Leichtathletik: Vom Bambusstecken zum Glasfaserstab
Sprintstart mit kleiner Schippe

Kreis Steinfurt -

Wie hat sich das Leben im Laufe der Jahre doch verändert. Musik per Sprachbefehl – früher undenkbar. Nur im Sport muss der Mensch noch selbst vor den Ball treten, damit er rollt und der Läufer seine Muskeln aktivieren, damit sie Bewegungen ausführen. Beim Material allerdings haben Forschung und Entwicklung Fortschritte gemacht. Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie dar, wie sich das Material in verschiedenen Sportarten verändert hat.

Freitag, 12.02.2021, 15:38 Uhr aktualisiert: 15.02.2021, 15:26 Uhr
Mit diesen Schuhen sprintete Gerhard Rühlow früher über die Aschenbahn; die Tasche im Hintergrund stammt von seiner Frau Anne-Chatrine, die 1956 bei Olympia in Melbourne dabei war. Der Diskus, den sie damals warf, sah allerdings anders aus als der kleine links.
Mit diesen Schuhen sprintete Gerhard Rühlow früher über die Aschenbahn; die Tasche im Hintergrund stammt von seiner Frau Anne-Chatrine, die 1956 bei Olympia in Melbourne dabei war. Der Diskus, den sie damals warf, sah allerdings anders aus als der kleine links. Foto: G. Rühlow

Laufen, Springen, Werfen – die grundlegenden Bewegungsabläufe des Menschen finden in der Leichtathletik in den verschiedenen Disziplinen ihren Niederschlag. Über die Jahre betrachtet allerdings in unterschiedlichen Ausprägungsformen und mit höchst unterschiedlichen Sportgeräten. Tauziehen oder Schleuderballwurf beispielsweise sind heutzutage auf dem Tableau der Olympischen Spiele nicht mehr zu finden. Verändert haben sich auch die Materialien, mit denen Leichtathleten ihren Sport ausüben – von den Schuhen bis hin zu den Gerätschaften.

„Bei mir nicht“, sagt Anne-Chatrine Rühlow, die 1956 an den Olympischen Spielen in Melbourne teilgenommen hat und bis ins hohe Alter mit dem Diskus und der Kugel aktiv war. „Die Kugel ist immer noch aus Eisen. Damals wog sie vier Kilo, bei den Senioren nur noch drei“, ist das Stoßgerät bei Rühlow über die Jahre lediglich leichter geworden.

Auch der Diskus wiegt immer noch ein Kilo, bestand lange Zeit aus Holz, dann war er aus Eisen und wird heutzutage aus einem Kunstmaterial und Eisen gefertigt. Der äußere Ring muss aus Metall sein. Moderne Wettkampf-Disken sind in der Regel aus Kunststoff oder Holz und verfügen in der Mitte über einen Metallring. Das besonders haltbare Schichtholz oder der beständige Spezialkunststoff sorgen für beste Dreh- und Flugeigenschaften.

Anna Feldmann (Jahrgang 1963), ehemalige Trainerin von Hanna Meinikmann aus Burgsteinfurt und selbst eine gute Siebenkämpferin, betreibt seit 1974 Leichtathletik und hat einige Veränderungen miterlebt. Die in ihren Augen gravierendsten Verbesserungen waren die Gewichtsverlagerungen beim Speer und Diskus sowie das Laufen auf der Kunststoffbahn.

Der mittlerweile verwendete Belag der Firma Mondo erlaubt durch seine größere Härte bei gleicher Elastizität im Vergleich zu Tartan schnellere Zeiten, ist aber für Muskeln und Gelenke belastender. „Im Sprint haben sich die Bodenkontaktezeiten verringert. Man läuft schneller“, sagt Feldmann. Die Gewichtsverlagerung beim Diskus auf den Außenring habe bewirkt, dass die Scheibe „nicht mehr so flattert wie früher“.

„Leichtathleten sind Traditionalisten und tun sich schwer mit Veränderungen. Das sieht man schon bei der Kinder-Leichtathletik, die sich nicht überall durchsetzen konnte. Das sind ja nicht die ursprünglichen Disziplinen, die dort betrieben werden“, sagt Werner Wehm­schulte (Jahrgang 1966), Leichtathletikobmann des FLVW-Kreises Steinfurt. Er hat früher Sprint und Weitsprung betrieben.

Die Zeitnahme (seit 1968 elektronisch), der Untergrund der Laufbahn und das Material bei Speer und Hochsprungstab haben im Laufe der Jahre gravierende Weiterentwicklungen erlebt – ansonsten lediglich das sportliche Outfit der Athleten, das vor allem bei den Frauen knapper wurde.

Werner Korte aus Westerkappeln (Jahrgang 1939) hat Ende der 60er Jahre beim TuS Lingen Leichtathletik betrieben, vornehmlich Sprint und Weitsprung, und hat zuletzt mit Hammer und Diskus bei den Westfalenmeisterschaften Erfolge errungen. „Wir sind auf schwarzer Asche gelaufen und mussten uns die Startlöcher noch selbst graben. Dafür hatten wir eine kleine Schippe dabei“, erzählt der 82-Jährige, der in Westerkappeln immer noch als Trainer aktiv ist und damals Spikes mit zwölf Millimeter langen Nägeln getragen hat, wie es zu Beginn seiner Karriere losging.

Moderne Speere bestanden schon immer aus einem sich nach beiden Enden verjüngenden Stab mit einer Metallspitze und einer Griffstelle. Der Schaft kann aus Holz, mehrfach gehärtetem Aluminium, Stahl oder einem Carbon-Gemisch (Vorteil: vibrationsarm) gefertigt sein. Bei der Länge (2,60 m bis 2,70 m, Frauen 2,20 bis 2,30) hat sich nichts getan, ebenfalls beim Gewicht (800/600 Gramm).

Die besten Speerwerfer erreichen bei den Männern über 90 Meter (WR: 98,48 m), bei den Frauen 70 Meter (WR: 72,28 m). In den 1980er Jahren waren andere Speere üblich als heute, mit denen sich weitaus höhere Weiten erzielen ließen (Weltrekorde: 104,80 m bei den Männern, 80 m bei den Frauen). Aus Sicherheitsgründen wurden 1986 und 1999 (bei den Frauen) die Normen für die Beschaffenheit der Speere verändert (Verlagerung des Schwerpunktes nach vorn), sodass diese weniger weit flogen.

Gravierende Veränderungen gab es auch beim Stabhochsprung, der bis weit in die 1950er Jahre mit einem Bambusstab ausgetragen wurde. Der Weltrekord lag bis 1957 bei 4,77 m, ehe er auf 4,78 m mit einem Aluminiumstab verbessert wurde.

Moderne Stäbe bestehen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) und sind hohl. Mit Stäben aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) erreichen die besten Springer heute zwischen fünf und sechs Metern (WR Männer: 6,15, Armand Duplantis, WR Frauen: 5,06, Jelena Issinbajewa).

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