Volleyball: Nationalspielerin wechselte vor drei Jahren nach Monza
Hanna Orthmann hat in Italien ihr Glück gefunden: „Ich habe alles richtig gemacht“

Münster -

Ziemlich eilig hat Hanna Orthmann vor drei Jahren ihre Koffer gepackt. Die Volleyball-Nationalspielerin zog es vom USC Münster zum italienischen Top-Club Monza. Was anfangs ein wenig Abenteuer-Charakter hatte, sei der richtige Schritt gewesen. Im Interview spricht Orthmann über den Aperitivo, ihr Gehalt und die Verdrängung durch die Formel 1.

Donnerstag, 19.11.2020, 17:10 Uhr aktualisiert: 19.11.2020, 17:12 Uhr
Wo nicht alles, aber die große Karriere begann: Mit 17 gab Hanna Orthmann ihr Bundesliga-Debüt für den USC.
Wo nicht alles, aber die große Karriere begann: Mit 17 gab Hanna Orthmann ihr Bundesliga-Debüt für den USC. Foto: imago-images

Früher hat Hanna Orthmann vorzugsweise mit Jungs gespielt. Zunächst bei den Fußballern des SC Union Lüdinghausen, später in der Volleyballabteilung des Vereins. Fußball habe ihr mehr Spaß gemacht, erinnert sie sich. Dann aber blieb sie doch beim Volleyball hängen. Schicksal? Die Dinge fügten sich jedenfalls glücklich. Schon einige Zeit weiß Orthmann, dass sie vieles richtig gemacht hat. Und der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) ist froh, dass ihm nicht eines der größten Talente der vergangenen Jahre durchs Netz gerutscht ist. Nur der USC Münster hatte nicht lange Freude an den außergewöhnlichen Fähigkeiten der Spielerin. Kurz vor Beginn der Saison 2017/2018 bat sie den Bundesligisten um die Auflösung ihres Vertrages. Nach Zustimmung des Clubs wechselte die damals ­18-Jährige zum italienischen Erstligisten Monza.

 

Die Frage nach der Gesundheit muss in diesen Zeiten die erste sein. Wie geht es Ihnen?

Orthmann: Sehr gut.

Wirklich? Die Lombardei ist von der Pandemie doch besonders hart betroffen. Es gab schon während der ersten Welle im Frühjahr schreckliche Bilder aus dieser Region ...

Orthmann: Ich glaube, da ist medial viel dramatisiert worden. Es stimmt, dass die medizinische Versorgung vielleicht nicht den sehr hohen Standard von Deutschland hat. Aber viele Todesfälle, die gezählt wurden, waren nicht auf eine Corona-Erkrankung zurückzuführen, sondern hatten meines Wissens andere Ursachen.

Nun erleben Sie allerdings schon den zweiten harten Lockdown ...

Orthmann: Ja, es gibt natürlich Einschränkungen. Aber wir Profisportler spüren das gar nicht so sehr. Wir trainieren zweimal am Tag, da bleibt ohnehin nur wenig Zeit für irgendwelche Unternehmungen. Nervig ist das eigentlich nur an trainingsfreien Tagen.

Gibt es Verhaltensregeln seitens des Vereins?

Orthmann: Ja, die gibt es. Wir sollen unsere Kontakte reduzieren und Besuche vermeiden. Und nach Möglichkeit, nicht einkaufen gehen. Das ist kein Problem, hier bieten nahezu alle Geschäfte und Supermärkte Lieferdienste an.

Fühlen Sie sich manchmal einsam?

Orthmann: Nein, ich lebe zwar allein in einer Wohnung, aber doch in einem großen Haus. In unserer Residenz sind auch mehrere meiner Mitspielerinnen sowie Spieler aus unserem Männerteam untergebracht. Da muss niemand Langeweile haben. Außerdem telefoniere ich regelmäßig mit der Familie.

Sie waren 18, als Sie Münster verlassen haben. Irgendwie ging das damals Hals über Kopf ...

Orthmann: Tatsächlich war das nicht geplant.

Warum wollten Sie fort?

Orthmann: Das ist privat. Ich kann nur das sagen: Ich war nicht mehr glücklich und zufrieden und brauchte frischen Wind ...

Hatten Sie keine Angst vor diesem frühen und plötzlichen Abnabelungsprozess?

Orthmann: Dafür ging wahrscheinlich alles viel zu schnell. Ich habe in Monza ja endgültig erst ein oder zwei Wochen vor dem Wechsel zugesagt. Meine Gedanken waren: Es klappt oder es klappt nicht. Im Zweifel hätte ich ja auch zurück gekonnt.

Wie lange haben Sie gezweifelt?

Orthmann: Eigentlich gar nicht. Ich wurde in Monza sehr offen und gastfreundlich empfangen. Ich habe wirklich Glück gehabt.

Was war die größte Hürde in den ersten Monaten?

Orthmann: Die Sprache. Ich konnte kein italienisch und unser Trainer hat nie Englisch mit mir gesprochen. Da war die Verständigung tatsächlich sehr schwierig.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Orthmann: Mir blieb nichts anderes übrig, als schnell zu lernen. Im ersten Jahr habe ich schon ziemlich viel verstanden, im zweiten Jahr dann auch gesprochen. Inzwischen ist die Kommunikation keine Schwierigkeit mehr.

Sportlich sind Sie sehr schnell durchgestartet. Sie wurden schon in der zweiten Saison Stammspielerin und Leistungsträgerin ...

Orthmann: Ich hatte auch ein bisschen Glück. Nach der Verletzung einer anderen Angreiferin war ich im Team. Unser Trainer hat mir sehr viel Vertrauen geschenkt, dafür bin ich ihm heute noch dankbar.

In Ihrer zweiten Saison haben Sie mit Monza den europäischen Challenge Cup gewonnen ...

Orthmann: Das war groß und wird ewig in Erinnerung bleiben.

Sie haben Italien lange vor Ausbruch der Pandemie zur Wahlheimat erklärt. Was macht das italienische Lebensgefühl aus. Gibt es dieses „Dolce Vita“?

Orthmann: Ja, ja. Man fühlt es beim Aperitivo. Die Menschen hier gehen wirklich sehr gern aus und sind in diesen Situationen unglaublich entspannt. Da ist keine Spur von Hektik und niemand schaut auf die Uhr. Das gefällt mir.

Fehlen Ihnen da nicht deutsche Tugenden wie Ordnung und Pünktlichkeit?

Orthmann: Tatsächlich mag ich es, wenn die Dinge sortiert sind. Ich musste mich umstellen, es hat aber nicht lange gedauert.

Werden denn die Gehälter pünktlich bezahlt?

Orthmann: Es ist noch nie eines ausgeblieben. Aber du weißt nie, wann es kommt. Mal zum Ende des Monats, mal in der Mitte des nächsten. Aber kein Problem: Mein Verein ist sehr zuverlässig und noch jeder Verpflichtung nachgekommen.

In Italien verdienen Spitzenvolleyballerinnen mehr als in der Bundesliga. Viel mehr?

Orthmann: Es ist definitiv mehr, das kann ich sagen. Aber in Italien hat Volleyball auch einen ganz anderen Stellenwert bei den Sponsoren und den Sportfans.

Sie haben mit Monza zwar noch keinen nationalen Titel gewonnen, spielen dort aber in einem Spitzenteam. Wie viele Zuschauer hat die Mannschaft bei Heimspielen?

Orthmann: Während des Lockdowns darf natürlich niemand in die Halle. Vorher war das sehr unterschiedlich. Bei Spitzenspielen waren wir ausverkauft.

Was heißt das in Zahlen?

Orthmann: Oh, ein bisschen auf dem falschen Fuß erwischt. Ich glaube 4000 oder 5000 Fans, so genau weiß ich das gar nicht.

Wo ist Ihr Lieblingsort in Monza?

Orthmann: Es gibt einen wirklich riesigen Park, ein richtiger Wohlfühlort. Da ist auch die Formel-1-Strecke integriert.

Haben Sie schon ein Rennen erlebt?

Orthmann: Nein, an diesen Wochenenden müssen wir unsere Wohnungen in der Residenz immer räumen. Die Tage der Formel 1 sind für unseren Vermieter offenbar sehr lukrativ.

Sie werden dann aber nicht in einen Container ziehen?

Orthmann: Keine Sorge, das organisiert der Verein ganz anders. Wenn die Formel 1 in der Stadt ist, fahren wir immer in ein Trainingslager.

Wie lange bleiben Sie noch in Monza? Gibt es irgendwann eine Rückkehr in die Bundesliga?

Orthmann: Frage zwei kann ich nicht beantworten. Zu Frage eins: Mein Vertrag in Monza läuft bis zum Sommer 2022. Ich fühle mich hier wirklich super wohl. Die Entscheidung, die ich vor drei Jahren getroffen habe, war gut. Ich habe alles richtig gemacht.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7685727?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686209%2F2686789%2F
Nachrichten-Ticker