Fußball und steigende Inzidenzzahlen
Der „Fall“ Borussia Münster – Corona-Hickhack in der Landesliga

Münster -

Der „Fall“ Borussia Münster macht deutlich, wie groß das Corona-Wirrwarr im Amateur-Fußball ist. Im Kreis Unna durfte nicht gespielt werden, im ebenfalls über dem Inzidenz-Grenzwert liegenden Kreis Hamm schon. Weil die Münsteraner das Spiel nicht mitmachen wollten, verloren sie am „grünen Tisch“. Doch viele Fragen sind noch offen.

Montag, 12.10.2020, 20:04 Uhr aktualisiert: 12.10.2020, 20:25 Uhr
Am Wochenende freiwillig beschäftigungslos: Borussia Münsters Manoel Schug
Am Wochenende freiwillig beschäftigungslos: Borussia Münsters Manoel Schug Foto: Wilfried Hiegemann

Der Vorsitzende des Verbands-Fußball-Ausschusses, Reinhard Spohn, will anscheinend nichts überstürzen: „Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt“, sagte Spohn lapidar zu den aktuellen, besorgniserregenden Inzidenzzahlen in NRW. Sollte auch wohl heißen: Wir wissen nicht, wie wir reagieren sollen. Wie berichtet, hatte der Kreis Unna am Wochenende beschlossen, dass ab sofort Kontaktsport sowohl im Trainings- als auch im Spielbetrieb im politischen Kreis Unna verboten wird.

Deshalb konnte auch die Landesliga-Begegnung von Borussia Münster bei der IG Fußball Bönen (Kreis Unna) nicht stattfinden und wurde nach Rhynern (Kreis Hamm) verlegt. Weil Rhynern aber nur wenige Kilometer von Bönen entfernt ist und zudem der Fußballkreis Unna/Hamm mit den Städten Hamm, Holzwickede, Kamen, Bergkamen, Fröndenberg, Unna sowie Teilen der Städte Lünen, Werne und Selm den kompletten Spieltag am 11. Oktober auf Kreisebene im Senioren- und Jugendbereich annulliert hatte, sagte auch Borussia Münster die Begegnung von sich aus ab.

Was als verantwortungsvolle Geste in Pandemiezeiten mit steigenden Infektionszahlen gedeutet werden konnte, wird allerdings am „grünen Tisch“ mit einer negativen Spielwertung belegt. Die drei Punkte gehen an die IG Bönen, ob Borussia mit einem Ordnungsgeld (laut Satzung) belegt wird, ließ Staffelleiter Gerhard Rühlow offen.

Coronazahlen steigen – Fußball-Verband ist ratlos

Fragen bleiben: Beispielsweise warum das Verbot auf Kreisebene gilt, aber nicht die überkreislichen Ligen (zumal mit Zuschauern) einschließt. Fraglich auch, warum die Überschreitung der Inzidenzzahlen im Kreis Unna zum Sportverbot führen, im ebenso betroffenen Hamm aber nicht. Der stellvertretende Fußball-Kreisvorsitzende (Unna/Hamm), Friedhelm Wittwer, erläuterte, dass der Landrat des Kreises Unna Ende vergangener Woche die politische Entscheidung getroffen hatte, an der sich der Fußballkreis nun orientierte. „Wir wollten ganz bewusst keinen Flickenteppich, deshalb haben wir auf Kreisebene komplett abgesagt“, betonte Wittwer und schilderte seine persönliche Ansicht zum aktuellen „Fall“ Borussia: „Es wäre schade, wenn der Verband die Punkte an Bönen geben würde.“

Der Fußball-Verband (siehe oben) zeigt sich ratlos und lässt die betroffenen Sportler und Vereine ebenso zurück. „Das Problem ist, dass sich der Verband für den Fall wieder steigender Infektionszahlen nicht gewappnet hat. Da scheint es keine Idee zu geben, wie es im Fußball weitergeht, wenn die Zahlen weiter ansteigen“, sagte Borussias Trainer Yannick Bauer. Nebenbei und eine ganz kuriose Blüte in dem jetzt augenscheinlichen Corona-Hickhack: In der Westfalenliga kam es zur Verlegung der Partie Lüner SV (Kreis Unna) gegen Rödinghausen II – eben wegen der hohen Inzidenzzahlen und nicht wegen einer möglichen individuellen Testung von Spielern oder Mannschaftsverantwortlichen. „Wir haben das Spiel wegen der Mitteilung vom Landrat, nach der alle Fuß- und Handballspiele im Kreis Unna bis zum 25. Oktober verboten sind, abgesagt“, begründete Westfalenliga-Staffelleiter Hans-Dieter Schnippe am Montag auf Anfrage. Ob das Spielverbot wirklich am 25. Oktober endet, „bleibt natürlich abzuwarten“, sagte Schnippe.

Borussia Münster legt keinen Protest ein

Fakt ist: In der Westfalenliga wird verbotskonform ein Spiel abgesagt, in der Landesliga indes eine Partie um wenige Kilometer nach Westen verlegt. Wer blickt noch durch, wenn selbst der Verbands-Fußball-Ausschuss sich ratlos zeigt? Antworten, wie es weitergehen könnte, ob es überhaupt einen Fußball-Alltag in einer „Normalsaison“ geben kann, bleiben aus.

Friedhelm Wittwer macht sich so seine Gedanken: „Der Verband hat ja immer betont, diese Saison auf jeden Fall mit Auf- und Absteigern zu organisieren. Meines Erachtens geht das nur, wenn mindestens jede Mannschaft einmal gegen die anderen gespielt hat“. Ob das gelingt? „Zurzeit sehe ich eine Chance von höchstens 40:60“, erläuterte Wittwer.

Sei’s drum: Borussia, die rücksichtslos Verantwortung übernahm, wird keinen Protest gegen die Spielwertung einlegen.

Kommentar: Alle zusammen

Borussias Zeichen war stark. Und natürlich ein Signal. Es wird nicht lange dauern, ehe weitere Clubs folgen – auch in anderen Sportarten. Wer glaubt, irgendwie durch Herbst und Winter zu kommen, ist naiv.

Mit Regeln und Satzungen schützt der Sport die Ordnung im Spielbetrieb. Paragrafen mögen wichtige Werkzeuge sein, in dieser Pandemie greifen sie nicht. Schon früh in der Saison hängen Tabellen schief. Es kann und wird nicht gelingen, sie sportlich und fair zu begradigen. Und deshalb bedarf es keiner prophetischem Gabe, um zu sehen, dass Verbände und Sportler sehr bald an die Grenze des Vertretbaren stoßen.

Lösungen sind schwierig. Es gibt kein Handbuch, diese Situation stellt alle vor besondere Herausforderungen. Was auch immer passiert, wie auch immer Entscheidungen getroffen werden und ausfallen: Wege aus dem Dilemma sind nur im sensiblen und verantwortungsvollen Miteinander zu finden. Es braucht keine Augen-zu-und-durch-Taktik, sondern einen gleichermaßen großen wie klaren Schulterschluss.

- Wilfried Sprenger

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7629259?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686209%2F2686789%2F
Nachrichten-Ticker