Eishockey-WM
Söderholms starke WM-Premiere: Selbstverständnis verändert

So viel Frust war noch nie nach einem WM-Aus im Viertelfinale. Das Selbstverständnis hat sich unter dem neuen Eishockey-Bundestrainer verändert. Die Tendenz geht zur Etablierung unter den Top-Nationen. Dazu könnten neben Draisaitl auch andere Spieler beitragen.

Freitag, 24.05.2019, 13:42 Uhr aktualisiert: 24.05.2019, 13:46 Uhr
Bundestrainer Toni Söderholm war trotz der Niederlage im WM-Viertelfinale stolz auf seine Spieler.
Bundestrainer Toni Söderholm war trotz der Niederlage im WM-Viertelfinale stolz auf seine Spieler. Foto: Monika Skolimowska

Bratislava (dpa) – Die Slowakei verließ die deutsche Auswahl auf einem anderen Level als noch vor der Weltmeisterschaft. Gleich in seinem ersten Turnier als Bundestrainer hat Toni Söderholm dem Nationalteam ein anderes Selbstverständnis eingeimpft.

So frustriert wie nach dem 1:5 (0:0,1:1,0:4) gegen Tschechien in Bratislava war eine Auswahl des Deutschen Eishockey-Bunds (DEB) niemals zuvor nach dem Aus in einem WM-Viertelfinale. «Wir wollten alle mehr. Wir wollten alle zeigen, dass wir unter die Top Vier gehören», sagte stellvertretend der neue DEB-Star Moritz Seider.

Der 18-Jährige gehört zu vielen Gewinnern, die unter Söderholm auf internationalem Niveau den nächsten Schritt gemacht haben. «Wir haben einen ersten Grundstein gelegt. Wie sich die Jungs über die zwei Wochen noch entwickeln können, hat mich überzeugt», sagte Söderholm.

Die Nachfolge von Marco Sturm als erfolgreichstem Bundestrainer der DEB-Geschichte war nicht einfach für den 41 Jahre alten Finnen. Söderholm meisterte sie bei seiner WM-Premiere als Trainer bravourös: Mit fünf Siegen gelang die beste WM-Vorrunde überhaupt. Damit verbunden waren die frühzeitige direkt Olympia-Qualifikation für Peking 2022 und das mit Platz sechs beste WM-Ergebnis seit dem vierten Rang 2010. In der Weltrangliste verbesserte sich der DEB auf Platz sieben und zog an der Schweiz vorbei.

«Es hat Spaß gemacht. Ich denke, dass wir wieder einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben mit dem deutschen Eishockey», sagte der Top-Star und erfolgreichste deutsche WM-Scorer Leon Draisaitl nach seinem persönlich besten Turnier bei seiner bislang fünften WM-Teilnahme.

Ohne Probleme setzte Deutschland unter Söderholm die Entwicklung unter Sturm fort, die mit der Olympia-Silbermedaille von Pyeongchang 2018 ihren Höhepunkt erreicht hatte. «Ich glaube, es war vorher schon der richtige Weg. Der Toni hat ihn nur weitergeführt und ihn ein bisschen verfeinert», sagte NHL-Verteidiger Korbinian Holzer.

Anders als in der Vergangenheit will Söderholm mit dem deutschen Team auch gegen die Top-Nationen spielerisch mithalten und fordert, diesen auf Augenhöhe zu begegnen. «Wir haben mittlerweile in Deutschland die Einstellung, dass wir auch gegen die Großen mitspielen können und auch den Anspruch, die Großen zu schlagen», sagte Holzer. «Wir haben bei dem Turnier bewiesen, dass wir eine Top-Acht-Nation sind.»

Umso größer war der Frust. «Ich glaube, dass so viel mehr drin war in dem Turnier. Es ist bitter jetzt, weil ich gedacht hätte, dass wir bis zum Schluss dabei sind», meinte Holzer. Söderholm wertete dieses Selbstverständnis als gutes Zeichen für die Zukunft: «Es sollte auch ein bisschen weh tut, damit sie motiviert sind für die Zukunft.»

Nur beim bösen 1:8 gegen Kanada am vergangenen Samstag hatte seine Auswahl einen gebrauchten Tag und zu wenig Defensiv-Arbeit der Top-Stürmer. Beim 1:3 gegen die USA, vor allem beim 4:2 gegen Söderholms Heimatland Finnland und selbst bei der zu hohen Niederlage gegen Tschechien war Deutschland dem Gegner nicht nur kämpferisch, sondern auch spielerisch ebenbürtig. Am Donnerstag schlugen die Tschechen erst konsequent zu, als sich Deutschland nach dem 1:2 im Schlussdrittel gegen das Aus stemmte und Raum gewährte.

«Diese Spiele muss man spielen, um auch zu wissen, wie man sie gewinnt. Ich denke, es war auch eine Lektion für uns», sagte Kapitän Moritz Müller. Der Anspruch ist da, künftig nicht nur in der K.o.-Runde mit den Großen mitzuspielen, sondern zu gewinnen. Sätze wie vom jungen Abwehrtalent Seider wären früher undenkbar gewesen: «Es sind nur noch acht Mannschaften im Rennen. Ich denke, jeder hat eine gute Chance Weltmeister zu werden. Davon träumt man natürlich.»

In der Slowakei deutete sich zudem an, dass künftig auch dann etwas möglich sein kann, wenn die derzeit noch einzigen Weltklasse-Spieler Draisaitl und Torhüter Philipp Grubauer wegen NHL-Verpflichtungen mal nicht kommen können. Seider war nach dem gleichaltrigen finnischen Stürmer Kaapo Kakko das vielversprechendste Talent der gesamten WM. Mannheims Markus Eisenschmid überzeugte im Sturm nachhaltig und dürfte in der kommenden Saison in der NHL spielen. Düsseldorfs Mathias Niederberger stieg zum besten Goalie hinter Grubauer auf und zeigte, dass eine WM ohne NHL-Torwart kein Problem sein muss.

Neben allen deutlichen Fortschritten unter dem neuen Bundestrainer offenbarte sich freilich auch Verbesserungspotenzial. Das Überzahlspiel, für dass der von Söderholm verpflichtete Co-Trainer Steven Reinprecht zuständig war, genügte höheren WM-Ansprüchen nicht. Bei allem Talent im Angriff muss die Offensive zielstrebiger werden. Und Söderholm wird sich in Zukunft mehrfach überlegen, ob er so ehrlich wie nach dem USA-Spiel das in der Tat verbesserungswürdige Defensivverhalten seines Top-Stars Draisaitl anspricht.

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