Bundesliga-Start
Tischtennis-Star Boll: «Das hat an mir gezehrt»

Der Tischtennis-Sport will in der Corona-Zeit ein bisschen Normalität zurück. Am Sonntag beginnt eine Bundesliga-Saison, im Herbst sollen mehrere große Turniere gebündelt in China gespielt werden. Im dpa-Interview verrät der deutsche Star Timo Boll, was er dazu denkt.

Freitag, 04.09.2020, 14:21 Uhr aktualisiert: 04.09.2020, 14:24 Uhr
Tischtennis-Ass Timo Boll beim Aufschlag.
Tischtennis-Ass Timo Boll beim Aufschlag. Foto: Marius Becker

Düsseldorf (dpa) - Seit fast 20 Jahren ist Timo Boll einer der bekanntesten Namen des deutschen Sports. Solange schon gehört der 39-Jährige im Tischtennis zur Weltspitze.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der Rekord-Europameister von Borussia Düsseldorf über die Corona-Pause, den Saisonstart der Tischtennis- Bundesliga und über die immer größer werdende Zahl von Sportlern, die sich zu politischen oder gesellschaftlichen Themen äußern.

Im Tischtennis finden seit dem März keine internationalen Turniere mehr statt. Die Mannschafts-WM wurde verschoben, die Einzel-Europameisterschaft, sogar die Olympischen Spiele. Was haben Sie in dieser langen Corona-Pause gemacht?

Timo Boll: Ich habe meinem Körper mal richtig Ruhe gegönnt, komplett die Reset-Taste gedrückt und bin nach etwa zwei Monaten Pause wieder ins Training eingestiegen. Mir kam es sogar zugute, dass die Olympischen Spiele in diesem Jahr verschoben wurden. Jetzt arbeite ich mich Step by Step heran. Ich darf es nicht direkt wieder übertreiben, denn wir stehen ja jetzt vor einer Olympia-Saison. Das muss man sehr gewissenhaft und nach einem klaren Plan angehen. Da kann ich mir keine größeren Rückschläge mehr erlauben. Ich bin aber guter Dinge und voller Elan, die neue Saison anzugehen. Denn mittlerweile habe ich auch die nötige Erfahrung und Ruhe, um zu wissen: Wenn ich wieder anfange, komme ich auch schnell wieder in den Rhythmus. Das ist so antrainiert mittlerweile, das ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es mich nach einer längeren Pause nicht mehr so viel Aufbauzeit kostet wie vielleicht einen 20-Jährigen.

Sie werden im kommenden März 40 Jahre alt, wollen aber noch mindestens bis 2022 weiterspielen. Nehmen Sie eine solche Zwangspause entspannter hin, weil Sie in Ihrer Karriere schon so viel erlebt haben? Oder eher im Gegenteil, weil die Corona-Krise Ihnen etwas von dem nimmt, was nicht mehr im Überfluss vor Ihnen liegt: Karrierezeit?

Boll: Ich sehe das von zwei Seiten. Ich hatte vor der Corona-Pause schon das Gefühl, dass ich richtig gut drauf bin. Ich will nicht sagen: Das war die Form meines Lebens. Aber 2019 hatte ich schon ein wahnsinnig gutes Jahr. In Europa habe ich alles gewonnen und auch international habe ich fast nur gegen die Nummer eins der Welt verloren, gegen den Chinesen Fan Zhendong. Es lief also richtig gut und deshalb war es schon bitter für mich, dass so viele Veranstaltungen ausgefallen sind. Auf der anderen Seite habe ich schon viel erlebt und viele Erfolge feiern dürfen. Das macht mich im Umgang mit so einer Krise bestimmt gelassener als einen jüngeren Spieler, der vielleicht Angst hat, dass ihm die Zeit davonläuft.

Am Sonntag beginnt für Sie und Borussia Düsseldorf die neue Saison in der Tischtennis-Bundesliga - wenn auch erst einmal nur unter strengen Hygieneregeln und vor wenigen Zuschauern. Welchen Stellenwert hat die Bundesliga für einen Spieler, dessen Karriere vor allem an internationalen Titeln im Einzel gemessen wird?

Boll: Der Verein ist für die meisten Spieler immer noch das Wichtigste. Denn da verdienen viele den Hauptteil ihres Einkommens. Mich persönlich hat es enorm gewurmt, dass wir die beiden letzten Meisterschaften nicht gewonnen haben. Vor allem habe ich am Ende jeweils die entscheidenden Spiele verloren und das hat mich schon wesentlich mehr gestört, als wenn ich bei irgendeinem Einzelturnier ausgeschieden wäre. Das hat mich beschäftigt, das hat an mir gezehrt. Denn sehr häufig war es in meiner Karriere so, dass ich als Teil einer Mannschaft besser gespielt habe als in einem Einzel-Wettbewerb. Und das zeigt mir, dass mir an der Bundesliga immer noch sehr viel liegt. Das ist kein tägliches Brot für mich. Das ist ein Wettbewerb, den ich gewinnen möchte und bei dem ich viel Verantwortung verspüre: für den Verein und für meine Teamkollegen.

Und welchen Stellenwert hat die Bundesliga im internationalen Vergleich - etwa zur russischen Liga, in der ihr Freund und Nationalmannschafts-Kollege Dimitrij Ovtcharov spielt?

Boll: Die russische Liga ist im Tischtennis so etwas wie die englische Liga im Fußball: Da wird ein bisschen mehr gezahlt. Allerdings ist der Ligaalltag bei uns härter und dadurch auch sportlich höher einzuschätzen. In Russland gibt es zwei dominierende Clubs, in Deutschland hat man es auch gegen den Tabellensechsten oder -siebten immer noch schwer. Vor allem gibt es jetzt in der Bundesliga einen richtigen Dreikampf zwischen Saarbrücken, Ochsenhausen und uns. Und das ist super für die Liga. Früher hieß es immer: Borussia Düsseldorf ist zu stark und dominiert zu sehr - so ähnlich wie die Bayern im Fußball. Jetzt ist die Liga sehr attraktiv geworden.

Wenn Sie aktuell durch das Fernseh-Programm zappen, können Sie dort die Tour de France und die US Open im Tennis sehen. Haben Sie vor diesem Hintergrund Verständnis dafür, dass die auch für diesen Monat geplante Tischtennis-EM in Warschau früh verschoben wurde?

Boll: Der polnische Verband hätte die EM schon sehr gerne ausgerichtet. Aber die Europäische Tischtennis-Union hat einfach das Große und Ganze gesehen und schnell festgestellt, dass viele Verbände in dieser Zeit nicht hätten spielen oder anreisen können. Von daher kann ich die EM-Absage auf jeden Fall nachvollziehen.

Auf der internationalen Ebene sollen der World Cup und die «ITTF Finals» nun ab November gebündelt in China ausgetragen werden.

Boll: Der Weltverband hat uns Spieler mehrfach gefragt, ob wir uns vorstellen könnten - ähnlich wie die NBA im Basketball - für einige Wochen in einer Art Blase zusammenzukommen. Das heißt, uns in einem Hotel mit angeschlossener Halle zu treffen und dort einige Turniere auszutragen. Ich persönlich war da eher skeptisch. Zum einen beginnt jetzt bei uns die Bundesliga, was eine solche «Bubble» allein aus Vereinssicht schon einmal schwierig machen würde. Außerdem würde das eventuell bedeuten, dort vor Ort in Quarantäne zu müssen und danach wieder hier vor Ort in Quarantäne zu müssen. Dafür würde viel Zeit draufgehen. Aber klar: Jeder macht sich Gedanken, wie man etwas ausrichten und von dem ursprünglichen Turnierplan retten könnte. Das werden noch spannende Zeiten.

Was bedeutet das für Ihre Planung und Trainingsarbeit?

Boll: Ich trainiere so, dass ich mich auf einen großen Höhepunkt im Juli 2021 vorbereite: auf die Olympischen Spiele. Und das bedeutet für mich, dass ich jetzt ein Dreivierteljahr Zeit habe, um richtig Gas zu geben. Damit ich so fit bin, dass ich das alles durchstehe.

«Das alles» bedeutet: Vor den Olympischen Spielen müssen im Frühjahr 2021 noch eine Einzel-EM und eine Team-WM nachgeholt werden.

Boll: Ich hoffe, dass das passiert! Ich hätte nichts gegen möglichst viele Wettkämpfe vor den Olympischen Spielen. Das wäre für mich endlich mal die perfekte Vorbereitung. Denn sonst werden vor Olympia ja gerne weniger Turniere gespielt, um uns eine möglichst lange Vorbereitungszeit zu ermöglichen. Das war aber nie gut für mein Spiel beziehungsweise für die Art und Weise, wie ich mich gern vorbereiten würde. Meine Idealvorstellung ist immer: Wettkämpfe!

In den vergangenen Monaten haben sich immer mehr Sportler öffentlich positioniert: gegen Rassismus. Oder für die Verschiebung der Olympischen Spiele. Sehen Sie da ein neues Selbstverständnis der Sportler? Oder hat das mehr mit der schieren Bedeutung von Themen wie Rassismus, einer Pandemie und ihren Folgen zu tun?

Boll: Ich halte das grundsätzlich für eine gute Entwicklung, wenn sich Sportler, die das möchten, persönlich zu Wort melden. Sportler haben oft eine große Fanbase und erzielen damit eine breite Wirkung in der Öffentlichkeit. Aber jeder ist eben auch ein anderer Typ. Ich persönlich bin eher zurückhaltend und teile meine Gedanken nicht sofort mit. Wenn ich mich zu etwas äußere, dann muss das auch Hand und Fuß haben, dann will ich über dieses Thema Bescheid wissen. Deshalb bin ich manchmal auch eher wortkarg.

Der Tischtennis-Weltverband hat sie trotzdem gefragt, was Sie von einer Turnier-«Bubble» während der Corona-Pandemie halten. Passt das zu dieser Entwicklung hin zum mündigen Athleten?

Boll: Ich bin ja nun schon wirklich lange dabei und kann mich nicht daran erinnern, dass man Spieler früher in irgendwelche Planungen mit einbezogen hätte. Die ITTF versucht gerade, sich neu aufzustellen und zu professionalisieren. Sie hat dafür auch Topleute aus anderen Sportarten engagiert, und die konnten wahrscheinlich gar nicht glauben, wie stiefmütterlich im Tischtennis bislang die eigenen Spieler behandelt wurden. Ob die ITTF sich am Ende auch an das hält, was die Spieler ihr sagen, muss man sehen. Man hat aber auf jeden Fall das Gefühl, dass man gehört wird.

ZUR PERSON: Timo Boll ist der bislang beste deutsche und auch europäische Tischtennis-Spieler dieses Jahrhunderts. Er ist mit sieben Einzel-Titeln Rekord-Europameister und stand auch schon dreimal an der Spitze der Weltrangliste. Mit 39 Jahren gehört er immer noch zu den Top Ten dieses Rankings. In der Bundesliga spielt er seit 2007 für den deutschen Rekordmeister Borussia Düsseldorf.

© dpa-infocom, dpa:200904-99-426240/3

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