Keine Ironman-WM
Wehmütiger Blick der Triathlonstars nach Hawaii

Auch sie kämpfen derzeit. Nicht mit der Hitze auf Hawaii. Die Corona-Krise lässt die deutschen Ironman-Weltmeister nicht unberührt. Es geht ums Finanzielle und es geht auch um die weitere Karriere.

Freitag, 09.10.2020, 12:59 Uhr
Triathlet Jan Frodeno gewann dreimal den Ironman auf Hawaii.
Triathlet Jan Frodeno gewann dreimal den Ironman auf Hawaii. Foto: Marco Garcia

Berlin (dpa) - Jan Frodeno will am Abend vielleicht den Pizzaofen anwerfen. Eigentlich wäre der dreimalige Ironman-Weltmeister und Titelverteidiger nicht in seiner spanischen Wahlheimat Girona.

Eigentlich wäre Frodeno an diesem Samstagabend (MESZ) irgendwo mit seinem High-Tech-Rad auf dem berühmten Queen Ka'ahumanu Highway unterwegs, weit weg auf Hawaii.

180,2 Kilometer nach den 3,86 Kilometern Schwimmen, danach noch die 42,2 Kilometer Laufen. Sonne mit leichter Bewölkung ist für Kailua-Kona vorhergesagt, Temperaturen von über 30 Grad. Beste Bedingungen für ein weiteres denkwürdiges Rennen bei der berühmten Ironman-Weltmeisterschaft angeführt von den insgesamt vier deutschen Titelträgern an diesem 10.10.2020. Daraus wird nichts.

«Ein wenig Wehmut ist schon dabei», sagt Frodeno der Deutschen Presse-Agentur. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass seit langem schon feststeht, dass auch das WM-Rennen, das Ortszeit am Sonntag in der früh traditionell mit einem Kanonenknall gestartet worden wäre, nicht stattfinden wird. Zuerst auf Februar 2021 verschoben wegen der Coronavirus-Pandemie, dann komplett abgesagt.

«Training ist schön, aber sind wir mal ehrlich: einen Wettkampf und das Kribbeln im Bauch kann es nicht ersetzen», betont Patrick Lange, Gewinner 2017 und 2018. Den 34 Jahre alten Hessen wird es in die Berge ziehen in seiner Wahlheimat Salzburg. Gesprächsstoff gibt's genug, allen voran die «schönsten Erinnerungen» seiner Erfolge auf Hawaii.

Die Coronavirus-Pandemie bringt auch die an Grenzen, die sich einer der härtesten sportlichen Herausforderung stellen. Trainingsprogramme, Saisonplanungen, alles umsonst. Kaum Rennen fanden in diesem Jahr statt. Eines war angesetzt, bei dem 2014er Hawaii-Champion Sebastian Kienle nur wenige Wochen nach einem Schlüsselbeinbruch nach einem Trainingssturz auf dem Rad antrat. Als wären die Probleme der Profi-Triathleten nicht schon groß genug, musste dieses Rennen im schweizerischen Davos aber kurz nach dem Schwimmen wegen Unwetters abgebrochen werden.

Dass es derzeit in Deutschland auch recht herbstlich ist, macht alles nicht besser. «Das Wetter passt zur Stimmung, sonst war das immer schön, nach dem Rennen in Kona zurück nach Deutschland zu kommen, das Wetter hat die Pause dann noch gemütlicher gemacht. Jetzt verstärkt es die eher düstere Stimmung», sagt Kienle.

Die Ironman-Besitzer versuchen, in der jetzigen Situation weiter mit virtuellen Rennen zu retten, was zu retten ist. Das übliche Vorprogramm in der Hawaii-Woche - auch meist virtuell, dazu Einblicke hinter die Kulissen des Kultevents der Triathleten. Ein virtuelles 17-Stundenevent ist auch für die Zeit des eigentlichen Rennens geplant. «Trotz des für alle herausfordernden Jahres, waren wir entschlossen, einen Weg zu finden, die Traditionen und Errungenschaften zu feiern und zu ehren, die die Ironman-Weltmeisterschaft für so viele so besonders machen», erklärte Ironman-Geschäftsführer Andrew Messick.

Und doch ist es letztlich so, wie es «West Hawaii Today» jüngst beschrieb: «Anstatt die vertrauten Worte bis Mitternacht in Kailua-Kona zu hören - «You are an Ironman» («Du bist ein Ironman») -, wird es leise sein in der Stadt, vielleicht mit Ausnahme der gelegentlichen Geräusche der Coqui-Frösche.»

Den Athletinnen und Athleten fehlt die größte Plattform des Jahres, um sich und ihre Sponsoren zu präsentieren: In einem Sport, der weit weg ist von Millionen-Gehältern wie im Fußball, ein weiteres Problem in einer schwierigen, weil so gut wie rennlosen Saison. Ihr gehe es wie allen anderen Selbstständigen, Künstlern oder Musikern zum Beispiel, berichtet Anne Haug. «Natürlich bricht ein sehr großer Teil des Einkommens einfach weg», erklärt die Weltmeisterin des vergangenen Jahres aus Bayern.

Gerade für sie hätte dieses Jahr dank des WM-Triumphs als erste Deutsche die Kasse ein bisschen klingeln lassen können. Nun ist sie «extrem dankbar, dass ich ganz tolle Sponsoren habe, die auch in dieser schwierigen Zeit zu mir stehen. Länger als dieses Jahr sollte die Krise aber nicht dauern.»

Haug wird im Januar nächsten Jahres 38 Jahre alt, Frodeno im August 40. «Wer weiß - vielleicht ist meine Karriere ja schon zu Ende, ohne dass wir es wissen», sagt der gebürtige Kölner: «Es gibt immer Ausfälle im Sport, man wird sich derer nur noch viel bewusster zu späterer Stunde in seiner Karriere.» Auch Kienle macht sich so seine Gedanken über die Zukunft. «Existenzbedrohend» sei die Corona-Krise für ihn sicher nicht. «Dazu lief es in den letzten Jahren zu gut, und wir haben gut gewirtschaftet, wie man so schön sagt.»

Mit 36 Jahren bleibe ihm aber nicht mehr so viel Zeit. Wenn im nächsten Jahr wieder keine Rennen möglich seien, müsse er sich schon fragen, «ob es Sinn macht, da weiter hundert Prozent meiner Energie reinzustecken. Aber als Berufssportler bist du immer Optimist, also bleibe ich optimistisch.»

© dpa-infocom, dpa:201009-99-881246/4

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