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Mentaltraining: Nicht nur Turnerin Voss schwört darauf

Mentaltraining im Sport ist nicht alltäglich. Gleichwohl nutzen es viele Spitzenathleten verschiedener Disziplinen. Intensiv wird das Gehirn-Training von Motorsportlern, auch in der Formel 1, betrieben. Auch die deutsche Top-Turnerin Sarah Voss schwört darauf.

Freitag, 22.05.2020, 11:17 Uhr aktualisiert: 22.05.2020, 11:20 Uhr
Schwört auf Mentaltraining: Turnerin Sarah Voss.
Schwört auf Mentaltraining: Turnerin Sarah Voss. Foto: Marijan Murat

Köln (dpa) - Wenn Sarah Voss abends im Bett liegt und körperlich zur Ruhe kommt, arbeitet es in ihrem Gehirn. Dann geht die 20 Jahre alte Studentin ihre Übungen im Kopf durch und stellt sich vor, wie sie am Stufenbarren ein Flugelement turnt.

Oder einen Schraubensalto. «Vor dem Schlafengehen gehe ich Übungen wieder und wieder durch», sagt die deutsche Turnmeisterin im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Und wenn man die Bewegungsvorstellung dann später in der Halle gut umsetzen kann, ist das eine gute Kontrolle und ein schöner Erfolg.»

Mentaltraining heißt das Zauberwort - und das nicht nur in Corona-Zeiten, wenn Hallen gesperrt sind und reguläres Training unmöglich ist. Obschon Mentaltraining bei künstlerischen Sportarten wie Turnen, Trampolin, Wasserspringen oder Eiskunstlaufen besonders effektiv ist, bedienen sich immer mehr Athleten der modernen Methode, die gar nicht so neu und weiter verbreitet ist, als man denkt.

«Mentales Training ist für jeden etwas, in allen Formen und für alle Menschen», sagt der Sportpsychologe Moritz Anderten der dpa. Der Wissenschaftler arbeitet am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln und hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert. Am Olympia-Stützpunkt Rheinland betreut der 38-Jährige Spitzensportler, Kader- und Para-Athleten zahlreicher Sportarten und arbeitet eng mit den Nationalturnerinnen und Cheftrainerin Ulla Koch zusammen. Zudem betreibt er die Plattform «mentaltalente.de», eine sportpsychologische Betreuungsinitiative im Nachwuchsleistungssport, die von der Sportstiftung NRW unterstützt wird.

Im Grunde trainiere jeder Mensch täglich mental, «ohne es zu wissen», erläutert Anderten. «Schon wenn man Selbstgespräche führt oder sich vorstellt, wie man den Stau umfahren kann, ist das mentales Training. Manchmal bewusst, mal unbewusst. Im Spitzensport wird es systematischer und gezielter eingesetzt.»

Neben Ski-, Bob- oder Schlittenfahrern, die am Start im Geiste ihren Kurs oder Parcours durchfahren oder sich Schwierigkeiten einprägen, sind auch Motorsportler sehr aktiv in Sachen Mentaltraining. «Viele Formel-1-Fahrer nutzen das intensiv, um neuronale Prozesse und ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern», sagt Anderten. Die Frage sei immer: Wo macht es Sinn? Was ist zielführend?

«Mentale Stärke spielt im Motorsport eine immer wichtigere Rolle. Nur schnell Auto fahren reicht nicht, wenn man ein Weltklasse-Rennfahrer sein will», sagt Riccardo Ceccarelli, der mit BMW-Werksfahrern in dem Metier erfolgreich arbeitet. Seine Philosophie: «Mentaltraining ist nur dafür da, die Leistung des Gehirns zu optimieren. Viele gehen erst zum Mentaltrainer, wenn sie ein Problem haben und es lösen wollen», erklärt er. Sein Mentaltraining sei aber für «gesunde Topathleten und Toprennfahrer, die kein Problem haben, sondern die Leistung ihres Gehirns noch weiter optimieren wollen.»

Laut Anderten werden grundsätzlich zwei Übungsformen unterschieden: observatives (visualisiertes) Training und ideometrisches Training. Beide Techniken hat Sarah Voss drauf: «Ich schaue mir eine auf Video aufgenommene Übung oder ein Element an. Dann analysieren wir die Bewegung, meist mit der Trainerin zusammen. Und ich versuche, aus den Fehlern zu lernen und es nächstes Mal besser zu machen», erklärt die WM-Siebte von 2019 am Stufenbarren. «Oder ich suche mir einen ruhigen Ort, spule meine Übung im Geiste ab. Meist entspricht sie dann genau dem Zeitraum, die sie real auch dauern würde.»

Die Dormagenerin, die an der Fern-Uni Riedlingen BWL und Management studiert und sich derzeit auf Olympia 2021 in Tokio vorbereitet, hat das Mentaltraining in der Corona-Pause verstärkt genutzt. Besonders die Video-Analysen bereiten ihr Spaß. «Ich mache es sehr gern, weil man jede Kleinigkeit sieht. Manchmal hat man das Gefühl, man turnt etwas richtig, und im Video sieht man dann, dass es doch nicht ideal war. Dann kann man das korrigieren.» Eine Bewegung zu visualisieren, helfe ihr enorm. «Manchmal machst du 100 Versuche und es klappt einfach nicht. Dann schaue ich es mir an, korrigiere und optimiere meine Bewegungsvorstellung - und es klappt beim nächsten Mal oft besser.» Laut Anderten verfolgt Mentaltraining bei Turnern zwei Ziele: «Eine neue Bewegung zu lernen und Fehler auszumerzen.»

Interessant ist, dass das Gehirn wohl nicht unterscheiden kann, ob man sich eine Bewegung nur vorstellt oder sie wirklich ausübt. Laut Angerten wurden bei Gewichthebern Muskelkontraktionen und Voraktivierungen bei der bloßen Vorstellung, ein Gewicht zu stemmen, nachgewiesen. «Dem Gehirn ist es erstmal egal, ob etwas nur im Kopf stattfindet oder tatsächlich ausgeführt wird», sagt er.

Übung macht auch beim Mentaltraining den Meister. Zwar gibt es nur wenige Studien. Doch man geht davon aus, dass drei- bis fünfmal fünf bis 15 Minuten pro Woche genügen, um Effekte zu erzielen. «Es darf auf keinen Fall erschöpfend sein», warnt der Psychologe, «das wäre kontraproduktiv». Voss berichtet: «Es ist wie beim richtigen Training, du musst üben. Je öfter du es machst, desto besser funktioniert es. Auch bei mir hat es nicht sofort geklappt.»

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