EM in Moskau
Gewichtheber Jürgen Spieß: «Die Reise ist beendet»

Er ist ein Urgestein im deutschen Gewichtheben. Jetzt hört er auf. Jürgen Spieß war dreimal bei Olympia, wollte eigentlich nach Tokio. Vom Gewichtheben wird er aber nicht lassen.

Sonntag, 11.04.2021, 14:13 Uhr aktualisiert: 11.04.2021, 14:16 Uhr
Beendet seine Karriere: Gewichtheber Jürgen Spieß.
Beendet seine Karriere: Gewichtheber Jürgen Spieß. Foto: epa Robert Ghement

Moskau (dpa) - Er wäre so gern zu seinen vierten Olympischen Spielen gefahren. Doch Gewichtheber Jürgen Spieß zieht einen Schlussstrich.

«Die Reise ist für mich beendet. Meine internationale Karriere ist vorbei», sagt der 37 Jahre alte Routinier, nachdem er zwei Tage zuvor bei der EM in Moskau keinen gültigen Versuch im Stoßen geschafft hatte, damit ohne Zweikampfwert geblieben war und die Olympia-Qualifikation verpasst hatte. «Ich bin nicht mehr in der Lage, ansatzweise in der Spitze mitzukämpfen. Anspruch und Wirklichkeit gehen auseinander. Das hat nichts mehr mit Leistungssport zu tun», urteilt der Europameister von 2009.

Zwei Jahrzehnte betrieb der gebürtige Heidelberger Leistungssport. Mittlerweile hat er einige Tonnen an Eisen bewegt. Als Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) und Mitglied der Athletenkommission im Weltverband IWF bleibt er seinem Sport erhalten. Zudem will er ab und an in der Bundesliga aushelfen. «In Moskau habe ich einige meiner früheren Konkurrenten getroffen. Sie sind jetzt Trainer oder Betreuer.» Auch daran merkt Spieß: «Der Zahn der Zeit nagt an mir.»

Der Bundestrainer nennt Spieß einen Vorzeigesportler. «Er war über Jahrzehnte Weltspitze. Das ist im Gewichtheben eine Seltenheit», sagt David Kurch. «Er hat die deutsche Fahne zwei Jahrzehnte hochgehalten und hat dabei immer das Fair Play gelebt.»

Als schönste Erlebnisse in seiner Karriere nennt Spieß die Olympischen Spiele in Peking, London und Rio. Obwohl sie sportlich nicht die besten Ergebnisse brachten, schwärmt er vom besonderen Flair in der großen Sportlergemeinschaft. Pikant: In Peking 2008 war er ursprünglich Neunter. Zehn Jahre später bekam er die Urkunde, dass er tatsächlich Sechster ist. In London landete er ebenfalls auf Platz neun. Vor sechs Wochen gab es Post vom IOC mit der Korrektur: Es ist Platz sieben. Grund: Die Nachkontrollen der Dopingproben von damals hatten viele Dopingsünder auffliegen lassen. Weil die Sporthilfe finanzielle Unterstützung bis Platz acht zahlt, gab es für Spieß Nachzahlungen.

«Der Dopingkampf zeigt Fortschritte», sagt der Polizist. «Das hat sich auch bei der EM gezeigt.» Ausreißer gibt es aber immer noch. Ein 16-jähriger Bulgare stößt mit 206 Kilogramm Europarekord. «Das ist biologisch eigentlich nicht möglich», meint Spieß. Als 13-Jähriger steht Karlos Nasar mit 113 Kilogramm in den Annalen, als 14-Jähriger mit 147. Spieß: «Da sagen viele: Spart das Geld für den Dopingtest.» Eine Nachkontrolle in einigen Jahren mit neuem Analyseverfahren würde sich vermutlich lohnen. «Leider gibt es die für WM und EM nicht», bedauert der Nationalmannschaftskapitän.

Für den zweifachen Familienvater ändert sich das Leben. «Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt. Jetzt kann ich auch mehr Ruhe ins Familienleben bringen. Ben ist fünf, und Oskar wurde vor sechs Wochen geboren.»

© dpa-infocom, dpa:210411-99-159876/4

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