Vor 30 Jahren
«Verkalkuliert»: Vereinigung mit dem Sport-«Wunderland DDR»

Die Vereinigung des Sports vor 30 Jahren weckte hohe Erwartungen. Doch dass aus einer erfolgreichen und einer sehr erfolgreichen Nation die Nummer eins in der Sport-Welt werden würde, erfüllte sich nicht. DOSB-Präsident Hörmann hielt es für eine «Milchmädchenrechnung.»

Samstag, 03.10.2020, 08:22 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 08:25 Uhr
Arm in Arm: Fahnenträger Gabriele Lippe aus der Bundesrepublik und Ulf Timmermann aus der DDR 1990 bei der Schlußfeier der Leichtathletik-EM im jugoslawischen Split.
Arm in Arm: Fahnenträger Gabriele Lippe aus der Bundesrepublik und Ulf Timmermann aus der DDR 1990 bei der Schlußfeier der Leichtathletik-EM im jugoslawischen Split. Foto: -

Frankfurt/Main (dpa) - Es war eine Szene für die Geschichtsbücher. Arm in Arm marschierten der Kugelstoßer Ulf Timmermann und Hürdenläuferin Gabriele Lippe mit ihren Landesfahnen bei der Schlussfeier der Leichtathletik-EM 1990 in Split in das Stadion.

Die Geste des DDR-Athleten und der Sportlerin aus der Bundesrepublik nur Wochen nach dem Fall der Mauer hatte Symbolkraft, die nicht nur die damals auf der Tribüne sitzende Heide Rosendahl-Ecker rührte. «Da hatte ich Tränen in den Augen», sagt die Doppel-Olympiasiegerin im Weitsprung und mit der Sprint-Staffel von 1972 in München.

Für Alfons Hörmann nahmen die Leichtathleten aus Ost und West vorweg, was offiziell folgte. «Die Botschaft der Sportler war klar: Wir sind ein Land und wir sind ein Team», erklärt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ganz so einfach war die vor 30 Jahren mit großen Erwartungen verknüpfte Vereinigung der unterschiedlichen Sportsysteme der DDR und der Bundesrepublik nicht.

Die kühne Prognose von Franz Beckenbauer nach dem WM-Triumph 1990 in Rom, dass Deutschland mit Fußball-Größen der DDR wie Matthias Sammer oder Ulf Kirsten «unschlagbar» werde, bewahrheitete sich ebenso wenig wie die Formel: Aus zwei erfolgreichen Sportnationen entsteht die erfolgreichste der Welt. Das sei «von Anfang an eine Milchmädchenrechnung» gewesen, sagt Hörmann. Auch für Walther Tröger war es eine Gleichung, die nicht aufgehen konnte. «Man konnte nicht einfach alles zusammenwürfeln. Die Sportler im Osten hatten ein funktionierendes System verloren», erklärt der 91-Jährige, der von 1992 bis 2002 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees war.

«Der Spitzensport war ein regelrechter Sonderfall der deutschen Einheit», meint die Historikerin Jutta Braun. Bundesdeutsche Sportpolitiker und Verbände hätten anfangs zu erkunden gehofft, «was denn die Geheimnisse hinter dem Sport im Wunderland DDR waren und welche Bausteine man imitieren oder übernehmen» könne. Denn die DDR war bei den olympischen Kräftemessen seit Mexiko 1968 besser gewesen als die Bundesrepublik - «und das hatte sich dauerhaft festgesetzt», so Braun. Zumal die DDR zwischen 1968 und 1988 über 500 Olympia-Medaillen gewann, die Bundesrepublik nicht mal die Hälfte.

Zunächst schien die Rechnung aufzugehen: Bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville eroberte das vereinte Deutschland Platz eins im Medaillenspiegel und bei den Sommerspielen in Barcelona lief es Monate später mit vereinten Kräften auch noch verheißungsvoll. «Der Spitzensport schien ein «Vereinigungsgewinn». Da hatte man sich aber verkalkuliert», betont Braun, die im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam tätig ist.

Denn die Strukturen und Entscheidungen im DDR-Sport seien in einer Demokratie nicht möglich gewesen: «Das fängt beim staatlichen Dopingsystem an.» Dazu gehörte aber auch die Stasi-Überwachung von Athleten und Trainern oder eine zwangsweise Talentauslese an Schulen sowie eine Heerschar von rund 10.000 hauptamtlichen Trainern und Mitarbeitern für die «Diplomaten im Trainingsanzug» der DDR in Zeiten des Kalten Krieges. «Alles wurde dem Ziel, den sportlichen Triumph über den Klassenfeind feiern zu können, untergeordnet», sagt Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag.

Mit der Einheit seien auch die Machenschaften verantwortungsloser Ärzte und Trainer im Westen ans Licht gekommen. «Werte des Sports wurden ebenso mit Füßen getreten, schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen billigend in Kauf genommen - hüben wie drüben», urteilt sie. «Die vielbeschworenen Selbstreinigungskräfte des Sports standen nach meiner Wahrnehmung zu keinem Zeitpunkt an der Spitze der Bewegung.» Zu groß sei die Euphorie im wiedervereinigten Sport gewesen, «mit einem Schlag in der ersten Reihe der Medaillensammler stehen zu können», was sich «schnell als Irrglaube» erwiesen habe.

«Von einer bloßen Addition im Medaillenspiegel auszugehen, wäre doch sehr naiv gewesen», meint Jürgen Kessing, Präsident der deutschen Leichtathleten. «Wo vorher je 2x3-Startberechtigungen vorlagen, gab es plötzlich nur noch 1x3-Startplätze je Disziplin, was zu einer Reduzierung der Medaillenchancen führte.» In Sachen deutsche Einheit hält er die Integration in seiner Sportart für gelungen, wenn auch nicht alles richtig gemacht worden sei. «So ist es bis heute nicht gelungen in der Rekorddiskussion neue Wege zu gehen», sagt er mit Blick auf die irrwitzigen Bestmarken aus Hochzeiten des Dopings.

Die Aufarbeitung der Doping-Vergehen in den vom Molekularbiologen Werner Franke initiierten Prozessen in den 1990er Jahren ist laut Jutta Braun einzigartig gewesen: «Es ist eine enorme Leistung, nicht nur auf die Mauerschützen an der Grenze geblickt zu haben, sondern dass auch Vergehen im Sport juristisch hinterfragt wurden.»

Außerdem hält die Historikerin in der Bilanz der Sport-Einheit nicht den Spitzen- sondern den Breitensport für «das Allerwichtigste». Aktuell sind rund 27 Millionen Mitglieder in etwa 90 000 Vereinen organisiert. In der DDR gab es kein freies Vereinswesen, sondern einen staatlich gelenkten Betriebssport. Das musste neu geschaffen werden.

«Insofern kann man für den Breitensport sagen: Es ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Es war die Rückkehr der Zivilgesellschaft in den Sportalltag», urteilt Braun. Für sie lässt sich daraus eine generelle Lehre aus dem DDR-Sport ziehen: «Die Anzahl an Medaillen, die ein Staat erbringt, ist kein zuverlässiger Indikator für das Ausmaß an Freiheit, Gerechtigkeit, Zufriedenheit und Wohlstand in einer Gesellschaft.»

Der vielfältige Breitensport hat für Hörmann «genauso viel Strahlkraft wie die andere Seite der Medaille, die großen Vorbilder an der Spitze». Das deutsche Team kämpfe weiter um Medaillen, aber im Mittelpunkt stehe das Wie: «Ist der Erfolg sauber und fair errungen», betont der DOSB-Chef. Die positiven Aspekte des leistungssportlichen Erbes der DDR seien inzwischen fast aufgebraucht. «Mit der 2016 verabschiedeten Leistungssportreform sind wir nun 30 Jahre nach der Wiedervereinigung auf einem guten Weg, das gesamtdeutsche Sportsystem für die Zukunft fit zu machen», sagt Hörmann.

© dpa-infocom, dpa:200928-99-738806/3

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