliga?

Heeke: Es gab eine spezielle Situation im ersten Jahr. Wir standen knapp auf einem Abstiegsplatz, hatten ein wichtiges Spiel gegen RW Maaslingen, führten zu Hause 2:0 und verloren noch 2:4. In der Kabine habe ich den Jungs gesagt: „Ihr habt eindeutig gezeigt, dass ihr nicht glaubt, ich könne bewerkstelligen kann. Vielleicht war es falsch, mich zum Trainer zu machen.“ Ich bat Alex, der dabei war, eine Vorstandssitzung einzuberufen. Die Spieler waren total erschrocken, es hätte in beide Richtungen gehen können. Wir haben eine überragende Rückserie gezeigt und alle Zweifel beeindruckend weggewischt.

Welcher Moment war der schönste, der Aufstieg?

Heeke: Ein einzelnes Ereignis war das gar nicht. Die Zusammenarbeit mit Jens und Janis, da ging es nicht nur um Fußball. Die Meisterschaft war aber ein Highlight, gerade für die Spieler.

Wie konnte es dazu in einer extrem schweren Liga damals eigentlich kommen?

Heeke: Wir haben nur David Lauretta dazugeholt, einen Unterschiedsspieler. Ansonsten war die FCG-Devise und auch meine: lieber Achter mit eigenen Jungs als Fünfter mit teuren Transfers. Aber Christian Keil, Nico Eschhaus und Nils Heubrock gaben mir vor der Saison durch die Blume zu verstehen, dass sie gern aufsteigen würden. Das war mir irgendwie recht. Der Start lief mies, aber als wir nach einem 2:1 in der Nachspielzeit in Neuenkirchen Erster waren, sagte ich im Kreis: Da will ich nicht mehr weg. Sicherlich etwas übereuphorisiert, viele dachten, ich sei durchgeknallt. Aber irgendwann hatten wir die Stimmung drin, die besagte: Wir verlieren jetzt kein Spiel mehr.

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