Nations League
Ungeliebte Premiere: Geisterspiel - für Löw aber «wertvoll»

Wieder ein Neustart: Löws junge Garde hat große Ziele. Die Nations League mit Top-Gegnern wie Spanien kommt für die EM-Pläne gerade recht. Einen Vorteil nimmt das DFB-Team schon mit. Noch aber beeinflusst die Corona-Pandemie auch weiter die Nationalmannschaft.

Mittwoch, 02.09.2020, 12:18 Uhr aktualisiert: 02.09.2020, 12:20 Uhr
Joachim Löw klettert beim DFB-Training über eine Absperrung.
Joachim Löw klettert beim DFB-Training über eine Absperrung. Foto: Christian Charisius

Stuttgart (dpa) - Nach 289 Tagen Zwangspause dürfen Joachim Löw und seine erfolgshungrigen Spieler wieder loslegen. Doch beim Neustart der deutschen Nationalmannschaft schlagen beim Bundestrainer noch immer «zwei Herzen in einer Brust», wie der Weltmeister-Coach von 2014 selbst einräumte.

Auf der einen Seite kehrt das DFB-Team mit Interims-Kapitän Toni Kroos am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) in Stuttgart gegen Spanien endlich in den Wettkampfmodus zurück. Andererseits erlebt Löw in seiner 182. Partie als DFB-Chefcoach eine ungeliebte Premiere. «Als Trainer hatte ich noch nie ein Spiel ohne Zuschauer», sagte der 60-Jährige. Der Start der zweiten Nations-League-Auflage geht als Geisterspiel über die Bühne. «Trotzdem bin ich hoch motiviert», betonte Löw zum Start seiner 15. Saison als Bundestrainer.

Für das Löw-Team ist es gefühlt mindestens der dritte Neustart nach der völlig misslungenen WM mit dem Vorrunden-Aus in Russland 2018. Zunächst versuchte es der Bundestrainer noch mit dem verdienten Weltmeister-Personal um Thomas Müller und Mats Hummels, dann schickte er über Nacht die jungen Wilden um Serge Gnabry auf den Platz. Und jetzt nach der längsten Länderspiel-Unterbrechung seit 50 Jahren peilt Deutschland mit neuen Gesichtern wie Robin Gosens sowie den Rückkehrern Leroy Sané und Niklas Süle den vierten EM-Titel an.

Den Anspruch, dass Deutschland bei großen Turnieren immer nach dem Optimalen strebt, hat auch die neue Generation schon verinnerlicht. So sieht Timo Werner vor seinem Heim-Länderspiel die oft zwiespältig betrachtete Nations League als gute «Vorbereitung auf die EM, um sich einzuspielen und dort den Titel zu holen», erklärte der gebürtige Stuttgarter, der nach seinem Wechsel aus Leipzig beim FC Chelsea weiter zu einem Top-Stürmer reifen will. «Wir haben jetzt eine sehr junge Mannschaft», sagte Werner und erläuterte den möglichen Vorteil. Viele Spieler würden sich bereits aus Jugendmannschaften oder ehemaligen Clubs kennen, das sei gute für das Teamgefüge.

Der Umbruch ist ohnehin schon vollzogen: Im aktuellen Kader stehen neun Confed-Cup-Sieger von 2017, aber nur noch drei Weltmeister von 2014 (Kroos, Julian Draxler, Matthias Ginter). Nun geht es darum, Abläufe und Automatismen einzuschleifen. Um die neuen Strukturen zu festigen, sind Tests wie gegen Spanien und am Sonntag in der Schweiz als Wettkampfspiele für Löw besonders wichtig. «Die Nations League ist ein sehr guter Wettbewerb, die Mannschaften sind auf sehr hohem Niveau. Das macht diese Spiele wertvoll, das ist gut für die Entwicklung unserer Mannschaft», betonte der Bundestrainer.

Dass Löw auf wichtige Teamsäulen wie die Champions-League-Sieger Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Gnabry und Leon Goretzka vom FC Bayern sowie Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann vom Königsklassen-Halbfinalisten RB Leipzig verzichtet, passt in Sachen Belastungssteuerung in seinen EM-Plan. Zugleich eröffnet sich für den 26 Jahre alten Außenbahnspieler Gosens von Atalanta Bergamo als Neuling gleich die Startelf-Chance. In der Innenverteidigung kann Löw mit der Dreierkette Ginter, Süle und Antonio Rüdiger testen, die auch im kommenden Sommer die erste Lösung sein könnte.

Und in der Offensive ist Löws Team auch ohne den Nationalelf-Dauertorschützen Gnaby mit Werner, Sané und dem unmittelbar vor einem Wechsel zum FC Chelsea stehenden Kai Havertz exzellent besetzt. «Natürlich freue ich mich immer wieder, dass wir die junge Mannschaft haben, die jetzt Zeit braucht, die Spiele braucht, die Einsätze braucht, dass wir die testen können, einsetzen können», bemerkte Oliver Bierhoff. Der Nationalmannschafts-Direktor weiß allerdings auch um die Einflüsse der anhaltenden Corona-Pandemie und den dadurch noch komprimierteren Terminkalender.

«Es ist anstrengend, gerade jetzt in den schwierigen Zeiten, wo die Menschen andere Sorgen haben», bemerkte Bierhoff. Löw hat in der Corona-Pause lange über die Einordnung des Profifußballs nachgedacht. Auch weil er in seinem Freundeskreis selbst erlebte, was Covid-19 anrichten kann. So stieß auch die Entscheidung der europäischen Fußball-Union UEFA, dass zum Länderspiel-Neubeginn nach fast zehn Monaten Pause in allen Stadien des Kontinents ohne Zuschauer gespielt wird, durchaus auf Verständnis im DFB-Zirkel. «Es ist nicht nur für die Fans sehr schwer», sagte Werner. «Aber in der Lage ist es für alle Beteiligten besser, wenn man einen gewissen Abstand einhält.»

Die Sehnsucht nach der Rückkehr von Zuschauern ins Stadion ist dennoch groß. «Wir vermissen die Fans unglaublich. Es fehlt was, es fühlt sich nicht richtig an», sagte Bayern-Verteidiger Süle. Der Deutsche Fußball-Bund hatte eigentlich vor, zumindest 500 Zuschauer in die Mercedes-Benz-Arena zu lassen.

Das letzte Spiel vor der Corona-Pause hatte Deutschland am 19. November des Vorjahres in der EM-Qualifikation gegen Nordirland absolviert. Beim 6:1-Sieg in Frankfurt waren 42 855 Fans dabei. Alle für 2020 angesetzten Länderspiele fielen bisher aus, die EM wurde auf den Sommer 2021 verschoben. «So eine Situation hat es noch nie gegeben», erklärte der Bundestrainer zu weiterhin besonderen Lage.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Deutschland: Trapp (Eintracht Frankfurt/30 Jahre/3 Länderspiele) - Ginter (Borussia Mönchengladbach/26/29), Süle (FC Bayern München/24/24), Rüdiger (FC Chelsea/27/30) - Kehrer (Paris Saint-Germain/23/7), Gündogan (Manchester City/29/37), Kroos (Real Madrid/30/96), Gosens (Atalanta Bergamo/26/0) - Havertz (Bayer Leverkusen/21/7) - Sané (FC Bayern München/24/21), Werner (FC Chelsea/24/29)

Spanien: De Gea (Manchester United/29/41) - Jesús Navas (FC Sevilla/34/42), Sergio Ramos (Real Madrid/34/170), Pau Torres (FC Villarreal/23/1), Gayá (FC Valencia/25/7) - Rodri (Manchester City/24/11), Fabián Ruíz (SSC Neapel/24/6), Mikel Merino (Real Sociedad San Sebastián/24/0), Thiago (FC Bayern München/29/37) - Ferrán Torres (Manchester City/20/0), Rodrigo (FC Valencia/29/22).

Schiedsrichter: Orsato (Italien)

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