Fußball: Integratives Projekt
Bei BW Aasee wird der Sport auch 2020 zum großen Anker

Münster -

BW Aasee ist seit Jahren für seinen integrativen Einsatz im Sport bekannt. Im Corona-Jahr stehen die Verantwortlichen vor ganz besonderen Herausforderungen. Neben all dem ehrenamtlichen Bemühen gibt es auch Grund zur Freude: einen weiteren Preis.

Freitag, 06.11.2020, 10:07 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 16:19 Uhr
Immer bei der Sache: Junge Fußballer der Integrativen Abteilung beim SV BW
Immer bei der Sache: Junge Fußballer der Integrativen Abteilung beim SV BW Foto: BWA/be

Es gibt die „dritte Halbzeit“, Turniere, Training, Testspiele. Es gibt den großen Zusammenhalt, das sprichwörtliche Erleben von Gemeinsamkeiten. Und es gibt natürlich Emotionen: Freude, Ärger, Enttäuschungen, Jubel. Alles, was der Sport normalerweise so hergibt. Zurzeit wird allerdings auf Sparflamme gekocht, müssen Freundschaften ruhen, ist der Alltag noch ein wenig grauer, weil Wochen ohne Sport die Höhepunkte ausgehen. Ganz normal – die Pandemie wütet, und die Sportler sind gehandicapt. Mehr noch als sonst, mehr noch als normal.

Die Integrative Abteilung des SV Blau-Weiß Aasee muss notgedrungen runterfahren. Wie alle anderen auch. Nur, dass hier jeder für sich sein persönliches Handicap ohnehin schon trägt. Nun kommt ein weiteres hinzu: kein oder kaum Sport. Schlecht aushaltbar. „Vier Wochen Lockdown, das ist wie vier Wochen Sommerferien“, versucht sich Dietmar Sonius gegenüber den Sportlern mit Seh- oder Hörbehinderungen, mit Lernschwächen oder Trisomie 21, im Mutmachen. In vier Wochen geht’s hier weiter, so sein Versprechen.

Personifizierte Triebfeder

Sonius ist seit Jahren die personifizierte Triebfeder des integrativ-inklusiven Sports in dem Stadtverein an der Bonhoefferstraße. Er weiß am besten, dass die pandemischen Einschränkungen die gehandicapten Sportler von sechs Jahren bis ins Erwachsenenalter hart treffen. „Fußball ist für sie ein Stabilitätsfaktor“, sagt er. „Und er gibt Struktur. Der Fußball, der Sport, ist für viele ein Anker.“ Nicht weniger als das.

Immer freitags ist Training – beim ersten Lockdown war schon wieder geöffnet, als Förderschulen noch geschlossen waren. „Das hat uns Kritik eingebracht, aber es ist für viele eben doch das Highlight der Woche“, schildert Sonius. Nun „ist wieder Schicht“, sagt Sarah Wieck. „Umso wichtiger ist es, dass keiner verloren geht in dieser doofen Zeit.“ Auch nicht die, die sich bislang immer – als Angehörige oder Freunde – zur „dritten Halbzeit“ nach Training oder Spiel getroffen haben und Abteilung wie Club ein Stückchen gesellschaftlichen Zusammenhalt vermitteln. „Das Vereinsleben wird gestärkt, wo es anderswo gerade zu bröckeln beginnt“, weiß auch Geschäftsführer Jens Nagl den großen Zusammenhalt außerhalb des Platzes sehr wohl zu würdigen. Und: „Eltern wissen: Wir sind nicht allein mit unserem Kind“, erläutert Nagl.

Kontakt für Wieck elementar

Wieck, die münsterische Studentin für Sonderschul-Pädagogik in Halle/Saale, hält es nicht nur für wichtig, den Kontakt zu den Fußballern – rund 100 sind es, die in der integrativen Abteilung kicken – aufrechtzuhalten, sondern für elementar. „Wir sind Ansprechpartner, sind für sie da. Für sie ist Sport wichtig, umso wichtiger ist es, sie beim Sport zu halten.“ Corona und die Zwangspause machen das physische Miteinander schwierig, aber eben nicht unmöglich. Wieck, die üblichweise als „Kümmerin“ (Sonius) im Verein gilt, arbeitet zurzeit an Alternativen. Es entsteht unter ihrer Regie eine barrierefreie Homepage. Soll heißen: Nicht-Sehende können die Inhalte hören, Gehörlose können sie mittels unterlegter Gebärdensprache sehen. Ein Novum, an dem beispielsweise auch Werder Bremen bereits Interesse gezeigt hat.

Mit dem digitalen Video-Angebot, das zum Training daheim motiviert, mit dem Whatsapp-Gruppenchat und dergleichen ist es allein natürlich nicht getan, die Freude am Sport aufrechtzuhalten. „Aber wir zeigen: Wir sind immer für euch da“, sagt Sonius, der seit Jahren auch Inklusionsbeauftragter des Fußballkreises und gemeinsam mit Wieck mit Fortbildungen für den NRW-Verband befasst ist.

Kooperationen mit Greven und Altenberge

Elf „tolle Trainer“ (Nagl) sind in der integrativen Abteilung – bestehend seit 2003 – mitunter schon seit Jahren dabei. Es bestehen Kooperationen beispielsweise mit dem SC Greven 09 und dem TuS Altenberge. So können Freundschaftsspiele und Turniere schnell abgemacht werden. Es läuft gut bei den Blau-Weißen, mit den Video-Angeboten auch in Corona-Zeiten. So gut, dass der Verein nun auch höchste Auszeichnungen widerfahren: Als „Behindertensportverein des Jahres 2020“ wird BW Aasee in diesem November durch den Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW in Partnerschaft mit der Landesregierung ausgezeichnet. 5000 Euro gibt es für den ersten Platz in diesem Ranking. „Die Jury war begeistert von unserer Arbeit“, sagt Sonius. „Die haben gemerkt, dass wir mit Herzblut dahinter stehen. Und wir freuen uns, dass wir gesehen werden.“

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