Radsport: Trainingslager in Spanien 1969 wurde zum Abenteuerurlaub
Wohnungsdurchsuchung inklusive

Burgsteinfurt -

Heutzutage ist es völlig normal – außer zu Corona –, dass Radsportler, egal ob Amateur oder Profi, im Frühjahr sich gen Süden begeben, um für die Rennsaison fit zu werden. Vor 50 Jahren kam das eher selten vor und war manchmal ein Abenteuer.

Mittwoch, 24.03.2021, 15:03 Uhr aktualisiert: 25.03.2021, 15:50 Uhr
Die RSVer in Barcelona:
Die RSVer in Barcelona: Foto: privat

Malle für alle – heißt es coronabedingt zurzeit in puncto Urlaub im Ausland. Doch lange bevor Mallorca als Urlaubs- und Trainingsinsel für Radsportler und Sonnenhungrige im Fokus stand, waren andere südliche Länder wegen ihrer Wärme im Frühjahr der Anziehungspunkt für Trainingswillige aus der heimischen Frostregion – unter anderem auch für eine Gruppe Radsportler vom RSV Friedenau Steinfurt.

Eberhard Pinke, Herbert Hüster, Heribert Schwarthoff, Franz Melchers, Knut Aengenheyster, Guido Aengenheyster und Willi Große Föller sowie Ulrike Aengenheyster, die als Köchin mit von der Partie war, machten sich Ostern 1969 für drei Wochen auf den Weg an die Costa Brava, um sich die nötige Fitness für die anstehende Rennsaison anzutrainieren.

Mit dem vereinseigenen Bulli, der mit seinen 40 PS voll besetzt schon Mühe hatte, über den Buchenberg zu kommen, machten sich die Acht samt ihrer Räder auf die 1600 Kilometer lange Reise nach Barcelona. 24 Stunden dauerte der Trip, da es weder die abkürzende Sauerlandlinie gab und die Autobahnen in Frankreich und Spanien noch im Bau waren. „Durchschnittsgeschwindigkeit 40 km/h. Den Sprit haben wir in Kanistern aus Deutschland mitgenommen, da der in Frankreich sehr viel teurer war“, erinnert sich Heribert Schwarthoff.

Als Unterkunft diente die Ferienwohnung von Melchers‘ Verwandten, die allerdings nur für vier Personen ausgelegt war, dafür aber nichts kostete. „Wir haben auf einem Sofa und unbequemen Liegen gepennt“, hat man das Gefühl, Schwarthoff schmerze heute noch der Rücken.

Doch bevor die Reise begann, taten sich schon die ersten Probleme auf. Eberhard Pinke hatten als Zeuge einen Termin bei Gericht. „Seine Eltern haben ihm aber erlaubt, mit dem Flieger nachzureisen“, erzählt Schwarthoff. Weniger gut lief es bei Ludger Mester, dem langjährigen Vorsitzenden des RSV. „Seine Eltern haben ihm die Mitfahrt verboten. Drei Wochen Urlaub fürs Training, wo im Sommer die Ernte ansteht, das gab es damals nicht“, erklärt Schwarthoff. Mester war 18 Jahre alt, gerade in der Lehre und hatte nur diese drei Wochen Urlaub. Da seine Eltern einen Hof bewirtschafteten, war es selbstverständlich, dass der kleine Ludger dort helfen musste. Widersetzen konnte er sich auch nicht, da man zu der Zeit erst mit 21 volljährig war.

In Barcelona selbst wurde tagsüber mit Ritzelübersetzung 23/15 fleißig trainiert, und abends flickte man die kaputten Reifen. „Das waren noch die alten, die auf die Felge geklebt wurden. Man musste die Decke auftrennen und die Schläuche herausnehmen, wenn sie ein Loch hatten. Hinterher wurden sie wieder zusammengenäht“, erinnert sich Schwarthoff an die Prozedur.

Natürlich genehmigten sich die Youngster hier und da auch mal ein Bier oder eine Sangria – was einmal auch zu einer teuren Angelegenheit wurde. „Für 100 Mark lasse ich mir eine Glatze schneiden, tönte Knut Aengenheyster eines Abends. Das wollte ich schriftlich haben“, ging Schwarthoff auf diesen in seinem Glauben nicht ernst gemeinten Vorschlag ein, und musste am Ende blechen, denn Aengenheyster ließ sich tatsächlich die Haare abrasieren.

Weniger lustig verlief ein anderes Ereignis, als Knut Aengenheyster und Eberhard Pinke eines Abends am Strand von der Polizei aufgegriffen wurden. Zu Zeiten, als der Diktator Franco in Spanien noch an der Macht war, hatte die Guardia Civil den Ruf, wenig zimperlich zu sein. Die beiden Steinfurter wurden verdächtigt, ein Auto aufgebrochen zu haben. „Um das Diebesgut zu finden, durchsuchte die Polizei nicht nur unsere beiden Jungs, sondern wollte auch unsere Wohnung filzen“, erinnert sich Heribert Schwarthoff. Die Durchsuchung des Appartements dauerte jedoch nicht lange, da die beiden spanischen Sheriffs es dort nur kurz aushielten. „Nach drei Wochen Training mit begrenzten Waschmöglichkeiten hat es bei uns nicht besonders gut gerochen“, stank die Bude laut Schwarthoff wie ein Pumakäfig. Unterm Strich und mit einigen Jahren Abstand war die Tour „erheiternd“ und für 200 Mark ziemlich preisgünstig sogar.

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