Arbeitssieg in Köln
«Arbeitsschweinchen»: Bayern-Stars mit Kraft-Durchhänger

Der FC Bayern ist Tabellenführer, doch gezaubert wird derzeit nicht. Die lange Saison mit dem Finalturnier der Champions League hat Kraft gekostet. Einige Stars sind nicht zu ersetzen. Weshalb für Flick vor allem eines zählt.

Sonntag, 01.11.2020, 11:43 Uhr aktualisiert: 01.11.2020, 11:47 Uhr
Holten ohne viel Glanz drei Punkte mit aus Köln: Bayern-Torschütze Thomas Müller (r) und Joshua Kimmich.
Holten ohne viel Glanz drei Punkte mit aus Köln: Bayern-Torschütze Thomas Müller (r) und Joshua Kimmich. Foto: Marius Becker

Köln (dpa) - Tormaschine Robert Lewandowski nahm freiwillig eine Auszeit, Muskelmann Leon Goretzka wurde von seinem Körper ausgebremst und Thomas Müller beschwor die neue Mentalität als «Arbeitsschweinchen».

Der FC Bayern hat zwar die Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga erobert, eine Woche vor dem Topspiel bei den punktgleichen Dortmundern aber schon früh in der Saison mit der hohen Belastung zu kämpfen.

«Eigentlich ist das nicht unser Anspruch, hier zittern zu müssen», sagte Müller nach dem glücklichen 2:1 (2:0) beim noch sieglosen 1. FC Köln. «Wir haben gute Fußballer, die sowohl Tempo als auch Technik haben. Aber wenn das alles nicht so gut funktioniert, musst du auch mal das Arbeitsschweinchen rausholen.» Darauf angesprochen sagte Trainer Hansi Flick lachend: «Das Wort in der Mitte würde ich weglassen. Aber im Prinzip ist das okay.»

Der zweite glanzlose 2:1-Sieg nach dem bei Lokomotive Moskau am vergangenen Dienstag zeigte, dass die Bayern derzeit einen kleinen Kraft-Durchhänger haben. «Im Moment haben wir alle drei, vier Tage ein Spiel, dazu viele Reisen mit vier Auswärts-Spielen», sagte Flick: «Das ist für die Spieler eine psychologische und mentale Belastung.» Vor allem die letzten Minuten, als die Bayern nach dem Anschlusstor von Dominick Drexler (82.) nicht wie gewohnt noch einmal zulegen konnten, zeigte das Dilemma.

Doch Flick muss sich sehr wohl überlegen, wem er wann eine Pause gönnt. Die für Lewandowski, der in den ersten fünf Spielen zehn Tore erzielt hatte, hätte sich in Köln fast gerächt. «Am Ende ist alles gut ausgegangen», sagte Flick. Trotz nur sieben Torschüssen, den wenigstens seiner Amtszeit. Bemerkenswert war aber, dass selbst der ehrgeizige Lewandowski laut Flick schnell «Gefallen gefunden» habe an der Verschnaufpause. «Man erwartet von ihm immer, dass er zu hundert Prozent da ist und seine Tore macht. Das ist eine wahnsinnige mentale Anspannung», sagte der Trainer: «Deshalb hat ihm das sehr gut getan.»

Die Kollegen waren derweil überrascht über die Auszeit des Torgaranten. «Ich habe es erst beim Abschluss-Training mitbekommen, als er sagte: 'Viel Glück, Jungs!'», erzählte Müller: «Da habe ich mich gefragt: Was meint er denn jetzt?» Die Leistungen von Eric-Maxim Choupo-Moting und Joshua Zirkzee bestätigten letztlich, dass das Gefälle hinter «Europas Fußballer des Jahres» riesig ist. Choupo-Moting hatte in 62 Minuten nur 16 Ballkontakte, Lewandowski hatte unter der Woche 43. Der eingewechselte Zirkzee blieb ohne Torschuss oder Torschussvorlage. Auch der angeschlagen in München gebliebene Goretzka wurde schmerzlich vermisst.

«Am Ende war es ein Arbeitssieg, keine Gala und keine Glanzvorstellung», sagte Müller, der mit einem Handelfmeter (13.) selbst seinen 260. Bundesliga-Sieg mit dem FC Bayern eingeleitet hatte, wodurch er den Rekord des heutigen Vorstandsmitglieds Oliver Kahn einstellte. Sein Team sei zudem «oft ein bisschen aufreizend und lässig» gewesen.

Deshalb habe man letztlich «ein bisschen zu viel Kraft gebraucht», mahnte Flick. Was das physische Problem nicht kleiner macht. Nach 31 Siegen in 32 Pflichtspielen käme eine breite Schwäche-Phase bei den Spielen in Salzburg und Dortmund zum unpassendsten Zeitpunkt. Deshalb schraubt Flick seine Ansprüche an die Spielweise in diesen anstrengenden Wochen etwas herunter. «Wir sind Bayern München, wir wollen Erfolg haben», sagte der 55-Jährige: «Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, gehört normalerweise dazu. Und natürlich sehen wir das gerne anders. Aber man muss die Gesamtsituation mit einziehen. Und am Ende geht es um das nackte Ergebnis.»

© dpa-infocom, dpa:201101-99-164400/3

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7658460?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686137%2F2686210%2F2686767%2F
Nachrichten-Ticker