Rudern: Felix Brummel zieht Bilanz einer Wanderung fürs Leben
Risikobegegnung im Funkloch

Münster -

Felix Brummel ist seit gut drei Wochen wieder im Lande, genießt alle Annehmlichkeiten der Zivilisation. Viel mehr Kontakte, als bei seiner vierwöchigen Wanderung von Basel bis ins Siegerland hat der Münsteraner in Corona-Zeiten dennoch nicht. Überhaupt bleiben viele gute und unersetzbare Erinnerungen an diese Auszeit der besonderen Art.

Mittwoch, 18.11.2020, 15:59 Uhr aktualisiert: 18.11.2020, 21:44 Uhr
Felix Brummel am Ziel
Felix Brummel am Ziel Foto: Brummel

Wenn es regnet, dann stellt er sich unter, wenn es kalt wird, dreht er die Heizung auf, wenn sich der Hunger meldet, dann gibt es etwas Warmes zu essen – und wenn es dunkel wird, dann macht Felix Brummel das Licht an. So einfach kann das alles sein – und so komfortabel. Nach vier Wochen der Wanderschaft über Berge, durch Wälder und zu sich selbst hatte sich der Münsteraner am Morgen des 27. Oktober in der Zivilisation zurückgemeldet und genießt seither all die Selbstverständlichkeiten, die er auf dem langen Weg von Basel nach Siegen eigentlich gar nicht vermisst hatte. „Das war eine sehr, sehr lange Zeit“, sagt der 26-Jährige rückblickend, „und vor allem eine sehr, sehr schöne Zeit.“ Auch drei Wochen nach der Rückkehr hat der erste Eindruck immer noch Bestand: „Ich bin super, super glücklich.“

Am Ziel nach 783 Kilometern

Am 30. September war Brummel in der Schweiz losmarschiert, vier Wochen später endete der Weg dort in Deutschland, wo der Städtename für den Münsteraner Programm war: in Siegen. Nach 26 Etappen fühlte sich Brummel uneingeschränkt als Gewinner: An Erfahrung, an Gelassenheit, an Lebensmut. „Einen Moment hatte ich tatsächlich darüber nachgedacht, das letzte Stück nach Münster jetzt auch noch zu wandern“, erinnert er sich. Doch dann siegte die Erkenntnis, „dass ich eigentlich alles erreicht hatte, was ich mir vorgenommen hatte. Ich wollte 700 Kilometer wandern, in Siegen waren es 783. Ich war so lange unterwegs, wie ich es geplant hatte, ich war mit mir und meinem Leben zufrieden – und hatte eigentlich kein Ziel mehr“. Und weil am Bahnhof passenderweise schon der Zug nach Münster zur Abfahrt bereitstand, als hätte er vier Wochen lang nur auf Münsters amtierenden Sportler des Jahres gewartet, fand Brummels Auszeit zur besten Zeit ihr bestes Ende.

Zurück in den Trubel

„Auch wenn ich dann erst einmal wieder aus dem Zug raus bin. Das ging mir plötzlich etwas zu schnell. So kann das nicht zu Ende gehen.“ Stattdessen setzte er sich in ein Café und beobachtete entspannt den Trubel, dem er so lange entronnen war.

Der Alltag hatte Felix Brummel zurück, aber eben nicht mehr so wie vorher. Im März hatte der Nationalmannschaftsruderer den Entschluss gefasst, seine Sportkarriere zu beenden – in einem Alter, in dem andere erst zur Höchstform auflaufen. „Das war eine schwere Entscheidung, von der ich aber überzeugt war. Aber ja, mit dieser Wanderung habe ich auch wohl noch die letzten Schritte zurückgelegt.“

2100 Euro für den guten Zweck

Brummel hatte seine Auszeit zugleich an einen guten Zweck gekoppelt. Kilometerpaten und Spender zahlten auf das Konto des Vereins „Wirfueryannic“ ein. In Erinnerung an den mehrfachen Deutschen Meister im Rudern, Yannic Corinth, den Depressionen im Alter von nur 26 Jahren in den Suizid getrieben hatten, hat es sich der Verein zum Ziel gesetzt, die heimtückische Krankheit zu enttabuisieren und Betroffene zu unterstützen. Brummel, der die plötzliche Leere nach dem jahrelangen rastlosen Streben nach sportlichen Höchstleistungen am eigenen Leibe erfahren hatte, machte sich auf den Weg als wandernder Botschafter. 2074,96 Euro spülten allein die Kilometer in die Spendenkasse, besonders gefreut hat sich der Münsteraner aber über die 40 Euro, die ihm seine seltenen, aber umso wichtigeren Kurzzeitbegleiter bar in die Hand gedrückt hatten. „Diese Gespräche waren toll.“ Abends in der Schutzhütte oder tagsüber auf dem Weg – einmal sogar im fremden Wohnzimmer. „Das Ehepaar habe ich bei einem Bäcker getroffen. Wir kamen ins Gespräch, und sie luden mich zum Frühstück und zum Kaffee ein.“

Risikobegegnung mit dem Wildschwein

Das alles beherrschende Coronavirus spielte vier Wochen lang keine Rolle, Abstandhalten war keine Aufgabe im einsamen Schwarzwald. Da auch das Mobiltelefon an den ersten zehn Tagen komplett aus und anschließend nur im Standby-Betrieb blieb, nahm sich auch die Corona-Warnapp eine Auszeit. Die einzige Risikobegegnung hätte sie ohnehin nicht erfasst. „Das war nachts, als sich direkt an der Zeltwand ein Wildschwein zu schaffen machte“, erinnert sich Brummel an einen von vielen unvergesslichen Momenten. Angst? „Nein, der Wildschwein-Moment gehört sicher mit zu den schönsten der Wanderung“, sagt Brummel.

Mittlerweile hat das Wintersemester begonnen, Brummel studiert auf Distanz, aber mit neuem Schwung, auch das Rudern hat er nach sechsmonatiger Auszeit wieder für sich entdeckt. Ohne Druck, nur mit Spaß …

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