Duell gegen Fallon Sherrock
Warum die Darts-Fans den Mann am Boden sehen wollen

An der Darts-Scheibe wird eins gegen eins gespielt. Am Samstagabend gilt das nur bedingt: Dann wird es der Österreicher Suljovic im Duell mit der ersten siegreichen Frau bei der WM auch mit 3000 euphorischen Fans zu tun bekommen. Der Routinier weiß, was ihn erwartet.

Freitag, 20.12.2019, 11:33 Uhr aktualisiert: 20.12.2019, 11:36 Uhr
Muss bei der Darts-WM gegen Fallon Sherrock antreten: Mensur Suljovic.
Muss bei der Darts-WM gegen Fallon Sherrock antreten: Mensur Suljovic. Foto: Friso Gentsch

London (dpa) - Mit Mensur Suljovic möchte man an diesem Wochenende wirklich nicht tauschen. Der 47 Jahre alte Österreicher ist einer der beliebtesten Spieler der Darts-Tour und hört nicht umsonst auf den Spitznamen «The Gentle» (Der Sanfte).

Doch das alles wird ihm wenig helfen, wenn er am Samstagabend (22.00 Uhr/Sport1 und DAZN) gegen die Frau aus dem Geschichtsbuch spielt. Fallon Sherrock hat mit ihrem Premieren-Sieg bei einer WM nicht nur die gesamte Darts-Welt für sich begeistert, sondern auch das Thema Kampf der Geschlechter so prominent wie nur möglich in die breite Öffentlichkeit gezogen.

Frau gegen Mann - oder wie es bei der WM in London ab diesem Samstag heißt: Eine Frau gegen 39 Männer. Suljovic weiß genau, was ihn im ohnehin schon gewaltig lauten und euphorischen Alexandra Palace erwartet. «Das Publikum steht 100 Prozent auf ihrer Seite. Und bei der WM spielt das Publikum eine große Rolle», sagte der Elfte der Weltrangliste bei DAZN. Eins gegen eins plus 3000: So oder so ähnlich sieht die Rechnung aus, mit der sich Suljovic arrangieren muss. Doch warum wollen die freudig feiernden und trinkenden Bananen und Nonnen den Mann unbedingt am Boden sehen?

Darts-Experte Elmar Paulke hat dafür eine einfache Erklärung. «Ich glaube, die Männer können nur verlieren. Es liegt wirklich daran, dass das eine Macho-Welt ist. Die Männer denken, das ist ihre  Domäne», sagte der DAZN-Kommentator der Deutschen Presse-Agentur. Jahrzehntelang war die Weltmeisterschaft des Weltverbandes PDC (Professional Darts Corporation) ein reines Männer-Event, mancher Vertreter denkt heute noch ähnlich. «Du willst nicht gegen eine Frau verlieren, weder auf der Bühne noch im Pub», sagte Weltklassemann Gerwyn Price jüngst, nachdem er beim Grand Slam gerade noch 5:3 gegen die Japanerin Mikuru Suzuki gewonnen hatte.

Die Fans spüren das, doch die Solidarisierung mit dem bei der WM zahlenmäßig schwächer vertretenen Geschlecht ist nicht der einzige Grund. Literweise Alkohol fließt im Norden Londons Abend für Abend, natürlich werden all die Verkleideten auf dem Weg Richtung Rausch auch von einer gewissen Überschwänglichkeit und Sensationslust befeuert. 

Eine junge und sympathische Blondine gewinnt und wird zur Heldin, während ein Darts-Routinier nach einer Pleite schmachvoll von der Bühne trotten muss? Das ist als Live-Zeitzeuge mitten in einer volksfestähnlichen Bierhalle nun einmal packender als der erwartete  Ausgang. Zum einen, weil man sich an der Cinderella-Story erfreuen kann. Zum anderen, weil Schadenfreude nicht nur sprichwörtlich für viele noch immer die schönste Freude ist.

Wie man Häme und Spott in ausuferndem Maße trotzdem entgehen kann, bewies der Engländer Ted Evetts am Dienstagabend. Genauso wie die 25 Jahre alte Sherrock für alle Zeit die erste WM-Siegerin sein wird, wird «Super Ted» im Darts-Geschichtsbuch als der Mann verewigt sein, der erstmals ein WM-Match gegen eine Frau verlor. Evetts zeigte auf der Bühne Größe, er umarmte Sherrock und hob zur Anerkennung ihren Arm hoch wie ein unterlegener Boxer. Auch hinter der Bühne gratulierte er noch einmal fair und ehrlich. Evetts bekam folglich nicht einen Bruchteil an Schadenfreude davon ab, was Sherrock zurecht an Zuspruch und Anerkennung erntete.

Was von der gelernten Friseurin sportlich noch zu erwarten ist, darf allemal hinterfragt werden. Nach ihrem Erstrundensieg stürzte sie sich in einen 24-stündigen Pressemarathon und schlief kaum. Der  Rummel um ihre Person war gewaltig. Mit dem Drei-Pfeile-Durchschnitt von 91 Punkten, den sie am Dienstag warf, könnte sie tatsächlich eine Chance haben. Ab Donnerstag standen Training und Vorbereitung bei ihr wieder im Fokus. «Ich möchte niemanden im Stich lassen», schrieb  Sherrock auf Twitter. Schon gar nicht ihre 3000 Fans im «Ally Pally».

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